Mann, Frau, weiß und dunkel

Die Aktivistin und Autorin Meredith Talusan kam als Sohn philippinischer Eltern auf die Welt. Heute lebt sie als Frau in den USA. Durch ihren teilweisen Albinismus wird sie als Weiße wahrgenommen. Ein Gespräch über Identitäten.

Meredith Talusan identifiziert sich als dunkelhäutige Asiatin. Die Aktivistin lebt in den USA.
Meredith Talusan identifiziert sich als dunkelhäutige Asiatin. Die Aktivistin lebt in den USA.
Meredith Talusan identifiziert sich als dunkelhäutige Asiatin. Die Aktivistin lebt in den USA. – (c) Meredith Talusan

Meredith Talusan ist eine weiße Frau, aber eigentlich ist sie dunkelhäutig und war einmal ein Mann. Wenn Talusan neuen Bekanntschaften von ihrer Identität erzählt, dann sagen ihr die Leute: „Das ist doch ein Scherz.“ Oder: „Mir ist aufgefallen, dass etwas anders ist mit dir.“ Oft sagen sie gar nichts. Dabei ist Talusan eine, die gern erzählt. Sie schreibt Artikel über ihre persönlichen Erfahrungen, und sie nimmt an Diskussionen auf sozialen Netzwerken teil, die eben diese Themen betreffen: Transgender und Transracial. In den vergangenen Tagen hatte Talusan viel zu sagen.

Zunächst war es die quasi öffentliche Verwandlung des Reality-Show-Phänomens Bruce Jenner zur Frau – Caitlyn –, die eine rege Debatte über Transgender-Personen entfachte. Während die Rückmeldungen zu Jenner mehrheitlich positiv waren, waren sie auf Rachel Dolezal so ziemlich das Gegenteil. Dolezal, eine Bürgerrechtsaktivistin und Professorin im US-Bundesstaat Washington, hat ihrer Umgebung offenbar knapp ein Jahrzehnt lang vermittelt, dass sie schwarz sei – dabei stammen ihre Eltern ursprünglich aus Deutschland und Tschechien. Ihre Kindheit verbrachte Dolezal als blondes, sommersprossiges Mädchen.

Die Verwandlung zu einer schwarzen Frau war, soweit es in US-amerikanischen Medien jüngst rekonstruiert wurde, mit Friseurbesuchen und Bräunungscremes zumindest optisch nicht allzu schwer. Komplexer hingegen erscheint Dolezals innere, sehr starke Zuwendung zur schwarzen Gemeinschaft und die Konstruktion einer familiären Vergangenheit, die es so nicht gegeben haben dürfte. Kann man sich so sehr einer anderen Ethnie zugehörig fühlen, dass auch deren (Leidens-)Geschichte übernommen werden kann? Die Frage wird aktuell kontrovers diskutiert, aber wie auch immer die Urteile zu Jenner und Dolezal ausfallen mögen – die Debatte zeigt einmal mehr, dass das Thema Identitäten stets komplizierter wird.

Davon kann Talusan erzählen. Die 39-Jährige kam auf den Philippinen mit teilweisem Albinismus auf die Welt; ihre Eltern sind Philippiner spanischer Herkunft. Talusans Kindheit auf dem Land war für sie rückblickend eine Idealwelt: Weder wurde sie gemobbt, erzählt sie, noch wurde sie in eine bestimmte Schablone gedrängt, obwohl sie als Bub auf die Welt kam, aber mit den Frauen sein und Kindersendungen für Mädchen sehen wollte. Es gäbe diesen Druck auf den Philippinen einfach nicht, Mädchen und Buben geschlechterspezifisch aufzuziehen: „In den USA wäre es sicher problematisch gewesen, als femininer Bub aufzuwachsen.“ Ihre Kindheit, sagt Talusan, habe sie gefestigt, selbstbewusster gemacht.

