Fall Madeleine: Untersuchungsrichter soll entscheiden

Der portugiesische Staatsanwalt reichte die Unterlagen überraschend beim Untersuchungsrichter ein. Die Eltern von Madeleine werden weiter verdächtigt.

EPA (Luis Forra)

Der Fall Madeleine ist an einen Untersuchungsrichter weitergegeben worden. Dieser soll nun unter anderem entscheiden, ob das Beweismaterial für eine Anklage der Eltern der Vierjährigen ausreicht. Der portugiesische Staatsanwalt reichte die Unterlagen am Dienstagabend überraschend bei dem Richter ein. Dieser hat nun zehn Tage Zeit, zu entscheiden, wie in dem Fall des verschwundenen kleinen Mädchens vorgegangen wird. Möglich ist auch, dass er weitere Durchsuchungen oder Befragungen anordnet, berichtete die BBC.

"Die Untersuchung ist nicht abgeschlossen und es sind weitere Ermittlungen notwendig, in deren Folge über mögliche Zwangsmaßnahmen (gegen die Eltern, Anm.) entschieden wird", teilte der portugiesische Generalstaatsanwalt Fernando Jose Matos am Dienstagabend in Lissabon mit. Zuvor hatte Matos den vorläufigen Ermittlungsbericht der portugiesischen Polizei erhalten.

Über die Eltern von Madeleine, Kate und Gerry McCann, könnten Zwangsmassnahmen wie Untersuchungshaft verhängt oder eine erneute Befragung beschlossen werden. Die Behörde könnte aber auch die formelle Anschuldigung gegen Maddies Eltern aufheben oder weitere Ermittlungen anordnen.

Eltern zurück in England

Kate und Gerry McCann kehrten am Sonntag in ihren Heimatort Rothley in Mittelengland zurück. "Wir haben nichts mit dem Verschwinden unserer geliebten Tochter zu tun", beteuerte Gerry McCann kurz nach der Ankunft. Madeleines Mutter sagte in der britischen Zeitung "Sunday Mirror" (Sonntagsausgabe), sie habe Angst, dass die portugiesische Polizei ihr "etwas anhängen" wolle. Die Polizei habe ihr eine zwei- oder dreijährige Haftstrafe angeboten, wenn sie im Gegenzug zugebe, ihre Tochter versehentlich aus Stress getötet zu haben. "Der Polizei geht das Budget für ihre Ermittlungen aus und sie will sie beenden", erklärte Kate McCann.

Streit um angebliche Beweise

Die portugiesische Polizei geht inzwischen nicht mehr davon aus, dass Maddie noch am Leben ist. Knapp drei Monate nach ihrem mysteriösen Verschwinden entdeckte sie angeblich Blutspuren in dem Zimmer, in dem das Kind schlief. Die DNA-Spuren wurden zur Analyse in ein britisches Labor gesandt; seit Donnerstag liegen Teilergebnisse vor, über deren Inhalt offiziell jedoch nichts bekannt wurde.

Britische Experten sind irritiert über die Weise, wie die portugiesischen Behörden die Testergebnisse verwenden, berichtet die "Sunday Times". Sie hätten sie zunächst vor allem dazu genutzt, um während eines elfstündigen Verhörs Druck auf Madeleines Mutter auszuüben. Die Polizei habe ihr "Beweise" vorgelegt, wonach Hunde an ihren Kleidern Leichengeruch gewittert hätten und Blutspuren von Madeleine in ihrem Leihwagen gefunden worden seien.

Wurde gar kein Blut gefunden?

Das Labor in Birmingham sagte der "Sunday Times", bei den im Leihwagen der McCanns gefundenen DNA-Spuren handle es sich gar nicht um Blut. Diese Spekulationen sind "einfach falsch", so das Labor. Außerdem seien die von der portugiesischen Polizei sichergestellten DNA-Spuren sehr gering und in so schlechtem Zustand gewesen, dass sie Madeleine nicht eindeutig zugeordnet werden konnten. Es sei nicht einmal klar, ob die DNA von einem Buben oder einem Mädchen stamme. "Wenn tatsächlich eine verwesende Leiche in dem Auto weggeschafft wurde, hätte man massenhaft DNA gefunden", erklärte der Polizeiexperte Alistair Irvine.

Nun hat die portugiesische Kriminalpolizei am Montagabend mitgeteilt, dass sie die Blutspuren aus dem Mietwagen der Eltern der verschwundenen Madeleine McCann nicht eindeutig der Vierjährigen zuordnen konnte. "Keines der Untersuchungsergebnisse erlaubt es, mit Sicherheit sagen zu können, dass es das Blut von x oder y ist", sagte der Chef der portugiesischen Kriminalpolizei, Alipo Ribeiro, dem Fernsehsender RTP.

Britische Medien hatten zuvor berichtet, dass die entdeckten Blutspuren zu 100 Prozent mit Maddies DNA übereinstimmten. Die Blutspuren waren im Kofferraum eines Autos entdeckt worden, dass Kate und Gerry McCann 25 Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter am 3. Mai an der portugiesischen Algarve-Küste gemietet hatten.

Leihwagen noch immer nicht sichergestellt

Britische Experten wundern sich allerdings über den Umgang der portugiesischen Polizei mit angeblichem Beweismaterial. Wenn der Leihwagen tatsächlich ein so wichtiges Beweisstück sei, hätte er längst sichergestellt werden müssen, sagte der Pathologe Hugh White der "Sunday Times". Andere Experten stimmen ihm zu. "Wieso durften die McCanns den Wagen überhaupt noch fahren?", wundert sich Lord MacKenzie, ein ehemaliger Polizeikommissar.

Auch der angeblich festgestellte Leichengeruch an den Kleidern von Kate McCann gilt für britische Experten nicht als Beweis dafür, dass das Ehepaar Madeleine getötet hat. Den Geruch könnten Hunde höchstens bis zu vier Wochen nach dem Tod wahrnehmen, sagte John Barrett, ein früherer Hundeführer von Scotland Yard dem "Sunday Telegraph". Der Hund sei aber erst fast drei Monate nach dem Verschwinden von Madeleine zum Einsatz gekommen. Das Ergebnis sei äußerst unzuverlässig.

Britische Polizei geht von Entführung aus

Die portugiesische Polizei äußert sich zu all dem nicht. Sie vertraut darauf, das Verschwinden von Madeleine aufklären zu können und damit letzten Endes Recht zu behalten. In den nächsten Tagen werden weitere Testergebnisse aus Birmingham an der Algarve erwartet. Nach Informationen der "Daily Mail" weisen sie darauf hin, dass Madeleine in der Ferienwohnung, aus der sie verschwand, zu Tode kam. Als Beweismaterial seien auch diese Ergebnisse kaum verwendbar, denn die Polizei habe die Wohnung nach dem Verschwinden des Mädchens nicht korrekt gesichert, sagte ein Polizeiexperte der "Mail on Sunday".

Die britische Polizei ginge weiterhin davon aus, dass die kleine Madeleine entführt wurde, so der Experte.
(Ag./Red.)

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