Nordisch by Nature

Skandinavistik und Finno-Ugristik. Spezielle Studienrichtungen befassen sich mit dem nördlichsten Teil Europas, der als Kulturraum von Finnland bis nach Island reicht.

Land und Klima prägen die Lebensweise und wohl auch das Gemüt der Bewohner Skandinaviens.
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Land und Klima prägen die Lebensweise und wohl auch das Gemüt der Bewohner Skandinaviens.
Land und Klima prägen die Lebensweise und wohl auch das Gemüt der Bewohner Skandinaviens. – (c) imago/blickwinkel (P. Schuetz)

Einige Länder des erweiterten skandinavischen Raums meint man gut zu kennen, vor allem Norwegen und Schweden, die dieser Tage ihre Nationalfeiertage begehen, aber auch Finnland oder Dänemark, die in puncto Bildung, Innovation und Wohlstand regelmäßig Rankings anführen. Alle vier genannten Staaten waren im World Happiness Report 2016 übrigens unter den zehn „glücklichsten Ländern“ der Welt zu finden – angeführt von Dänemark.
Wer sich im Rahmen eines Studiums mit den Sprachen und Kulturen des nordischen Raums beschäftigen will, kann das innerhalb Österreichs ausschließlich an der Universität Wien und deren Abteilungen für Skandinavistik und Finno-Ugristik tun. „Die skandinavischen Sprachen sind für deutsche Muttersprachler relativ leicht zu erlernen“, sagt Roger Reidinger, Leiter der Abteilung Skandinavistik. Die Beherrschung der Hauptsprache umfasst im Skandinavistik-Bachelor daher nur 30 der 180 ECTS-Punkte. Immerhin handle es sich um ein klar wissenschaftlich orientiertes Studium. Allerdings könne man im Wahlbereich auch noch 18 weitere ECTS-Punkte im Bereich Sprachbeherrschung (etwa einer zweiten skandinavischen Sprache oder Finnisch/Estnisch/Litauisch) erwerben. Im Masterstudium werden die sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlichen Inhalte, aber auch Altnordistik forciert.
Bei den insgesamt 450 Skandinavistikstudenten ist unter den Sprachen Schwedisch am meisten nachgefragt, gefolgt von Norwegisch und – in etwa ex aequo – von Dänisch und Isländisch, berichtet Reidinger. „Im Aufwind ist aber in den letzten Jahren vor allem Isländisch. Es wird in etwa von genau so vielen Studierenden gewählt wie Dänisch, obwohl 15 bis 20 Mal mehr Menschen Dänisch sprechen.“
Beide Sprachen – Isländisch und Dänisch – werden an der Wiener Skandinavistik jedenfalls im Vollausbau gelehrt, im Gegensatz zu Färöisch. „Diese Sprache wird leider – aus finanziellen Gründen – überhaupt nicht unterrichtet, spielt aber in den sprachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen eine große Rolle“, sagt Reidinger. Unter den wissenschaftlichen Disziplinen hingegen holen laut Reidinger in den vergangenen Jahren immer mehr die Sprachwissenschaft und Altnordistik gegenüber der Literaturwissenschaft auf. „Im Speziellen, und das ist sicher ein fachlicher Haupttrend, interessieren sich immer mehr Studierende auch wissenschaftlich für die kleineren skandinavischen Sprachen – Isländisch, Färöisch, Älvdalisch – und regionalen Varietäten.“