In die USA zieht ihre Familie, als Talusan 15 Jahre alt ist. Während ihre weibliche Identität für ihre nähere Umgebung ein offenes Geheimnis war, habe sie sich in Amerika auf mehreren Ebenen erst zurechtfinden müssen: „Ich wurde für eine weiße Frau gehalten und nicht für eine Asiatin.“ Dadurch habe sie keine ethnische Diskriminierung erfahren, wie andere dunkelhäutige Amerikaner. Dabei identifiziere sie sich sehr wohl als eine dunkelhäutige Asiatin. Schwieriger sei für sie die Umstellung auf das Leben als Transgender-Frau gewesen: „Du hörst ständig diese Kommentare.“

Kindheitsfotos. Als der Fall von Rachel Dolezal den Weg in die Medien fand – ihre Eltern wurden von einem TV-Sender interviewt, wobei auch Kindheitsfotos von ihr veröffentlicht wurden –, empfand Talusan zunächst Empathie für die Professorin. Sie könne nachvollziehen, wie Dolezal sich fühle; sie wisse, wie einen das belasten könne. Dennoch hört bei Aktivisten wie Talusan das Verständnis für Dolezal dort auf, wo sie sich als jemand ausgibt, der sie nicht ist. Als weiße Frau in den USA habe Dolezal Privilegien genossen, die viele Schwarze einfach nicht haben – etwa eine bessere Bildung. Aus dieser Stellung heraus habe sie in der schwarzen Gemeinschaft Schutz und Solidarität gesucht, allerdings unter Vortäuschung falscher Tatsachen. Wenn Dolezal sagt, sie sei diskriminiert worden, weil sie schwarz sei – inwieweit kann das dann stimmen? Für Talusan hat Dolezal die positiven Seiten beider Gemeinschaften – die bessere Stellung als Weiße, den Zusammenhalt in der schwarzen Community – in sich vereint. Aber sie als Transgender-Person könne das nicht: „Als ich zur Frau wurde, verlor ich alle Privilegien, die ich als Mann hatte. Wenn ich jetzt als Frau meine Meinung sage, werde ich weniger oft ernst genommen.“

Allein deswegen sei es nicht angemessen, Dolezal mit Caitlyn Jenner auf eine Stufe zu stellen. Der Vergleich wurde in den vergangenen Tagen oft bemüht: Transgender analog zu Transracial. Viele Aktivisten wehren sich gegen diese Gleichstellung, zumal die Bezeichnung Transracial bereits vergeben ist. Prinzipiell sind damit Adoptionen gemeint, bei denen die Adoptiveltern eine andere Ethnie haben als das Kind– im Gegensatz zu ihnen hat Dolezal die Möglichkeit, ihre angenommene Identität wieder zurückgeben. Auch für Transgender-Personen ist eine Rückkehr schwieriger, oft ist sie mit medizinischen Hürden verbunden.

Das Labyrinth der Identitätsfindung war für Talusan wohl verworrener als für einen durchschnittlichen Zeitgenossen. Gerade weil sie nicht als Asiatin wahrgenommen wird, weil sie ihre philippinische Herkunft immer beweisen müsse, habe sie sich umso mehr ihrer ethnischen Identität verschrieben. Sie spricht ihre Muttersprache fließend und akzentfrei, interessiert sich für die politische Situation in dem Inselstaat. Viel mehr als manche ihrer Familienmitglieder.

Apropos Familie: Als Talusan noch Uni-Student war, habe sie sich ihr gegenüber zunächst als schwul geoutet. Erst später kam die Verwandlung zur Frau, als sie ihren Vater anrief und sagte: „Zur Geburtstagsparty meiner Schwester werde ich in Kleidern kommen.“ Seine Reaktion fiel verständnisvoll aus: „Zieh an, was du willst, aber es sollte dir stehen.“ Die Eltern von Rachel Dolezal hingegen können den Weg, den ihre Tochter eingeschlagen hat, nicht nachvollziehen. In einem Interview sagten sie, sie wollen nicht ein Teil von Rachels Lügengebilde sein. Nun stehen aber just die Eltern Dolezals in der Kritik. Sie hätten ihre adoptierten, schwarzen Kinder ungleich härter behandelt als ihre biologischen. Selbst von Missbrauch ist die Rede.

Trans

Meredith Talusan. Die 39-Jährige wurde als Bub auf den Philippinen geboren. Heute lebt sie als Transgender-Frau in den USA. Talusan hat teilweisen Albinismus, sie identifiziert sich als dunkelhäutige Asiatin.

Der Fall Rachel Dolezal wurde in den vergangenen Tagen kontrovers diskutiert. Die Professorin und Bürgerrechtsaktivistin hat sich offenbar als schwarze Frau ausgegeben, dabei stammt sie aus einer weißen Familie. Bei der Debatte um Dolezal wurde die Bezeichnung Transracial verwendet, wiewohl damit eigentlich Adoptivkinder gemeint sind, die eine andere Ethnie als ihre Adoptiveltern haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2015)

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