Kinderarbeit in Bolivien: Der Nachwuchs im Klassenkampf

Hunderttausende Kinder in Bolivien arbeiten, um sich und ihre Familien zu ernähren. Sie organisieren sich in Gewerkschaften und haben ein kontroverses Gesetz erzwungen, das ihre Arbeit schützt. Aber was bringt das?

(c) EPA (Stringer)

Steig lieber in einen Bus, bei dem du den Fahrer schon kennst“, sagt Dennis zu Ángel. „Und dann musst du ihm in die Augen schauen.“ Der Fahrer wisse dadurch Bescheid, erklärt der dünne Junge mit ernstem Blick seinem Kollegen. Rund um die beiden Jungen läuft durch schäbige Lautsprecher blechern Musik. Der niedrige Tisch, an dem sie sitzen, ist nicht gewischt. Auf einem wuseligen, überdachten Marktplatz schaufeln sie Nudeln in sich hinein und reden. Die Teenager führen ein Krisengespräch, von Arbeiter zu Arbeiter.

„Bei der Endstation musst du schon die Hand hinhalten, wenn die Passagiere noch im Bus sind“, sagt Dennis. „Dann sehen alle, dass der Fahrer dir Geld schuldet. Dadurch steht er unter Druck und muss dich bezahlen, verstehst du?“ Der große Ángel nickt wie ein Anfänger. Erst seit einem halben Jahr arbeitet der 15-jährige Ángel in diesem Geschäft, das der 13-jährige Dennis seit fünf Jahren kennt. An einem stark befahrenen Kreisverkehr ruft er die Haltestellen aus und holt Kunden für die Busfahrer heran. Schweigend und schüchtern schiebt Ángel eine volle Gabel Nudeln in den Mund.


Zwei Kinderarbeiter. Ángel und Dennis sind zwei von zehntausenden Kindern in Cochabamba, einer 700.000-Einwohner-Stadt im Zentrum Boliviens, die arbeiten müssen. Dass sie Krisengespräche wie dieses auf dem Marktplatz fast täglich führen, halten sie für normal. Sie müssen sich ja verteidigen, sagen sie. Aber weltweit macht sie ihr Kampfeswille einmalig. Denn sie sind nicht annähernd ausgewachsen. Aber weil ihnen den Job sonst keiner abnimmt, vertreten sie ihre Rechte so, wie es Erwachsene auch tun würden. Sie sind Teil einer Kindergewerkschaft, die sich nicht nur gegen ausbeuterische Erwachsene wehrt, sondern auch schon mit der Politik verhandelt hat.

Wohl nirgends auf der Welt sind Kinder auf der einen Seite verwundbarer, andererseits aber auch mächtiger als in Bolivien. In einem der ärmsten Länder Lateinamerikas ist Kinderarbeit in vielen Haushalten eine Notwendigkeit. Pro Kopf erwirtschaftete Bolivien im Jahr 2012 nur rund 2120 Euro, ein Zwanzigstel des Wertes von Österreich. Und Angebot an günstigen, biegsamen Arbeitskräften gibt es zuhauf. Von den elf Millionen Einwohnern ist ein knappes Drittel 14 Jahre oder jünger. Laut einer Umfrage der Regierung arbeiten 27 Prozent der Bolivianer schon im Alter zwischen fünf und 17 Jahren gegen Bezahlung. Bei einer Arbeitsbevölkerung von fünf Millionen Menschen ist fast jede fünfte Arbeitskraft ein Kind.

Auch weltweit ist das Thema aktueller, als es viele wahrhaben. 168 Millionen Kinderarbeiter gibt es, sagt die Internationale Arbeitsorganisation ILO der Vereinten Nationen. Heuer gewannen mit den Pakistanern Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi ein 17-jähriges Mädchen und ein Kinderrechtler den Friedensnobelpreis. Beide setzen sich für das Recht auf Bildung und gegen Ausbeutung ein.

Das Nobelkomitee begründete seine Entscheidung für die Vergabe an die minderjährige Malala Yousafzai auch damit, dass eben schon Kinder ihr Schicksal in die Hand nehmen und die Welt verbessern können.
Boliviens Kinder haben das schon gelernt. Den Protestmärschen, Flugblättern und Straßenblockaden der jungen Arbeiter ist es zu verdanken, dass ihre Vertreter Ende 2013 eine Audienz bei Evo Morales erhielten, Boliviens Staatspräsidenten. Ihre Forderung war so einfach wie deutlich: Nach Jahrzehnten der Ausbeutung durch erwachsene Bosse und Kunden verlangten sie einen Rechtsstatus für alle Kinder. Bei dem Gespräch im Präsidentenpalast schockierte Morales, der erst im Oktober zum zweiten Mal wiedergewählt wurde, viele Menschen in der wohlhabenden Welt: „Als ich ein Kind war, musste ich selbst arbeiten“, sagte er.

