Die dunkle Seite des türkischen Airport-Wunders

Am Montag testet Präsident Erdoğan den neuen Flughafen in Istanbul, den die Türken in nur drei Jahren errichteten. Der Preis für das Bautempo war hoch: Dutzende Arbeiter starben.

So sieht der neue Großflughafen in Istanbul von innen aus. Offiziell soll er am 29. Oktober eröffnet werden.
So sieht der neue Großflughafen in Istanbul von innen aus. Offiziell soll er am 29. Oktober eröffnet werden.
So sieht der neue Großflughafen in Istanbul von innen aus. Offiziell soll er am 29. Oktober eröffnet werden. – (c) Getty Images (Anadolu Agency)

Istanbul. Die Türkei steht kurz vor Vollendung eines der größten Prestigeprojekte von Präsident Recep Tayyip Erdoğan: Am Montag, dem Geburtstag des Staatschefs, soll auf dem geplanten Großflughafen nördlich von Istanbul der erste Testflug stattfinden – mit Erdoğan als erstem Passagier. Während der geplante Berliner Flughafen wegen immer neuer Verzögerungen zum Gespött wird, hat die Türkei in weniger als drei Jahren eine Anlage aus dem Boden gestampft, die nach dem Endausbau mit 150 Millionen Passagieren im Jahr der größte Airport der Welt werden soll.

Doch nun kommt die dunkle Seite des türkischen Rekordtempos ans Licht: Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte Arbeiter sind auf der Großbaustelle bei Unfällen ums Leben gekommen. Einem Bericht der Oppositionszeitung „Cumhuriyet“ ist es zu verdanken, dass die Behörden die Todesfälle nicht mehr unter den Teppich kehren können. Der Flughafen werde zum Massengrab, schrieb Reporter Mehmet Kizmaz, der einen Lastwagenfahrer auf der Großbaustelle mit ihren insgesamt 31.000 Arbeitern begleitete. Die 1500 Lastwagen transportieren Bauschutt und Abraum; je mehr Touren ein Fahrer pro Tag absolviert, desto höher ist sein Einkommen. Reich wird man damit nicht. Das Grundgehalt liegt bei umgerechnet 320 Euro im Monat, die Prämie für zusätzliche Touren beträgt zwei Euro.

Das Ergebnis ist ein regelrechter Lkw-Albtraum auf den Zufahrtsstraßen. So sind die Lastwagen häufig völlig überladen, etliche wegen gebrochener Achsen, defekter Bremsen oder fehlender Beleuchtung verkehrsuntauglich. Gefahren wird trotzdem, und zwar zwölf Stunden am Tag statt der vorgeschriebenen maximalen Arbeitszeit von acht Stunden. Die Polizei drückt beide Augen zu, weil die Baufirmen vom Staat geschützt werden, wie „Cumhuriyet“ meldet. Die ebenfalls regierungskritische Zeitung „Evrensel“ nannte den Flughafen deshalb eine Todespiste.

Der neue Flughafen soll Istanbul zu einem Drehkreuz wie Hongkong, London oder Frankfurt machen. Es geht um viel Geld: Die beteiligten Unternehmen haben dem Staat 22 Milliarden Euro zahlen müssen, um den Flughafen bauen und 25 Jahre lang betreiben zu dürfen. Die Regierung hat sich auf eine offizielle Eröffnung des ersten Teils des Airports am Republikstag, dem 29. Oktober, festgelegt. An diesem Montag will Erdoğan mit der ersten Maschine auf einer bereits fertigen Landebahn landen.

Schweigegeld für Angehörige

Wegen des Zeitdrucks werden Sicherheitsmaßnahmen ignoriert, was die Arbeiter in Lebensgefahr bringt. Fehlende Arbeitssicherheit ist in der Türkei seit Langem ein Problem; allein im vergangenen Jahr starben laut Gewerkschaftsangaben rund 2000 Menschen bei Arbeitsunfällen. Doch die Zustände auf dem Flughafengelände sind offenbar ganz besonders schlimm.

Yunus Özgür von der Bauarbeitergewerkschaft Insaatis sagte „Cumhuriyet“, er höre dort von drei bis vier Todesfällen jede Woche. Nur die wenigsten werden der Öffentlichkeit bekannt. Die Angehörigen der Todesopfer werden laut „Cumhuriyet“ mit der Zahlung von umgerechnet rund 90.000 Euro zum Schweigen verpflichtet.

Der „Cumhuriyet“-Bericht löste eine parlamentarische Anfrage der Opposition an die Regierung aus und schreckte die türkische Öffentlichkeit so auf, dass Ankara reagieren musste. Bisher habe es 27 Todesfälle auf der Großbaustelle gegeben, räumte das Arbeitsministerium ein, das bisher nichts über die tödlichen Unfälle mitgeteilt hatte. Die Baustelle werde streng kontrolliert, betonte das Ministerium, doch laut „Cumhuriyet“ kann davon keine Rede sein.

Auch der Wirtschaftswissenschaftler und Kolumnist Mustafa Sönmez spricht von katastrophalen Arbeitsbedingungen auf dem neuen Flughafen. „So etwas gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Mal“, sagte Sönmez der „Presse“. Der Regierung gehe es beim Flughafenprojekt einzig und allein darum, ihre Wähler vor den Kommunal-, Parlaments- und Präsidentschaftswahlen des kommenden Jahrs mit einem schnellen Bautempo zu beeindrucken. Selbst wenn die Zahl von 27 Toten der Wahrheit entsprechen sollte, wäre sie ein Skandal, sagt Sönmez. An den lebensgefährlichen Bedingungen für die Beschäftigten ändert sich offenbar nichts: Der Zeitung „Evrensel“ zufolge stürzte vorige Woche ein Bauarbeiter aus vier Metern Höhe von einem Balken und starb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2018)

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