Die Quantenphysikerin in der Neuen Mittelschule

Bibiane Blauensteiner nimmt sich eine Auszeit als Forscherin und unterrichtet die Kinder an der NMS Aspern. Ein Job, der herausfordernder ist als gedacht. Ein Lokalaugenschein.

Labor Klasse
Labor Klasse
(c) Clemens Fabry

Wien. Langsam nähert die zwölfjährige Jenny ihren linken Zeigefinger dem ihrer Lehrerin. Plötzlich zuckt Jenny zurück. Sie hat sich bei der Berührung elektrisiert. Zufall ist das keiner, denn Jennys rechte Hand liegt auf einem Bandgenerator, ihr Körper hat sich also elektrostatisch geladen. Sie ist die erste Schülerin der 2c, die diesen Versuch im Physikunterricht ausprobieren darf. Ihre Mitschüler staunen und warten gespannt, bis auch sie an der Reihe sind.

Die Lehrerin, die es schafft, die Kinder für den Physikunterricht zu begeistern, ist Bibiane Blauensteiner (33). Das ungewöhnliche dabei: Blauensteiner ist keine ausgebildete Pädagogin, sondern Quantenphysikerin. Den Weg in die Kooperative Mittelschule (KMS) Aspern im 22.Wiener Gemeindebezirk hat sie durch das Projekt „Teach for Austria“ gefunden. Dabei werden herausragende Hochschulabsolventen für zwei Jahre als Lehrer an herausfordernde Schulen geschickt. Derzeit nehmen 24 Hochschulabsolventen an dem Programm teil. Im nächsten Schuljahr sollen es sogar doppelt so viele sein. Ziel des Projekts ist es, die Ausbildungs- und Berufschancen von Kindern mit weniger guten Startbedingungen zu verbessern. Die ausgewählten Hochschulabsolventen – darunter Molekularbiologen, Informationstechnologen und Sprachwissenschaftler – sollen mit ihrer Expertise dazu beitragen.

 

500 Bewerber, nur 24 setzten sich durch

Im Physikunterricht der 2c scheinen die Kinder fürs Erste schon einmal sehr motiviert zu sein. Der Stationenbetrieb im Physiksaal, bei dem die Schüler an jeder einzelnen der vier Stationen Versuche zum Thema Elektrizität und Magnetismus durchführen können, macht die Kinder neugierig. Jenny hat nun bereits an Station Nummer vier gewechselt. Hier liegen zahlreiche Luftballons. Einen davon schnappt sich die quirlige Schülerin und reibt ihn heftig an ihrem Kopf. Dann bewegt sie den Luftballon langsam immer weiter von ihrem Kopf weg. Ihre langen braunen Haare folgen dem Luftballon, bis sie schlussendlich senkrecht in die Höhe stehen. Ein einfacher Versuch, der Wirkung zeigt. Rasch ist eine Diskussion zwischen den Schülern entbrannt. Warum stehen Jennys Haare zu Berge? Vermutungen dazu gibt es zwar viele, eine Antwort darauf aber noch nicht.

Versuche durchführen, Beobachtungen machen, Skizzen anfertigen, Vermutungen anstellen und dann Ergebnisse auswerten: Diese Abläufe kennt Bibiane Blauensteiner nur allzu gut. Bevor sie an die KMS Aspern kam, arbeitete sie am Institut für Quantenoptik in der von Anton Zeilinger geleiteten Forschungsgruppe. Irgendwann beschlich sie das Gefühl, dass sie, bevor sie sich endgültig der Wissenschaft verschreibt, noch etwas anderes machen möchte. Sie bewarb sich bei „Teach for Austria“. Dort musste sie eine anspruchsvolle Bewerbungsphase durchlaufen. Rund 500 Hochschulabsolventen wollten an dem Projekt teilnehmen. Nur 24 wurden schließlich aufgenommen. Auf das Auswahlverfahren folgten ein vierwöchiger Onlinekurs und eine sechswöchige Sommerakademie, welche die Teilnehmer auf den Unterricht in der Klasse vorbereiten sollte.

 

In der Schule kam der „Realitätsschock“

Zu Schulbeginn im September folgte dann dennoch der „Realitätsschock“, sagt Blauensteiner. Obwohl sie sich lange damit auseinandergesetzt hat, was es heißt, Lehrerin zu sein, ist der Schulalltag herausfordernder, als vermutet. „Ich habe schon einige schwierige und intensive Dinge gemacht. Aber etwas ähnlich Anstrengendes habe ich selten erlebt. Lehrerin zu sein, ist manchmal schwieriger, als komplexe Photonensysteme zu verstehen“, sagt Blauensteiner.

Für die Quereinsteigerin gibt es keine Sonderbehandlung. Wie die anderen Lehrer muss auch sie Fächer unterrichten, die sie nicht studiert hat. Neben ihrem Studienfach Physik unterrichtet sie nun Turnen, technisches Werken, Informatik, Mathematik und Biologie. Das bedeutet für Blauensteiner vor allem eines: viel Vorbereitung. In ihren ersten Wochen als Lehrerin nützte sie jede freie Minute dafür. „Dennoch ist es sich nur knapp ausgegangen“, sagt Blauensteiner. Auch jetzt, zwei Monate später, braucht sie mindestens drei Stunden, um eine Unterrichtseinheit zu planen. Gerade die Vorbereitung von Versuchen kostet viel Zeit. Blauensteiner nimmt das aber durchaus gerne in Kauf. Denn von reinem Frontalunterricht hält sie nichts. „Ich unterrichte so, wie ich den Physikunterricht gerne gehabt hätte.“

Ganz ohne Frontalunterricht geht es trotzdem nicht. Während die Kinder ihrem Entdeckergeist freien Lauf lassen, wird es im Klassenzimmer immer lauter. Und das, obwohl neben Blauensteiner auch noch zwei Begleitlehrerinnen in der Klasse sind, um die insgesamt 17 Schüler, von denen fünf einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, zu betreuen. Bevor der Übermut um sich greift, schreitet Blauensteiner ein: „Bitte wieder alle zurück auf ihren Platz!“, schreit die Lehrerin. Nach einigen Ermahnungen setzt sich auch der letzte Schüler auf seinen Sessel. Die Schüler zu übertönen, ist eine Herausforderung für die Stimme. Dass der Job auch körperlich durchaus anstrengend sei, habe sie nicht erwartet, sagt Blauensteiner. Die Kinder ständig aufmerksam zu beobachten, durch die Klasse zu gehen, ihre Fragen zu beantworten, all das zehre an ihren Kräften.

 

„Manche Dinge gehen mir zu nahe“

Und auch psychisch sei der Beruf nicht immer einfach. Als Lehrerin sei man für viele Schüler auch eine wichtige Vertrauensperson. „Manche Kinder umarmen mich und erzählen mir Dinge, die mir fast zu nahe gehen“, sagt die Quereinsteigerin. Oft bleibe kaum Zeit, den Schülern die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie eigentlich brauchen würden.

Blauensteiner kann ihrem Beruf auf Zeit aber auch sehr viel Positives abgewinnen: „Man sieht, dass sich die Arbeit lohnt.“ Was sie nach den zwei Jahren an der KMS machen möchte, weiß sie noch nicht. „Wenn ich sehe, dass Unterrichten der richtige Weg ist, dann werde ich das auch weiterhin machen.“ Ansonsten geht es für sie wieder zurück ins Labor.

Die Bewerbungsfrist für das Projekt läuft noch bis 20.Jänner 2013. Nähere Infos dazu: www.teachforaustria.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2012)

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