Dann basteln Sie doch Ihre eigene Schule!

Wer der Debatten über das öffentliche Schulsystem überdrüssig ist, kann selbst zum Schulgründer werden. Wer ein pädagogisches Konzept hat, benötigt eigentlich nur noch das richtige Gebäude – und ein wenig Biss.

Volksschule
Volksschule
Volksschule – Clemens Fabry

Die politische Diskussion über die Gesamtschule läuft - ergebnislos – in der Endlosschleife. Und sie führt nicht nur zu politischen Zerwürfnissen, sondern zunehmend auch zu Frustration aufseiten der Eltern. Wer sich und seine Kinder nicht länger den ungelenken Reformversuchen der Regierung aussetzen will, der kann die Sache selbst in die Hand nehmen.

Im Grunde kann hierzulande jeder zum Schulgründer werden. Hat man eine Idee (und etwas Mut), könnte die eigene Schule im besten Fall nach 18 Monaten die Pforten öffnen. Knapp 6000 Schüler besuchen hierzulande eine der aktuell 108 Schulen in freier Trägerschaft. „Die Presse“ skizziert den Weg zur eigenen Schule.

1 Das pädagogische Konzept: Schwerpunkt gesucht

Was will ich mit meiner Schule eigentlich erreichen? Der erste Schritt ist sicherlich das Konzept, die pädagogische Idee. Eines, mit dem man möglichst viele Schüler (bzw. ihre Eltern) ansprechen möchte, ist dabei nicht unbedingt das erfolgversprechendste, sagt Michael Karjalainen-Dräger von der neuen österreichischen Initiative „schule-gründen“. Besser: Man sollte sich einen Schwerpunkt suchen – und versuchen, etwas abzudecken, das es in dieser Form noch nicht gibt.

Nachdem die allermeisten freien Schulen in irgendeiner reformpädagogischen Tradition stehen – von Waldorf bis Montessori – ist es ratsam, hier so konkret wie möglich zu werden: Bis hin zu Montessori am Bauernhof (eine solche Schule entsteht gerade in Niederösterreich) ist alles möglich.

Will man das Öffentlichkeitsrecht (siehe Punkt zwei), ist man aber nicht völlig frei: Man braucht einen Lehrplan, der vom Ministerium akkreditiert ist – denn einige grundlegende Bildungsziele gehören erfüllt. Auch hier kann man aber wählen: Neben dem Lehrplan, der auch für die öffentlichen Regelschulen gilt, gibt es auch einige bereits akkreditierte alternative Lehrpläne.

2 Das Öffentlichkeitsrecht: Viel Papier, einige Vorteile

Ein Muss ist das Öffentlichkeitsrecht nicht. Dennoch streben es die meisten freien Schulen an. Denn die öffentliche Anerkennung bringt einige Vorteile mit sich: Die Schüler müssen dann nicht jedes Jahr Externistenprüfungen an einer regulären, öffentlichen Schule bestehen, sondern es gelten die Prüfungen der eigenen Schule. Zudem gibt es für die öffentlich anerkannten Schulen auch öffentliches Geld (siehe Punkt fünf).

Dass die Schüler einer frisch gegründeten Privatschule anfangs trotzdem beim zuständigen Bezirk zum sogenannten häuslichen Unterricht abgemeldet werden müssen, liegt daran, dass das Öffentlichkeitsrecht vom Ministerium am Anfang immer erst nachträglich verliehen wird – also am Ende eines Schuljahres. Und auch das nur dann, wenn alles behördlich abgesegnet wurde: von den Räumlichkeiten (siehe Punkt vier) bis hin zum Schulstatut, in dem pädagogisches Konzept und Zielsetzung beschrieben werden.

Klappt das einige Jahre lang, dann wird das Öffentlichkeitsrecht auch permanent vergeben, erklärt Beatrice Lukas vom Förderverband freier Schulen, der Schulgründer ebenfalls unterstützt.

3 Die Schüler: Nicht zu wenige, nicht zu viele

Die erste Handvoll Schüler für die neue Schule ist zumeist kein Problem. Mehr noch: In den meisten Fällen ist genau das der eigentliche Startpunkt für die Überlegung. Familien und Eltern, die mit dem öffentlichen Schulsystem unzufrieden sind, machen sich auf die Suche nach einer Alternative für ihre Kinder. Dass man allein auf diesem Weg genügend Schüler findet, ist aber unwahrscheinlich.

