Mafia-Patriarch Oppedisano: Der Mann, den es nicht gibt

Italiens Polizei verhaftete diese Woche den Boss der mächtigsten Mafiaorganisation des Landes, der 'Ndrangheta: Domenico Oppedisano ist 80 Jahre alt und verkaufte Blumen am Markt.

MafiaPatriarch verhaftet Mann nicht
MafiaPatriarch verhaftet Mann nicht
Domenico Oppedisano – (c) EPA (FRANCO CUFARI)

Es ist ein wahrhaft sensationeller Fang. 3000 Polizisten und Carabinieri waren in der vergangenen Woche im Einsatz, in Kalabrien und in der Lombardei, um Jagd auf Mitglieder der 'Ndrangheta zu machen. Mit einigem Recht nennen die Ermittler aus Reggio Calabria und Mailand das die größte und erfolgreichste Aktion seit vielen Jahren, bei der mehr als 300 Mafiosi, Lokalpolitiker und Unternehmer vorerst hinter Gitter wanderten. Im Zuge der Operation „Das Verbrechen“ wurden auch Immobilien im Wert von mehreren Millionen Euro beschlagnahmt.

Darunter ist auch ein Mann, den es eigentlich gar nicht gibt. Genauer gesagt, seine Funktion. Auch in Italien wusste niemand, dass auch die 'Ndrangheta, die reichste und mächtigste der italienischen Mafiaorganisationen, mittlerweile einen Superboss hat. Und dass dieser Superboss ein unauffälliger runzliger 80-Jähriger mit Namen Domenico Oppedisano ist.

Im Auto, flankiert von Carabinieri, wurde er aus dem Städtchen Rosarno weggebracht. Dort kannte ihn offenbar jeder. In seinem Garten züchtete der Alte Blumen, die er mit dem Ape, dem dreirädrigen Kleintransporter, zum Markt brachte und dort verkaufte.

Weltweiter Befehlshaber. Rosarno, das ist jenes Städtchen etwa 70 Kilometer nördlich von Reggio Calabria, das Anfang des Jahres weltweit Schlagzeilen machte, nachdem afrikanische Wanderarbeiter gewaltsam gegen ihre menschenunwürdigen Lebensumstände aufbegehrt hatten. Vermutlich Mitglieder der 'Ndrangheta hatten auf eine Gruppe von ihnen geschossen und damit deren Verzweiflung in Rebellion umschlagen lassen. Und vermutlich war es auch die 'Ndrangheta, die die Bewohner des Städtchens anschließend dazu aufstachelte, gezielt Hatz zu machen auf die Afrikaner. Welche Rolle Domenico Oppedisano dabei gespielt hat, wird vielleicht bei seinen Verhören herauskommen.

Die Ermittler gehen auf jeden Fall davon aus, dass er neuerdings weltweit Befehle gab. Seit vergangenem Herbst ist Oppedisano als Chef für Operationen rund um den Globus verantwortlich, mit denen die Organisation allein im Jahr 2007 mehr als 44 Milliarden Euro verdient hat. Ihre Geschäfte reichen von Waffen- und Drogenhandel über Bauspekulation bis hin zur Geldwäsche, und nach Einschätzung der Ermittler ist die 'Ndrangheta neben den kolumbianischen Drogenbaronen die Nummer eins im Kokainhandel.

Banditen der Berge. Einst als Bande von Briganten in den wilden Bergen Kalabriens gegründet, verlegte sich die 'Ndrangheta in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts zunächst auf Entführungen – und legte damit finanziell den Grundstock für ihren Einstieg ins Drogengeschäft. Doch es sollte noch lange dauern, ehe sie ins Blickfeld der Behörden geriet. Die konzentrierten sich in den 80er- und 90er-Jahren vor allem auf die sizilianische Cosa Nostra, die mit blutigen Attentaten den Staat bis an seine Grenzen herausforderte, später dann auch auf die Camorra, die napolitanische Mafia.

