Italien: „Küsse zwischen Schwulen ekeln mich an“

Angriffe auf Homosexuelle nehmen zu. Das Parlament lehnt Schutzgesetz ab. Besonders bedroht fühlen sich Homosexuelle in Rom. Szenelokale und Discos wurden wiederholt Ziele von Brandanschlägen.

(c) EPA (Massimo Percossi)

ROm.„Der Vatikan befiehlt, das Parlament gehorcht.“ Hart gehen die Schwulenverbände Italiens derzeit mit den Volksvertretern ins Gericht. Der Grund dafür: Das Abgeordnetenhaus hat eine Gesetzesnovelle gekippt, derzufolge Straftaten, die absichtlich gegen Homosexuelle begangen werden, härter bestraft werden sollten als andere. Eine solche Bestimmung verstoße aber gegen die Verfassung, beschloss eine rechte, katholisch ausgerichtete Mehrheit.

Die Interessenverbände der Homosexuellen entgegnen, damit verzichte Italien zum wiederholten Mal, gegen alle Mahnungen der EU und wider die Rechtslage in anderen europäischen Ländern, auf den Schutz einer Minderheit.

Zur gleichen Zeit wächst unter Italiens Homosexuellen die Angst: Seit Jänner sahen sie sich mehr als 60 gewalttätigen Attacken ausgesetzt, mehr als im ganzen Jahr zuvor. Schwule und Lesben, die sich auf offener Straße küssten, wurden verprügelt; Szenelokale und Discos waren wiederholt Ziele von Brandanschlägen.

 

Mit dem Messer gegen Schwule

Besonders bedroht fühlen sich Homosexuelle in Rom. Dort ging unlängst ein Mann, der sich „Hakenkreuzchen“ nennen lässt, mit dem Messer auf ein schwules Paar los. Neofaschistische Jugendliche umringten vorigen Sonntag mitten in der Stadt zwei homosexuelle Männer, versetzten ihnen Fußtritte und schlugen ihnen mit Motorradhelmen in den Unterleib.

Die „Gay Street“, die von Homosexuellen bevorzugte Flaniermeile nahe dem Kolosseum, wird nun stärker von der Polizei überwacht. An zwei Großdemonstrationen „gegen Diskriminierung und Intoleranz“ beteiligten sich in den vergangenen Wochen mehr als 50.000 Menschen – unter ihnen sogar, was die Schwulenverbände als größten Fortschritt werten, Roms rechtsgerichteter Bürgermeister Gianni Alemanno.

 

Homosexualität „kein positiver Wert“

Die Stimmung zu dem Thema in Italien gab der venezianische Parlamentsabgeordnete Filippo Ascierto jüngst ganz ungefiltert wieder. Im Fernsehen sagte der Parteifreund Berlusconis: „Es ekelt mich an, wenn ich sehe, dass zwei Männer sich küssen. Zwar sind Jungs, die auf Homosexuelle losgehen, Schwachköpfe. Schwule aber, die ihre Homosexualität zur Schau stellen, befinden sich auf demselben Niveau.“

Die Gesetzesnovelle im Parlament aber scheiterte aus einem anderen Grund: Bekennende katholische Abgeordnete befürchteten, ein spezieller rechtlicher Schutz für Schwule anerkenne die Gleichgeschlechtlichkeit als solche „als einen positiven Wert“ und bereite den Boden für ihre noch weiter reichende gesetzliche Anerkennung: etwa für die Zulassung homosexueller Lebensgemeinschaften, die Adoption von Kindern und die künstliche Befruchtung. Gerade aus Furcht, die katholischen Wähler und insbesondere den Vatikan zu verprellen, hat Italiens Parlament immer wieder die Registrierung jedweder Form von nichtehelicher Partnerschaft hintertrieben.

 

Diskriminierung der „Normalen“?

Gegen die Gesetzesnovelle hat übrigens auch die Abgeordnete Paola Binetti gestimmt, die zugleich linksgerichtet und Mitglied des erzkatholischen Opus Dei ist. Sie sagte sinngemäß, wenn die Homosexuellen stärker gegen Diskriminierung geschützt werden sollten, dann werde künftig schon jeder bestraft, der einfach nur das christlich-katholische Familienmodell lobe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2009)

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