Tschechien: KZ-Gedenkstätte statt Schweinezucht

Auf dem Areal eines früheren NS-Konzentrationslagers für Roma steht eine Schweinemast. Diese will Prag seit Langem kaufen, nun ist eine Lösung in Sicht.

(c) APA/AFP/MICHAL CIZEK

Prag. Seit Monaten verhandelt das tschechische Kulturministerium mit dem Eigentümer eines Schweinemastbetriebs im südböhmischen Lety über den Verkauf der Firma. Der Grund, warum der Staat eine Schweinezucht kaufen will: Hier befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein NS-Konzentrationslager für Roma. Prag will den Betrieb abreißen lassen, um so eine würdige Erinnerung an die Toten möglich zu machen.

Am Montag erklärte sich nun die große Mehrheit der Aktionäre der Massenschweinemast mit dem Verkauf einverstanden. Unklar ist noch der Preis, den die Eigentümer, die Aktiengesellschaft AGPI, haben möchte. Es werde jedenfalls so ernsthaft wie nie zuvor verhandelt.

Die deutschen Besatzer Böhmens und Mährens hatten das einstige Zwangsarbeitslager 1942 in ein „Zigeunerlager“ umgewandelt. Die Aufsicht über die dort festgehaltenen Roma überließen die Nazis tschechischen Wachmannschaften. Dass mehr als 1300 Menschen in Lety inhaftiert waren und 327 starben, wurde in der Öffentlichkeit erst nach dem Fall des Kommunismus bekannt. 1995 eröffnete der damalige Präsident, Václav Havel, eine kleine Gedenkstätte unweit des früheren Lagergeländes. Auf dem Boden des Lagers selbst aber steht seit Mitte der 1970er-Jahre besagte Schweinemastanlage, welche die Roma-Bevölkerung heute verständlicherweise empört.

2005 befasste sich sogar das Europaparlament mit diesem „verschwiegenen Genozid“. Der damalige Präsident in Prag, Václav Klaus, war tief verärgert darüber und suchte die Zustände dort zu bagatellisieren. Dies tat im vergangenen Jahr auch der damalige tschechische Vizepremier, Andrej Babis. Lety sei „kein Konzentrationslager“ gewesen, sondern lediglich ein Arbeitslager. „Wer nicht arbeiten wollte, ist ruckzuck dort gelandet.“ Kurze Zeit darauf musste er für diese Aussagen um Entschuldigung bitten.

 

Wenig Verständnis für Roma

Was am Ende mit dem Areal passiert, muss abgewartet werden. Viele Tschechen reagieren mit Unverständnis auf jedwede Ansprüche ihrer Mitbürger aus der Roma-Minderheit. Roma-Vertreter würden Lety gern als Gedenkort für die Opfer des Nationalsozialismus sehen, so wie Theresienstadt oder Lidice.

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