Indien: Tödlicher Sterilisierungswahn

Geburtenkontrolle bedeutet in Indien oft Massensterilisierung nach Quote. Als kürzlich 18 Frauen nach einer Fließband-OP starben, rüttelte dies die Öffentlichkeit auf.

(c) REUTERS (ANINDITO MUKHERJEE)

Die Bilanz von Dr. Gupta ist mörderisch: Sechs Stunden, 83 sterilisierte Frauen, von diesen endete der Eingriff für 18 mit dem Tod, 50 weitere mussten in umliegende Krankenhäuser eingeliefert werden. Mit Entsetzen reagiert die indische Öffentlichkeit auf das Drama, das sich nach einer Massensterilisation junger Frauen in einem entlegenen Dorf im Bundesstaat Chattisgarh abspielte. Die Frauen hatten am 12. November an einem kostenlosen Programm zur Familienplanung teilgenommen. Dr.Gupta hatte die Eingriffe in einem verlassenen Wald-und-Wiesen-Krankenhaus in Bilsapur parallel an zwei Operationsstühlen durchgeführt.

Laut Vorschrift der Regierung hätte er aber nur vier Patientinnen pro Stunde operieren dürfen. Augenzeugen berichten von katastrophalen hygienischen Bedingungen. Damit der Eingriff schnell ging, wurden zehn Frauen mit einem einzigen Messer behandelt, das zur Desinfizierung nur notdürftig in medizinischen Alkohol getaucht wurde. Dr. Gupta blickt auf eine glorreiche Karriere als Sterilisationschampion zurück. Erst Anfang des Jahres wurde er von der Regierung für die Sterilisation von 50.000 Frauen geehrt.

Jetzt wurde er verhaftet. Der Arzt, dem grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen wird, weist jede Schuld von sich und rechtfertigt sich, die Express-Sterilisation sei seine moralische Pflicht zur Geburtenkontrolle. Auch wenn die Todesursache wahrscheinlich im Verabreichen von unwirksamen oder falschen Medikamenten liegt, wirft der Vorfall Licht auf Indiens zweifelhafte Methoden im Kampf gegen Überbevölkerung. Denn als Gegenmaßnahme zu einer rapide wachsenden Bevölkerung unterstützt die Regierung Massensterilisation an jungen Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.

Chattisgarh ist kein Einzelfall. Jedes Jahr riskiert die Regierung das Leben tausender Frauen in provisorischen Sterilisationscamps oder unhygienischen Gesundheitszentren. Zwischen 2009 und 2012 starben mindestens 700 Frauen an den Folgen gepfuschter Vasektomien. Vielleicht bewegt die jüngste Tragödie die indische Regierung dazu, ihr Familienplanungsprogramm einer dringend notwendigen Reform zu unterziehen.

Eine Umfrage des Gesundheits-und Familienministeriums zeigt, dass von 50 Prozent aller Familien, die Verhütung anwenden, 34 Prozent der Frauen sterilisiert sind, aber nur ein Prozent der Männer. Das liegt vorwiegend in der patriarchalischen Struktur der Gesellschaft begründet.


Die Bevölkerung wuchs und wuchs. Eine andere Rolle spielt die Geschichte von Indiens Sterilisierungsprogrammen. Als Mitte der 1970er-Jahre, während des Ausnahmezustands unter Indira Gandhi, zehn Millionen Männer zwangssterilisiert wurden, geriet die Familienplanung in Verruf. Der Schock saß tief. Die Folge davon war, dass Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle aus den Wahlkampfprogrammen aller Parteien verschwanden. Die Bevölkerung wuchs und wuchs. Im Einklang mit den Menschenrechten verabschiedete sich Indien vor etwa zwanzig Jahren offiziell von einer Familienplanung mit Sterilisationsquoten. Doch in der Praxis sieht das anders aus. Noch immer ist Sterilisation die bevorzugte Methode der Familienplanung. Mit dem Unterschied, dass die Zielsetzung nicht mehr von der Zentralregierung bestimmt wird, sondern den einzelnen Bundesstaaten überlassen ist.

