Ex-Jugoslawien: Homosexuelle als Zielscheibe

Schwule und Lesben haben es in Ex-Jugoslawien schwer. Sie werden von Nationalisten und religiösen Eiferern bedroht.

(c) AP (Darko Vojinovic)

Belgrad. Das eigentlich bis Sonntag geplante Kulturfestival in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo währte nur einen Tag. „Tötet die Schwulen“, prangte auf den Plakaten, mit denen Islamisten zum Protest gegen das erste homosexuelle „Queer-Festival“ in Bosnien-Herzegowina aufgerufen hatte.

Zwar folgte am Mittwoch nur eine Hundertschaft der religiösen Eiferer und nationalistischen Fußball-Hooligans dem blutrünstigen Demonstrationsaufruf. Doch obwohl ein starkes Polizeiaufgebot den Auftakt des Festivals in der Akademie der Künste vor der aufgezogenen Schlägerschar zu schützen suchte, sollte es am Ende des Abends zu wüsten Krawallen kommen. Mit Steinwürfen und Fausthieben malträtierten aufgebrachte Demonstranten Besucher und Journalisten, die die Akademie zu verlassen versuchten. Die Bilanz: Sechs Personen mussten verletzt in die Klinik eingeliefert werden.

 

Mitten im Ramadan

Die Drohungen und Übergriffe hätten ein Klima geschaffen, in dem der Mitarbeiterstab des Festivals „um sein Leben fürchten“ müsse, begründete Mitorganisatorin Svetlana Durkovic dessen vorzeitigen Abbruch. Den Vorwurf, dass die Veranstalter mit der Abhaltung des Festivals mitten im Ramadan gezielt religiöse Gefühle verletzen wollten, wies sie zurück: „Es war nicht das Ziel des Kulturfestivals, irgendjemanden zu provozieren, sondern es sollte die Geschichte und zeitgenössischen Trends der Bewegung der Schwulen und Lesben in den Ländern des früheren Jugoslawien zeigen.“

Dort haben Homosexuelle nicht nur in Bosnien-Herzegowina einen schweren Stand. Übergriffe müssen Schwule zum Beispiel auch im benachbarten Serbien fürchten. Vergangene Woche verprügelten Aktivisten der rechtsextremen Organisation „Obraz“ zwei Dutzend Besucher des „Queerbeograd“-Festivals in Belgrad.

 

Krankheit oder Sünde?

Dabei hält sich Serbiens homosexuelle Szene mit der Ankündigung ihrer Veranstaltungen schon lange bewusst zurück. Denn seit Jahren gilt Serbien wegen der gewaltbereiten Hooligan- und Nationalistenszene für Schwule als einer der unsichersten Staaten des Kontinents. Nur 2001 wurde in Belgrad der Versuch einer öffentlichen „Gay-Pride-Parade“ gewagt. Schon nach wenigen Metern endete sie in einer blutigen Prügelorgie: Ungehindert von der Polizei schlugen Hooligans und Neonazis wie von Sinnen auf die Teilnehmer ein.

Laut einer Umfrage glauben 70 Prozent der Serben, dass Homosexualität eine Krankheit sei, 60 Prozent halten sie gar für eine „Sünde“. 50 Prozent fordern, dass der Staat die gleichgeschlechtliche Liebe unterdrücken solle. Trotzdem hat sich zumindest die Haltung der Polizei, die inzwischen auch bei homosexuellen Veranstaltungen ihrer Schutzpflicht nachzukommen sucht, merklich geändert.

Zwar scheuen oft selbst engagierte Schwule Medienauftritte aus Sicherheitsgründen. Doch obwohl Händchenhalten und Küsse in der Öffentlichkeit für schwule Paare in Serbien meist tabu sind, müssen sie zumindest in der Hauptstadt Belgrad gegenüber ihrer direkten Umgebung keineswegs immer ein Doppelleben führen.

 

„Nationalistische Idioten“

Eigentlich habe er im Alltag als Schwuler keine Schwierigkeiten, versichert der 23-jährige Milan. Schon seit mehreren Monaten lebt der schlaksige Student mit seinem langjährigen Freund in der Trabantenstadt Novi Beograd zusammen. Sowohl Bekannte und Freunde als auch die Familien würden um ihre Beziehung wissen. Beim Besuch von Schwulenfestivals oder Partys verspüre er jedoch schon „eine gewisse Angst“: „Es sind nur die nationalistischen Idioten, die den Schwulen Probleme machen.“

UMFRAGE

Schwerer Stand für Schwule: Laut einer Umfrage glauben 70% der Serben, Homosexualität sei eine Krankheit, 60% halten sie für eine Sünde. 50% fordern, dass der Staat die gleichgeschlechtliche Liebe unterdrücken solle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)

Kommentar zu Artikel:

Ex-Jugoslawien: Homosexuelle als Zielscheibe

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen