Pavarotti-Nachlass: Zwei Familien, zwei Testamente

Der Streit um das Erbe von Pavarotti hat begonnen – mit all jenen Spekulationen und Diffamierungen, die dazugehören.

(c) AP (Alessandra Tarantino)

Rom.Eigentlich sollte an „Big Lucianos“ letztem Willen kein Zweifel bestehen. Der „Tenorissimo“ hat Nicoletta Mantovani, seine zweite Ehefrau, zur Haupterbin eingesetzt. Sie bekommt die Hälfte eines Vermögens, dessen Höhe – spekulativ – zwischen 30 und 200 Mio. Euro angesetzt wird. Lorenza, Cristina und Giuliana hingegen, Pavarottis Töchter aus erster Ehe, müssen sich mit dem gesetzlichen Pflichtteil begnügen; Adua Veroni, die erste Ehefrau, geht leer aus.

So hat es der Sänger in jenem Testament verfügt, das er Mitte Juni vom Krankenbett aus einem Notar diktierte. Eine Woche vor seinem Tod aber schob Pavarotti einen zweiten letzten Willen nach. Der Text wurde am Dienstag veröffentlicht – und seither kann sich Nicoletta Mantovani vor Verdächtigungen kaum mehr retten.

Die 37-Jährige steht ohnedies in Italiens sentimentalen Medien als „die Böse“ da. Nicht nur, dass sie als Sekretärin, 34 Jahre jünger als ihr Chef, den über drei Jahrzehnte verheirateten Pavarotti seiner Ehefrau weggeschnappt hatte; nein: Sie soll ihn auch systematisch von seinen Freunden und Kollegen abgeschottet haben. So behauptet es jedenfalls eine „alte Freundin Lucianos“. Pavarotti, so gibt diese an, habe sich zunehmend isoliert und einsam gefühlt; Nicoletta habe ihm immer wieder nur „irgendwelche Sachen zum Unterschreiben“ vorgelegt; er habe überlegt, die Beziehung aufzulösen.


Witwe in der Bredouille

Das zweite Testament, das ein Anwalt der Gegenseite vorsorglich als „zweifelhaften Akt“ bezeichnet hat, bringt Mantovani noch stärker in die Bredouille. Denn nun wurde bekannt, dass Pavarotti sein Vermögen in letzter Minute zu Gunsten seiner jungen Frau zweigeteilt hat: Das erste Testament soll sich nun nur auf den italienischen Teil der Hinterlassenschaft erstrecken; alles aber, was Pavarotti in den USA besaß, bekommt Mantovani ganz alleine. Die Rechtskonstruktion einer „Stiftung nach amerikanischem Recht“ soll verhindern, dass Mantovani auch diesen Teil des Erbes mit Pavarottis Töchtern teilen muss.

Dass sich Pavarottis erste Familie darüber ärgert, versteht sich, denn es geht um Millionen: Der Sänger, der sich des stürmischen Applauses wegen in Amerika immer zuhause fühlte, besaß in bester New Yorker Stadtlage ein luxuriöses und zwei kleinere Apartments, dazu eine Kunstsammlung und wohl auch einige Unternehmensbeteiligungen.

Nun fragt sich Italien, was Nicoletta Mantovani – kaum war Pavarotti beerdigt – mit ihrer Blitzreise nach New York bezweckte. Zuerst hatte es verständnisvoll geheißen, sie habe sich und die gemeinsame vierjährige Tochter Alice vor dem Ansturm der Medien schützen wollen; nun vermutet man eher, sie habe ihre „amerikanische Stiftung“ juristisch noch schnell unter Dach und Fach gebracht, bevor der große Erbstreit einsetzte.

Italiens Medien stellen Mantovani nun – grob gesagt – als die geldgierige, geschäftstüchtige Erbschleicherin hin. Die Turiner „Stampa“ listet sogar „Nicolettas Imperium“ auf, das sie „im Schatten des Maestro“ angelegt haben soll. Neben einer Konzertagentur „Pavarotti International 23“, die ihr zur Gänze gehört, soll sie etliche Beteiligungen an anderen Agenturen, an Werbe-, Immobilien- und Reiseunternehmern sowie an Software-Firmen erworben haben. Besonders geschäftig, so heißt es, sei Mantovani in den vergangenen Monaten gewesen, als sich Pavarottis Krebskrankheit immer weiter entwickelte.


Finale furioso kann dauern

Auf das „Finale furioso“ indes muss die Welt noch eine Weile warten. Die Anwälte von Pavarottis erster Familie versichern, ihre Mandanten befänden sich in der Trauerphase und hätten für den Erbstreit „viel Zeit“. Die Boulevardmedien werden das womöglich jahrelange Hin und Her weidlich ausschlachten.

AUF EINEN BLICK

Erbstreit. Der Startenor Luciano Pavarotti, der am 6. September in Modena starb, hinterlässt ein Vermögen von bis zu 200 Millionen Euro. Laut dem jüngsten Testament, das Pavarotti seinem Notar wenige Wochen vor seinem Tod diktiert hatte, erbt seine um 30 Jahre jüngere Witwe Nicoletta Mantovani einen Großteil. Die italienischen Medien stellen sie als geschäftstüchtige Erbschleicherin hin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2007)

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