Legale Arbeit ab zehn. Ein zäher Kampf mit den Kindern und den Ministerien folgte. Schließlich beschloss Morales, ein neues Gesetz erarbeiten zu lassen. Der Código del Niño, Niña y Adolescente, der Kodex des Kindes und des Heranwachsenden, legt das Mindestalter für bezahlte Arbeit nun auf zehn Jahre fest, sofern ein Job eigenständig durchgeführt wird. Arbeitet ein Kind für einen Erwachsenen, darf es ab zwölf Jahren damit beginnen. Bolivien ist so das erste Land, das es Zehnjährigen ausdrücklich erlaubt zu arbeiten und diese damit zumindest auf dem Papier schützt.

An der Kreuzung im Stadtzentrum von Cochabamba wimmelt es vor minderjährigen Arbeitern. Wer nicht als Begleiter der Busse kassiert und Haltestellen ausruft, verkauft Kaugummi, putzt Schuhe, transportiert Sachen auf dem Fahrrad oder hilft bei Essensständen als Koch oder Kellner.

„Mein Vater hat uns vor einem halben Jahr verlassen“, erzählt Ángel. „Dann mussten meine Mutter, meine Geschwister und ich auf die Straße ziehen.“ In einer selbst gezimmerten Hütte leben sie jetzt, das Dach ist eine blaue Plane aus Plastik. Ángel brach die Schule ab und begann ganztags für die Busfahrer zu arbeiten, von der morgendlichen Rushhour bis zur abendlichen, von acht bis acht. An einem normalen Tag verdient er um die 50 Bolivianos (rund fünf Euro). So können wenigstens seine beiden jüngeren Geschwister zur Schule gehen.

„Aber heute haben mich schon zwei Fahrer nicht bezahlt“, murmelt Ángel. 20 Bolivianos fehlen ihm jetzt (rund zwei Euro), die alten Männer am Steuer seien einfach weggefahren, ohne Dank für seine Arbeit. „Ich brauche das Geld. Meine Mutter kocht zu Hause und verkauft Essen. Aber das reicht nicht für uns alle. Und ich bin doch jetzt der Mann im Haus.“


Ein Zehntel des BIPs. Die Generation von Ángel und Dennis ist so bedeutend für die Volkswirtschaft ihres Landes wie kaum eine vor ihr. Schätzungen gehen davon aus, dass ihre Arbeit ein Zehntel der bolivianischen Wirtschaftsleistung ausmacht.

Eine Viertelstunde zu Fuß von der Kreuzung sitzt Javier Vicente hinter einer rostigen Metalltür in einem kleinen Raum mit kahlem Betonboden. An den Wänden kleben Poster mit politischen Kampfparolen wie: „Tenemos un derecho al trabajo“ – wir haben ein Recht auf Arbeit. Hier sitzt Cochabambas Ableger der Unión de Niños y Adolescentes Trabajadores de Bolivia (UNATSBO), der Gewerkschaft für Kinderarbeiter.Spätestens seit dem Sommer, als das Gesetz verabschiedet wurde, ist die UNATSBO jedem Bolivianer ein Begriff. „Eine halbe Million im ganzen Land sind jünger als 14“, sagt Javier Vicente. „Für all diese Kinder gab es vorher keinen Rechtsschutz. Aber sie haben gar keine andere Wahl als zu arbeiten. Warum sollten sie dann nicht geschützt werden wie andere auch?“

Auch der 22-jährige Javier hat eine Karriere der Ausbeutung durchgemacht. „Wir reden hier von körperlicher Misshandlung, manchmal auch von sexuellem Missbrauch. Und natürlich auch von unfairer oder gar keiner Bezahlung“, sagt er. Und deutet damit an, was auch Organisationen wie Unicef und ILO dokumentieren: Kinder trifft Ausbeutung am härtesten, vielleicht auch am häufigsten. Javier Vicente ist sicher: „Es gibt bestimmt nicht einen einzigen Kinderarbeiter in Bolivien, der unter seiner Arbeit noch nicht extrem leiden musste.“

Wird sich das ändern, weil das Gesetz nun ihren Broterwerb erlaubt? Die Unicef kämpft weiterhin gegen Boliviens neue Rechtslage, weil sie befürchtet, dass Kinderarbeit so nie endet. Javier Vicente ist anderer Meinung: „Die Vereinten Nationen tun so, als würden sie die Kinder beschützen wollen, aber sie machen eine Politik gegen die Schwächsten unserer Gesellschaft.“

Auf der Straße, auf dem Marktplatz im Stadtzentrum, meint Dennis: „Mit dem neuen Gesetz darf ich jetzt als 13-Jähriger arbeiten. Aber als ich acht war, hab ich auch schon diesen Job gemacht. Ich wusste vorher gar nicht, dass ich das angeblich nicht durfte. Wär mir auch egal gewesen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2014)

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