NGO-Skandal um sexuelle Ausbeutung weitet sich aus

Hilfsorganisationen wie Oxfam und Ärzte ohne Grenzen stehen wegen Untaten ihrer Mitarbeiter am Pranger. Dazu kommen zusehends Berichte über "ungute" interne Vorgänge wie Mobbing auf. Der Lack der "guten Menschen" beginnt abzubröckeln.

Wo viel Licht ist, muss auch Schatten sein. Das gilt auch für NGOs.
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Wo viel Licht ist, muss auch Schatten sein. Das gilt auch für NGOs.
Wo viel Licht ist, muss auch Schatten sein. Das gilt auch für NGOs. – APA/AFP/ANDY BUCHANAN

Die niederländische Journalistin Linda Polman (*1960) hatte bereits 2010 in ihrem Buch "Die Mitleids-Industrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen" allerhand, und auch aus eigener Erfahrung, darüber berichtet, wie viele humanitäre Hilfsorganisationen, vom Welternährungsprogramm der UNO bis hinab zu kleinsten privaten Mini-NGOs, so ticken. Welche Widersprüchlichkeiten in ihnen stecken können, welche Bereitschaft zur Übertreibung, zur Kooperation mit den "Bösen" im Einsatzraum, welche Naivität, und bisweilen welch Pharisäertum.

Immer wieder wies sie auch auf das häufig gute Leben mit oft bestens bezahlten Jobs von NGO-MitarbeiterInnen hin. Alles zusammen brachte ihr neben enormer Zustimmung auch viel Kritik und Gegenwind ein, naturgemäß aus der NGO-Szene, aber auch von anderen Journalisten. NGOs, so heißt es ja, sind gegenüber Kritik überdurchschnittlich empfindlich.

Indes, wer als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in ein Katastrophengebiet geht, findet sich eher öfter als selten in einer Machtposition wieder. Nicht jeder ist dieser Situation moralisch gewachsen, wie die jüngsten Fälle von sexueller Ausbeutung bei NGOs wie Oxfam und Ärzte ohne Grenzen zeigen.

Die Sache mit dem Machtgefälle

"Überall da, wo es ein Machtgefälle gibt, weil zum Beispiel Menschen dringend auf Hilfe angewiesen sind, ist es sehr wichtig, dass es klare Verhaltensregeln gibt", sagte Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe in Deutschland. Die Welthungerhilfe habe deshalb ein "transparentes Beschwerdemanagement" und ein "anonymes Whistleblower-System", über das sich jeder an die Organisation wenden könne - lokale Mitarbeiter ebenso wie Hilfsempfänger. Führungskräfte seien verpflichtet, jede Beschwerde an die Zentrale zu melden.

Die jüngsten Vorwürfe gegen Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen bezeichnet Pott als "herben Schlag, was Reputation und Vertrauen angeht". Bei der Welthungerhilfe seien vergleichbare Vorfälle bisher nicht bekannt geworden. Die Organisation habe den Skandal nun aber trotzdem zum Anlass genommen, "um noch einmal zu überprüfen, ob unsere Mechanismen wirklich ausreichend sind".

In den vergangenen Tagen haben sich ehemalige Mitarbeiter von NGOs an Medien gewandt, um von sexueller Ausbeutung durch Helfer in Krisenländern zu berichten. Der Prostitutionsvorwurf gegen Oxfam überrasche sie nicht, schrieb Julie Bindel im "Independent". Im Kosovo habe sie 1999 erlebt, wie Bordelle entstanden, die vor allem von Mitarbeitern von NGOs und UN-Organisationen frequentiert worden seien.

"Eine Kultur, wo Mobbing weit verbreitet war"

Shaista Aziz, die unter anderem für Oxfam arbeitete, berichtete dem "Guardian" von einer "Kultur, wo Mobbing weit verbreitet war, Frauen oft niedergemacht wurden und Rassismus alltäglich war, und das war nicht nur bei Oxfam so, sondern passierte in vielen Organisationen aus diesem Bereich, für die ich tätig war". Sie sagte: "Jedes Mal, wenn ich ein Problem klar angesprochen habe, hieß es, ich sei das Problem."

Ähnliche Probleme, speziell Mobbing, wurden und werden übrigens auch aus diversen, teils sehr bekannten NGOs in Österreich berichtet; manche Vorwürfe würden heute durchaus Me-Too-trächtig sein.

In Afrika kam es in der Vergangenheit immer wieder in Notsituationen und Krisenlagen zu derartigen Skandalen. 2002 etwa erschütterten schwere Missbrauchsvorwürfe in Westafrika den humanitären Sektor. Damals kam ans Licht, dass Mitarbeiter von NGOs und Blauhelmsoldaten im großen Umfang Flüchtlingskinder in Liberia, Guinea und Sierra Leone missbraucht hatten. In einem Untersuchungsbericht des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) beschuldigten Kinder fast 70 Mitarbeiter von mehr als 40 Organisationen, darunter UNHCR und Save the Children, als Gegenleistung etwa für Essen, Geld und Stipendien Sex verlangt zu haben. Die Mehrzahl der Beschuldigten waren lokale Mitarbeiter, aber es standen auch UN-Soldaten unter Verdacht.

Wenn Blauhelmsoldaten Unfrieden bringen

Der Skandal schlug hohe Wellen. Die UNO unter dem damaligen Generalsekretär Kofi Annan stellte als Konsequenz neue Regeln für alle Mitarbeiter auf. Das Problem war damit aber nicht aus der Welt, und speziell gegen Blauhelmsoldaten kam es weiter immer wieder zu Vorwürfen. Während des 13 Jahre langen Einsatzes in Haiti sollen Blauhelmsoldaten immer wieder Haitianer vergewaltigt, missbraucht oder sexuell ausgebeutet haben. Während die UN für den Zeitraum von 2008 bis 2015 von 75 Fällen ausgehen, hat der Menschenrechtsaktivist Mark Snyder Hinweise auf fast 600 Vergehen zusammengetragen. Auch UN-Soldaten im Kongo und der Zentralafrikanischen Republik werden des sexuellen Missbrauchs beschuldigt.

UN-Chef Antonio Guterres hat bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr angekündigt, sexuellen Missbrauch durch UN-Personal mit einer "Null-Toleranz-Politik" zu beenden. Doch wenn es zu solchen Vorwürfen kommt, ist Strafverfolgung oft schwierig. Denn für Vergehen bei UN-Missionen sind nicht die UN, sondern die Herkunftsländer der Soldaten zuständig.

(apa/dpa)

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