Allein aus gruppendynamischen Gründen sollten es nicht allzu wenige sein. Und um das Schulprojekt finanziell stemmen zu können, empfiehlt Karjalainen-Dräger mindestens 15 Schüler – immerhin müssen sich die freien Schulen in der Regel hauptsächlich aus Schulgeld finanzieren (siehe Punkt fünf). Sobald das pädagogische Konzept feststeht, sollte man sich also am besten auch schon um die oft nicht so leichte mediale Bewerbung der Schule kümmern.

Allzu groß sollte das Projekt allerdings auch nicht sein – zumindest nicht am Anfang. Kleinere Schulen lassen sich meist einfacher (und rascher) verwirklichen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ab mehr als 20 Schülern die bautechnischen Vorgaben um einiges strenger werden.

4 Das Schulgebäude: Ein ziemlicher Stolperstein

Auch, wenn das im Vergleich zur pädagogischen Idee zunächst wie eine Nebensächlichkeit erscheint: Die richtigen Räumlichkeiten sind für eine Schulgründung zentral – und können sich als Stolperstein erweisen, wenn man sich um das Öffentlichkeitsrecht bemühen will. Nicht selten scheitert das schlicht an baupolizeilichen Fragen.

Man sollte sich also so bald wie möglich nach einem Ort für die geplante Schule umschauen und auch rasch den Landesschulrat dazubitten. Denn es gibt Auflagen, Auflagen, Auflagen – die je nach Bundesland unterschiedlich sind. Je mehr Schüler, desto mehr. Während relativ egal ist, wie die Schule ausgestattet ist – Tafel, Tische, Stühle: alles kein Muss –, sind andere Punkte kritisch: von der richtigen Beleuchtung über die Sicherung der Fenster bis zur Breite des Gangs.

Um welche Art von Gebäude es sich handelt, ist wiederum relativ irrelevant. Erfahrungsgemäß eignen sich Wohnungen aber weniger, leer stehende Gasthäuser oder Geschäftslokale sind in der Regel besser geeignet.

5 Das Geld: Von Schulgeld und Sponsoren

Wem es gelingt, eine Kirche an Bord zu holen, der hat eine ganze Menge finanzieller Sorgen weniger. Denn die Lehrergehälter an konfessionellen Privatschulen zahlt der Staat – und diese Gehälter sind das große Thema. Da eine Kirche aber nicht jedem ins Schulkonzept passt (und es auch fraglich ist, wie oft eine Zusammenarbeit klappt), heißt es: früh überlegen, woher das notwendige Geld kommen soll. Und nicht vor der Suche nach Sponsoren zurückschrecken.

Vor allem auf dem Land kann man auch versuchen, lokale Unternehmer einzubinden. Auch Crowdfunding – das sind viele kleinere Spenden, die zumeist via Internet lukriert werden – wäre eine Idee, meint Karjalainen-Dräger. Schulen mit Öffentlichkeitsrecht können für jeden Schüler pro Schuljahr zwischen 800 und 1000 Euro an öffentlicher Förderung erhalten.

Dennoch: An der Einhebung von Schulgeld wird man kaum vorbeikommen. Laut Beatrice Lukas vom Förderverband freier Schulen verlangen die Schulen im Schnitt zwischen 250 und 400 Euro pro Schüler und Monat.

6 Die Lehrer: Freie Hand – oder auch nicht

Ohne Öffentlichkeitsrecht hat man klarerweise freie Hand bei der Auswahl der unterrichtenden Personen (man muss die Schüler aber auch zur Prüfung in andere Schulen schicken, siehe Punkt zwei). Freie Schulen mit öffentlicher Anerkennung müssen jeden einzelnen Lehrer mittels eines sogenannten Nichtuntersagungsbescheids behördlich bewilligen lassen.

Und auch wenn rein gesetzlich nicht ganz klar definiert ist, welche Qualifikationen ein Pädagoge an einer solchen Privatschule mitbringen muss: Derzeit würden (fast) nur solche Personen als Lehrer genehmigt, die eine klassische Lehrerausbildung (von einer pädagogischen Hochschule oder Uni) haben, die auch der entsprechenden Schulstufe und -form entspricht, sagt Beatrice Lukas.

Ein Richtwert für die Zahl der benötigten Lehrer: Pro 15,5 Schülern braucht es laut Lukas mindestens einen Pädagogen – was zusätzliches Personal betrifft, hat die Schule aber freie Hand. Ob der Extralehrer dann ein Tischler, Sprachwissenschaftler oder eben auch Lehrer ist, ist hier egal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2014)

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