Der normative Heitger

Hätte Marian Heitger (1927-2012) die österreichische Pädagogik tatsächlich maßgeblich beeinflusst, sähe es in den diversen Bildungseinrichtungen etwas anders aus. Eine Würdigung seiner Leistung.

(c) Fabry

De mortuis nihil nisi bene: Marian Heitger hat als Ordinarius an der Universität Wien die Pädagogik dieses Landes über Jahrzehnte hinweg geprägt. Ein Satz, der ihm selbst so jedoch nicht gefallen hätte. Erstens hätte sich Marian Heitger gegen den Ausdruck „Prägung“ gewandt. Denn – so hätte er gesagt – geprägt werden Münzen und Graugänschen. Menschen aber werden erzogen und unterrichtet – und zwar so, dass Bildung nicht verhindert wird.

Zweitens lag es Marian Heitger fern, seine Schüler auf seine Lehre einzuschwören und Gehorsam in Bezug auf seine Lehrmeinung zu fordern. Gefordert war einzig die argumentative Auseinandersetzung mit dieser. Seine Pädagogik war eben eine des Dialogs und damit eine der Argumentation. Das galt für seinen Umgang mit Studenten ebenso wie es seiner Auffassung nach für Unterricht und Erziehung allgemein gelten sollte.

Hätte er die österreichische Pädagogik tatsächlich maßgeblich beeinflusst, sähe es in den diversen Bildungseinrichtungen etwas anders aus.

Als Grundprinzipien seiner „prinzipienwissenschaftlichen Pädagogik“ fungierten „Sachlichkeit und Mitmenschlichkeit“. Und so agierte er auch als akademischer Lehrer in thematisch vielfältigen Vorlesungen und Seminaren: suaviter in modo, fortiter in re. Die Konzentration auf die Sache verband sich mit Wohlwollen gegenüber den Angesprochenen. Peinlich berührt war Marian Heitger, wenn ihm jemand untertänig mit seinen zu Lehrsätzen degradierten Überlegungen kam und meinte, er könne damit punkten.

 

Abneigung gegen die Empirie

Wohl die meisten seiner Schüler, die es zu akademischen Positionen brachten, fanden zu eigenen Auffassungen, in denen aber gleichwohl das Erbe der transzendentalphilosophischen (neben „prinzipienwissenschaftlich“ das am häufigsten gebrauchte Etikett) Pädagogik mitschwingt. Manche zog es hin zu einer Steigerungsform der Heitger'schen Variante, der skeptischen Pädagogik. Andere wiederum integrierten in ihre Auffassung von Pädagogik sozialwissenschaftliche Elemente und Ergebnisse der empirischen Erziehungsforschung.

Wenn es bei Heitger heißt, dass es im Unterricht um richtiges (in Argumenten ausweisbares) Wissen und in der Erziehung um richtige (genau genommen „gute“) Haltung zu Welt und Mitmensch (mit einem Verhaltenskodex ist da nichts zu machen) geht, so liegt im Grunde ein sozialwissenschaftlicher Schwenk zu einer empirischen Habitusforschung bzw. einer empirischen Erziehungsforschung nahe.Merkwürdigerweise vollzog er einen derartigen Schritt nicht mit – und geriet dadurch auch in unnötige Auseinandersetzungen mit vielen Kollegen. „Wenn wir wissen, wie etwas ist, wissen wir noch lange nicht, wie etwas sein soll.“ So oder ähnlich formulierte er manchmal, wenn diese Frage im Raum stand.

Vielleicht hatte seine Abneigung gegen Empirie aber auch in den sattsam bekannten Ruckzuck-Erhebungen, denen die politische Abhängigkeit schon von fern anzusehen war, ihren Grund. Seine Reserve gegenüber einer Ausweitung seiner prinzipienwissenschaftlichen Pädagogik in Richtung einer skeptischen war allerdings leichter nachzuvollziehen. Der Grundsatz, dass Pädagogik eine normativ-praktische Disziplin sei, war für ihn unaufgebbar. Die Pädagogik habe auch und vor allem zu sagen, was in dieser oder jener Hinsicht zu tun sei. Ansonsten übernimmt diese Aufgabe bekanntlich der Zeitgeist – und die mit ihm verbundene gerade obenauf schwimmende politische Strömung. Die Skepsis sei dagegen eine zu schwache Waffe.

 

Prägender Einfluss? Eher nein

Marian Heitger sagte, was er für sagenswert hielt, mischte sich ein. Dass man sich damit nicht nur Freunde macht, liegt auf der Hand. Auch Irrtümer müssen dabei mitunter in Kauf genommen werden. „Ja, ja – wieder der normative Heitger.“ Solches konnte man dann oftmals hören.

Also nochmals: prägender Einfluss? Eher nein. „Fels in der Brandung“? Eher ja. Aber ein einzelner Fels stört die Brandung nicht wesentlich. Marian Heitger nahm sich wohl das Kant'sche Diktum „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ zum Lebensmotto. Sein letztes Seminar galt auch Kant und seiner Schrift über Aufklärung. Er konnte es nicht mehr zu Ende führen.

Die österreichische Pädagogik verliert mit Marian Heitger einen authentischen Erziehungsdenker, Österreich auch einen aufrechten Bürger. „Nihil nisi bene“ heißt übrigens nicht „nur Gutes“, sondern auf wohlwollende Art und Weise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2012)

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