Praktisch im Verborgenen und weitgehend ungestört stieg die 'Ndrangheta unterdessen auf und dehnte sich auch nach Norditalien, in die reiche Lombardei, aus, wo sie gezielt ganze Wirtschaftsbereiche infiltriert hat, vor allem die Bauwirtschaft. Der Erfolg der italienischen Ermittler räumt nun auch mit dem häufig strapazierten Argument auf, dass die Mafia ein rein süditalienisches Phänomen sei. Nun ist klar, dass die Mafia auch im Norden Fuß gefasst und dort Netzwerke aufgebaut hat. Staatsanwälte gehen davon aus, dass die Banken- und Wirtschaftsmetropole Mailand zur Finanzhauptstadt der Mafia geworden ist.

Erst im Jahr 2007 gelangte die 'Ndrangheta erstmals international ins Rampenlicht: Vor einer Pizzeria in der deutschen Stadt Duisburg wurden sechs Männer aus Rache erschossen, von Mitgliedern eines verfeindeten Clans im fernen Kalabrien. Während manche italienischen Ermittler davon ausgingen, dass es sich dabei um mehr als nur um Blutrache handelte, taten sich die deutschen Kollegen zunächst schwer, die Gefahr zu erkennen.

Glückliche Mafiosi, heiratet. Bisher kontrollierten sogenannte 'ndrine lokal abgegrenzte Gebiete, die gesamte Organisation war vertikal und nicht streng hierarchisch wie die Cosa Nostra aufgebaut. Gern verglichen die Ermittler sie mit einer Krake, die ihre Arme wie eine Tentakel ausbreitete – mit „organischer Intelligenz“ wie das Terrornetzwerk al-Qaida.

Sie besteht derzeit aus etwa 150 Clans mit insgesamt rund 10.000 Mitgliedern. Aufgenommen wird in einem archaischen Ritual nur, wer 14 Jahre alt und blutsverwandt ist. Auch Frauen können zu „sorelle d'umilta“, zu „Schwestern der Demut“ werden, allerdings keine höheren Ämter erreichen. Sie spielen oft insofern aber eine wichtige Rolle, als Fehden mit strategischen Heiraten beigelegt werden. Bei solchen Hochzeitszeremonien kommen die Clans aus der ganzen Gegend zusammen, das sind oft gut getarnte Gipfeltreffen.

Unauffälliger Patriarch. Dass Domenico Oppedisano zum Superboss aufsteigen würde, wurde ebenfalls auf einer Hochzeit bestimmt: Im August vergangenen Jahres heirateten Elisa Pelle und Giuseppe Barbaro, Abkömmlinge zweier mächtiger Clans. Bei den aufwendigen Feierlichkeiten vollzogen die Chefs offenbar eine Revolution. Die Tentakelstruktur erschien als nicht mehr adäquat für ein globalisiertes Unternehmen. Zudem bestand die Gefahr, dass die Gruppe in der Lombardei zu mächtig und sich vielleicht sogar abspalten würde.

Doch weil ein abrupter Bruch mit den alten Regeln nicht so einfach durchzusetzen war, entschied man sich für einen Kompromiss: einen Patriarchen, der nach außen unauffällig war, einen, der führen konnte und dennoch den Konsens suchte bei wichtigen Entscheidungen. „Bei Gott, nicht gegen die anderen“, sagte Oppedisano einmal. Ihm unterstellt waren mehrere Unterbosse.

Dass er das neue Amt nur wenige Monate innehaben sollte, ahnte Oppedisano nicht, als er im September 2009 auf einer Marienprozession in dem abgelegenen Wallfahrtsort Polsi feierlich eingeführt wurde. Denn wie viele andere Mafiosi auch, mochte er auf Kommunikation per Handy nicht ganz verzichten. Das wurde ihm zum Verhängnis, die Gespräche wurden abgehört.

In den 1960er-Jahren „spezialisierte“ sich die frühere Bande an Banditen in der süditalienischen Provinz Kalabrien, die 'Ndrangheta, auf Entführungen und legte so den finanziellen Grundstock für größere Operationen.

Zu den Kerngeschäften der 'Ndrangheta gehören Waffen- und Drogenhandel, aber auch Bauspekulationen und Geldwäsche. Mittlerweile hat die Mafiaorganisation ihren Wirkungsbereich auf den Norden des Landes ausgedehnt. Im Jahr 2007 hat sie mehr als 44 Mrd. Euro verdient.

Aus etwa 150 Clansmit insgesamt rund 10.000 Mitgliedern besteht die 'Ndrangheta derzeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2010)

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