Sprache, Literatur und Kultur

Auch das Studium der Finno-Ugristik beruht auf den drei Pfeilern der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft sowie parallel dazu auf der praktischen Sprachbeherrschung. Im Bachelorstudium stehen die beiden Ausrichtungen Hungarologie und Fennistik zur Wahl. Wer ausschließlich an der finnischen oder ungarischen Sprache interessiert ist, wird auf die Kurse des Sprachenzentrums der Universität Wien verwiesen. Die dritte Sprache dieser Gruppe, Estnisch, wird im Rahmen von Pflicht- und Wahlfächern unterrichtet. Auch halten Gastlehrende regelmäßig Vorlesungen etwa zur Kultur und Geschichte Estlands.
Die Motivationen, das Fach zu studieren, sind aus der Sicht von Johanna Laakso von der Abteilung für Finno-Ugristik sehr unterschiedlich. „Es kommen Leute mit sehr verschiedenen Interessen zu uns, sowohl linguistischen als auch ,holistischen‘, also dem Interesse für ein gewisses Land, seine Kultur, Sprache und anderes, von der Architektur bis zur ethnischen Küche. Außerdem sind unsere Masterstudien in der Finno-Ugristik so geplant, dass sehr verschiedene Inhalte eingebaut werden können: Der Fokus kann auf einer Sprache liegen – Ungarisch, Finnisch, aber auch Estnisch oder einer ,kleinen‘ finnougrischen Sprache; dazu kommen vergleichende und allgemeine Inhalte.“ In den vergangenen Jahren seien beispielsweise Magisterarbeiten zur EU-Kommunikation mit Finnland, zur sprachlichen Identität der Ungarn in Österreich und zu den linguistischen Repräsentationen des Schamanentums bei den Finnougriern verfasst worden.
Auslandssemester werden an der Finno-Ugristik dringend empfohlen und sind laut Laakso prinzipiell sehr attraktiv. Laut dem Finnischlektor Mikko Kajander nützen jedoch durchschnittlich nur zwei Studierende pro Jahr die Möglichkeit eines Erasmus-Semesters in Finnland, noch seltener werde Estland gewählt.

Baltische Staaten in Ostseeraumstudien

Im Schwerpunkt der Ostseeraumstudien, der von beiden Abteilungen betrieben wird und auch die baltischen Staaten zum Gegenstand hat, nimmt ein knappes Fünftel der derzeit rund 100 Studierenden an Litauisch-Sprachkursen teil. Die Mehrzahl der Studierenden verfüge über einen Hintergrund in der Skandinavistik und Finno-Ugristik sowie zunehmend in der Slawistik/Russistik, sagt Stefan Donecker, der als Historiker und externer Lehrbeauftragter für die Ostseeraumstudien tätig ist.
Eine kleinere, aber durchaus relevante Gruppe bestehe aus Politikwissenschaftlern, Soziologen und Studierenden ökonomischer Fächer. „Ihre Motivation besteht in der Regel teilweise darin, Estland, Lettland und Litauen als Fallbeispiele für rezente Transformationsprozesse kennenzulernen, aber auch eine berufliche Tätigkeit vor Ort in diesen Ländern zu verwirklichen.“

Information

Skandinavien: Streng genommen gehören nur Norwegen, Schweden und Dänemark zu den skandinavischen Ländern. Im weiteren Sinn werden wegen der geografischen sowie kulturellen Nähe oft auch Finnland, Island und die Färöer-Inseln zu Skandinavien gezählt. Die benachbarten baltischen Staaten teilen sich mit Skandinavien die Ostseeküste und sind dadurch als Kulturraum ebenfalls mit ihnen verbunden.

Studium: An der Universität Wien sind als Philologien – also als komplette Studienrichtungen mit Älterer und Neuerer Sprachwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft – zum einen das Fach Skandinavistik (Sprachkurse für Dänisch, Isländisch, Norwegisch und Schwedisch), zum anderen das Fach Finno-Ugristik (Sprachkurse für Finnisch, Estnisch und das verwandte Ungarisch) ausgebaut. Beide Abteilungen sind am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft angesiedelt. Sie betreiben den gemeinsamen Schwerpunkt Ostseeraumstudien (Baltic Sea Region Studies). Der Schwerpunkt wird als Erweiterungscurriculum für alle Studierenden der Uni Wien sowie als Wahlfach angeboten (Sprachkurse derzeit für Litauisch, Dänisch, Finnisch und Estnisch und mit Einschränkungen Schwedisch).
https://skandinavistik.univie.ac.at
https://finno-ugristik.univie.ac.at/studium/
https://ostseeraum.univie.ac.at

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