Zurück in die Schule? Na ja, nicht ganz

Immer mehr Gründer widmen sich Lernen und Schule - und versuchen, die Probleme des Bildungssystems (sozial-)unternehmerisch zu lösen. Von Talenteförderung bis Technik.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Eine Wohnung im 18.Wiener Gemeindebezirk: Rebecca (17) sitzt mit der zehnjährigen Mia vor deren Mathematikbüchern und erklärt, was mit den geraden natürlichen Zahlen gemeint ist. Eine ganz normale Nachhilfestunde, wie sie hierzulande zu Zigtausenden stattfinden?

Jein. Denn hinter den anderthalb Stunden, die Rebecca und Mia einmal pro Woche gemeinsam verbringen, um Mathe zu lernen, steckt einiges mehr. Dass talentierte Schüler anderen – besonders den benachteiligten – günstig oder gratis Nachhilfe geben, ist nur ein Teil der Ideen, die Bernhard Hofer (29) in sein frisch gegründetes Unternehmen Talentify verpackt hat.

Profitieren sollen nämlich auch die älteren Schülerinnen und Schüler: Sie sammeln durch die Lernhilfe Bonuspunkte, die sie gegen Workshops einlösen können, in denen sie jene Dinge lernen, die in der Schule zu kurz kommen – von Problemlösung bis Zeitmanagement. Und außerdem wird auch gleich noch eine Brücke zu möglichen zukünftigen Arbeitgebern geschlagen.


Gründer entdecken Bildung. Gemeinhin gilt der Bildungsbereich ja nicht gerade als ein Hort junger, innovativer Unternehmen. Doch immer mehr junge Gründer scheinen die Themen Bildung, Schule und Lernen jetzt für sich zu entdecken. Und starten Unternehmen, die in den Lücken Platz finden, die das Bildungssystem offen lässt – von Talenteförderung bis Technik.

Einige präsentieren sich neben einer ganzen Reihe von Bildungsinitiativen auch auf dem stEFFIE-Festival, das Hofer gemeinsam mit einer Handvoll Interessierten ins Leben gerufen hat und das noch bis heute Abend in der Vienna Business School stattfindet (siehe Infobox rechts). Die Abkürzung steht für den etwas kryptischen Namen „Experimental Fun Festival for Innovative Education“. Soll sein: ein Festival für Wissenshungrige, Querdenker und Neugierige mit Tatendrang, Experimentierfreude und Mut zum Scheitern.

Eigenschaften, die Bernhard Hofer selbst zweifellos mitbringt. Den Anstoß für Talentify gab eine Debatte über Sozialunternehmertum, die er vor knapp einem Jahr hörte. „Ich bin nach Hause gekommen und konnte nicht schlafen, kein Scherz.“ Bis in die frühen Morgenstunden grübelt er herum. Und kramt schließlich ein altes Projekt heraus, das er schon zu Schulzeiten an seiner HTL in Innsbruck umgesetzt hatte: Schüler, die anderen Schülern günstig Nachhilfe geben. Ausgehend von der Idee baute er sein neues Konzept auf. Und kündigte vor ein paar Monaten schließlich seinen Job bei einer Softwarefirma.

Mitte Oktober startet nun die Onlineplattform von Talentify, die Schülerinnen ermöglicht, außerschulische Angebote in Anspruch zu nehmen und Lernhilfe zu bieten bzw. zu bekommen. Etwas, was ganz nebenbei übrigens auch noch die sozialen Fähigkeiten der (älteren) Schüler trainiert. Was wiederum den Partnerunternehmen – darunter etwa SAP oder die Erste Bank – ganz besonders wichtig ist.


Maximaler Impact statt Profit. Die Unternehmen spielen auch eine nicht unwichtige Rolle in jenem Part von Talentify, der profitorientiert ist: Sie könnten in Zukunft eine Art Provision bezahlen, wenn ihnen Hofer talentierte neue Mitarbeiter vermittelt. Oder von ihm Beratungsleistungen einkaufen. Etwa dazu, wie man sich als attraktiver Arbeitgeber für junge Leute positioniert. So soll die Non-Profit-Säule finanziert werden: die Lernhilfe. Ein Mix zwischen profitorientiert und nicht profitorientiert. Die Gewinne werden reinvestiert. Statt um den maximalen Gewinn geht es um maximalen Impact.