Und hier liegt das Problem. Um das Bevölkerungswachstum zu drosseln, scheuen die regionalen Gesundheitsbehörden nicht vor Jahresquoten zurück. Zum Beispiel schraubte Bihar, der am dichtesten bevölkerte Staat Indiens, sein Sterilisationsziel für 2011/12 auf sagenhafte 650.000 Sterilisationen hoch. Wie dieses Ziel erreicht wird, liegt in der Verantwortung der Gesundheitsbeamten der einzelnen Distrikte. Diese nehmen ihre Aufgabe genau und verfolgen ihr Ziel aggressiv.

Unterstützt werden sie von einem Heer von weiblichen Gesundheitshelfern, den sogenannten ASHAs. Nicht weniger als 860.000 von ihnen durchkämmen täglich Indiens Dörfer auf der Suche nach geeigneten Kandidatinnen, Frauen mit mehr als zwei Kindern. Dass Sterilisation als einzige Verhütungsmaßnahme propagiert wird, stört dabei niemanden. Die wenigsten Adressaten, meist Bäuerinnen und Analphabeten, haben von Kondomen, Pillen oder Spirale je etwas gehört. Selten werden die Frauen sensibel und medizinisch korrekt beraten. Über gesundheitliche Risken des irreversiblen Eingriffs erfahren sie nichts. Die ASHAs stehen dabei unter enormem Druck. Für jede sterilisationswillige Kandidatin erhalten sie Geld, in Chattisgarh umgerechnet etwa 18 Euro. Doch wer die geforderte Anzahl pro Monat nicht vorweisen kann, dem drohen Gehaltskürzung oder Entlassung.


Lotterie als Belohnung. Ist es in anderen Ländern verboten, finanzielle oder materielle Anreize für Sterilisation auszuschreiben, ist der Fantasie ehrgeiziger Gesundheitsbeamter in Indien keine Grenze gesetzt. Ein besonders Findiger von ihnen aus dem Bundesstaat Rajasthan hatte eine außergewöhnliche Idee. Frauen, die sich unter das Messer legten, durften an einer Lotterie teilnehmen. Der Siegerin winkte ein Nano-Kleinwagen, als zweiten Preis gab es eine Waschmaschine. Solche Initiativen sorgen dafür, dass Frauen von ihren Männern zur Teilnahme gezwungen werden, kritisieren Menschenrechtler und werfen den für Indiens Geburtenkontrolle Zuständigen Frauenfeindlichkeit vor. Allein 2014 wurden in Indien 4,6 Millionen Frauen sterilisiert.

Seit Langem verurteilen Aktivisten von Human Rights Watch den Sterilisierungswahn indischer Behörden. Sie machen darauf aufmerksam, dass Massensterilisation kaum zur Reduzierung des Bevölkerungswachstums beiträgt. Der Grund dafür: Frauen lassen sich meist erst dann sterilisieren, wenn ihre Familien durch einen Sohn „perfekt“ sind. Solange dies nicht erreicht ist, gebären sie ein Mädchen nach dem anderen.

IN ZAHLEN

700

Frauen starben zwischen 2009 und 2012 in Indien an den Folgen von unsachgemäß durchgeführten Sterilisierungen.

6

Stunden brauchte kürzlich ein Arzt, um 83 Frauen zu sterilisieren. 18 bezahlten den Eingriff mit ihrem Leben, weitere 50 mussten in andere Krankenhäuser gebracht werden.

650

Tausend Frauen war das Sterilisierungsziel des bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaats Bihar für 2011/2012. Auf staatlicher Ebene gibt es keine Ziele bzw. Quoten mehr, dafür auf Ebene der Bundesstaaten.

18

Euro erhält eine Werberin für jede sterilisierungswillige Frau im Bundesstaat Chattisgarh.


("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2014)

Kommentar zu Artikel:

Indien: Tödlicher Sterilisierungswahn

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen