Rumänien: Aus dem Delta in den Schlachthof

Im Donaudelta leben rund 10.000 wilde Pferde. Die Tiere werden illegal nach Italien verkauft . Für gerade einmal 200 Lei (50 Euro) würden lokale Händler gefangene Wildpferde mithilfe korrupter Veterinäre verscherbeln.

Pferde
Pferde
(c) AP (Erich Kaestle)

Belgrad/Bukarest. Pelikane segeln über die stille Seenplatte. Das dichte Schilf raschelt im Wind. Als einzigartiges Biosphärenreservat gilt das Mündungsgebiet der Donau am Schwarzen Meer. Das 5800 Quadratkilometer große Donaudelta im rumänischen-ukrainischen Grenzgebiet ist nicht nur die Heimat seltener Vögel, Fische und Pflanzen. Über die Wiesen, Dünen und durch die Wälder der von Seen und Flussläufen durchzogenen Landschaft traben noch immer tausende wilder und verwilderter Pferde.

Als graziös galoppierende Hauptdarsteller sind Europas letzte große Wildpferdherden in den Werbefilmen des rumänischen Touristenverbands zwar gefragt. Doch ihre Zukunft ist laut heimischer Tierschützer gefährdet: Die Diagnostizierung vermeintlicher Krankheiten machen sich italienische Käufer zu deren profitablen Verwertung zunutze. Für gerade einmal 200 Lei (50 Euro) würden lokale Händler gefangene Wildpferde mithilfe korrupter Veterinäre verscherbeln, berichtet Miahela Eremia, die Leiterin der rumänischen Tierschutzorganisation „Arca lui Noe“ (Arche Noah) der „Presse“: „Es ist eine Schande, dass die Anwohner nicht realisieren, dass die Wildpferde ihnen helfen könnten, mit Ökotourismus ihren Lebensstandard zu verbessern.“ Um die 10.000 Wildpferde im Delta kümmere sich niemand, „außer denen, die sie zu Salami machen wollen“, ließ kürzlich die Zeitung „Evenimentul Zilei“ die Alarmglocken schrillen.

Die anhaltende Abwanderung der Bevölkerung aus den abgelegenen Deltadörfern in die Städte machen Naturschützer für die zunehmende Zahl verwilderter Pferde verantwortlich. In einigen Schutzgebieten des Deltas sind die Wildpferde selbst zu einer Bedrohung für dessen spezifische Flora wie Schwarzerlen, Ulmen oder Silberlinden geworden. Im Winter suchen die Herden Schutz in den Waldgebieten, zerstören dabei schützende Grasnarben und knabbern die Rinden junger Bäume ab.

Bereits 2006 schlug „Arche Noah“ darum ein Projekt zu einer teilweisen Umsiedlung von rund 3000 Wildpferden vor: Das zunächst von den Behörden wohlwollend aufgenommene Projekt versandete aber, als sich mit einem Ministerwechsel die Prioritäten änderten.

 

Veterinäre in Geschäft verwickelt

Widerstand kam von Anfang an von Rumäniens Veterinärverband, dessen Vorsitzender aus der Deltametropole Tulcea stammt. Die Wildpferde seien zu 70 Prozent von einer ansteckenden Blutarmut befallen – und müssten unter Aufsicht getötet und verbrannt werden, lautete dessen Befund. Dennoch sei ihr Fleisch offenbar gut genug für den Verzehr auf den italienischen und niederländischen Märkten, meint Arche-Noah-Chefin Eremia.

Einigen Bauern, die den Veterinärbefund öffentlich anzweifelten, brannten laut eines Berichts des „Evenimentul Zilei“ hernach unter merkwürdigen Umständen die Häuser ab. Ein Tierarzt aus dem westrumänischen Hunedoara habe bei eigenen Tests wiederum keinerlei Erkrankung der Tiere feststellen können, so die Zeitung.

Anwohner, die Wildpferde fingen, würden diese häufig mit einem Chip versehen, um sie als ihre eigenen Pferde verkaufen zu können. Um die Exportkosten zu mindern, würden die italienischen Käufer die Tiere vor dem Abtransport oft verstümmeln, berichtet das Blatt: „Kranke und lahmende Pferde können zollfrei aus dem Land ausgeführt werden.“ Bereits über 1000 Wildpferde sollen unter merkwürdigen Umständen aus dem Delta in ausländische Schlachthäuser verfrachtet worden sein.

Tierschützer warnen vor einer „ökologischen Katastrophe“, sollten die Wildpferde durch die Machenschaften der Fleischhändler gänzlich aus dem Mündungsgebiet der Donau verschwinden. Denn mehr als 20 seltene Pflanzenarten des Deltas seien auf einen gewissen Pferdebestand angewiesen, um überhaupt gedeihen zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2009)

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