Warum Hofer dann ein Unternehmen gegründet hat – und nicht einen Verein oder eine NGO? „Unter anderem, weil es nachhaltiger ist.“ Man sei etwa nicht auf Spenden angewiesen. Man könne sich selbst erhalten – sofern die Sache funktioniert, natürlich. Die Ziele sind jedenfalls ambitioniert: Bis Februar will Hofer mit Talentify 500 bis 1000 Schüler erreichen – ein Viertel davon sollen ältere sein, die Lernhilfe geben und Workshops besuchen. Ende 2015 sollen es 10.000 sein. Und ein Jahr später dann 40.000 Schüler.


Finanzverhalten trainieren. Katharina Norden (29) ist da schon einige Schritte voraus. Mit Three Coins – ebenfalls ein Sozialunternehmen, das es inzwischen seit zwei Jahren gibt – hat sie bereits 25.000 Jugendliche erreicht. Nämlich mit dem Mobile Game „Cure Runner“. Das soll ein erster Schritt sein, um das Finanzverhalten zu trainieren. Das heißt: Nicht einfach Wissen vermittelt zu bekommen – was das tatsächliche Verhalten nachweislich kaum ändert –, sondern zu üben, wie das geht. Da geht es darum, dem Konsumdruck zu widerstehen, regelmäßig aufs Budget zu schauen. Das Ziel: ein sicheres Lernumfeld, in dem man den Umgang mit Geld frühzeitig trainieren kann.


Non Profit plus profitorientiert. Das Spiel ist nicht alles, es ist eher eine Art Türöffner, eingebettet in ein größeres Lernkonzept. Dafür bildet Three Coins in Workshops Multiplikatoren aus, das sind etwa Mitarbeiter von Jugendzentren, von Young Caritas oder dem Roten Kreuz. Auch ein eigenes Format für Lehrer und Schulen ist geplant.

Wie Talentify steht Three Coins auf verschiedenen Säulen: Die Workshops seien eher der Non-Profit-Part des Unternehmens. Geld verdient wird mit dem Verkauf der Lizenzen des Spiels ins Ausland oder mit Beratungstätigkeiten für Banken, Institutionen, Ministerien, die selbst Kompetenzen im Bereich Finanzbildung aufbauen wollen.

Die Unabhängigkeit ist auch für Katharina Norden einer der Vorteile eines Unternehmens. „Und dass man anders an Probleme herangeht.“ Dass man etwa in iterativen Prozessen Lösungen sucht. „Wir machen etwas und schauen, ob es funktioniert. Unser Ansatz, um zu neuen Lösungen zu kommen, ist eben, diesen Prozess des Ausprobierens zu durchlaufen. Das fehlt Bildungsmodellen sonst oft.“


Mit Technik in Startlöchern. Im ersten Stadium dieses Ausprobierens ist Adib Reyhani (31). Erst vor wenigen Tagen hat er sich auf einen Namen für sein Unternehmen festgelegt: The Things We Learn. Und demnächst geht er in die Pilotphase: Eine Klasse einer Neuen Mittelschule in Wien Favoriten wird dafür mit Tablets und WLAN ausgestattet. Reyhani wird sie dabei unterstützen, wie sie die Technik-Tools pädagogisch sinnvoll anwenden können.

Er will Schulen – vor allem jene, die ohnehin schon mit schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen haben – dabei unterstützen, die Kompetenzen aufzubauen, die es braucht, um Technik im Unterricht zu nutzen. Kaufen sie technische Produkte von ihm, bekommen sie die Begleitung dazu. Ein Vorteil: Er kennt auch die Lehrerseite. Die vergangenen zwei Jahre hat er als Lehrer an einer Wiener Mittelschule gearbeitet – als einer der Fellows der Initiative Teach for Austria, die seit gut zwei Jahren Topabsolventen als Lehrer in Brennpunktschulen schickt.

Von Teach for Austria wird er auch bei seinen ersten Schritten zum Unternehmer unterstützt. Er ist dort Entrepreneur in Residence, bekommt einen Arbeitsplatz, Zugriff auf die Kontakte. Was Reyhani an der ganzen Szene begeistert: Wie die jungen Bildungsunternehmen zusammenarbeiten. „Sie sehen sich nicht als Konkurrenz – sondern wollen gemeinsam etwas bewegen.“ Immerhin ist es der Impact, der im Vordergrund steht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2014)

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