Kaum eine AHS startet mit neuer Oberstufe

Mehr als 90 Prozent der Gymnasien haben die modular gestaltete Oberstufe verschoben, von berufsbildenden Schulen etwa die Hälfte. Die Reform schafft das Sitzenbleiben weitgehend ab.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Eigentlich sollten alle Schulen diesen Herbst mit der neuen Oberstufe starten. Doch de facto werden die Schüler an vielen Schulen noch ein, zwei Jahre warten müssen, bis sie auch mit zwei Fünfern in die nächste Klasse aufsteigen dürfen. Mehr als 90 Prozent aller Gymnasien haben den Start der Oberstufenreform verschoben. Von den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) – das sind etwa HTL, Tourismusschulen oder verschiedene Fachschulen – beginnt rund die Hälfte planmäßig.

Mit der neuen Oberstufe, abgekürzt Nost, wird das Sitzenbleiben weitgehend abgeschafft. Der Lernstoff wird in Module unterteilt, die je ein Semester umfassen. Jeder einzelne dieser Teile muss positiv absolviert werden. Schüler können also nicht den Fünfer im ersten Semester durch Last-Minute-Lernen im zweiten ausbessern. Dafür muss bei einem Fünfer nicht das gesamte Schuljahr wiederholt werden.

 

Probleme bei der Verwaltung

Mit bis zu zwei, in Ausnahmefällen sogar bis zu drei negativen Modulnoten können Schüler in die nächste Klasse aufsteigen. In zwei Semestern und bis zu drei Antritten müssen sie das verpatzte Modul aber positiv abschließen. Schaffen die Schüler das nicht, können sie entweder doch ein Jahr wiederholen, wobei positive Noten erhalten bleiben und sie auch von manchen Unterrichtsfächern befreit werden können. Oder sie nehmen das negative Modul bis kurz vor der Matura mit und müssen es dann positiv bestehen, was Chance und Gefahr gleichzeitig sein kann.

Flächendeckend wird die neue Oberstufe erst ab Herbst 2019 Realität sein. Alle mindestens dreijährigen Oberstufen müssen dann ab der zehnten Schulstufe – im Gymnasium ist das die sechste Klasse – auf das neue Modell umsteigen. Und viele lassen sich auch bis dahin Zeit. Zu den 26 der 345 AHS und den 185 der 365 BMHS, die in diesem Schuljahr starten, kommen nächstes Jahr nur rund 30 weitere Schulen, die die Oberstufenreform umsetzen. Nach heftiger Kritik hatte das Bildungsministerium vergangenes Jahr eingelenkt und hatte erlaubt, den Start um bis zu zwei Jahre zu verschieben.

Laut Lehrergewerkschaft warten so viele Schulen die vollen zwei Jahre ab, weil sie Probleme bei der Abwicklung fürchten. An den bisherigen Pilotschulen habe sich gezeigt, dass es etwa Schwierigkeiten mit dem Programm für die Notenverwaltung gebe. „Die meisten Schulen wollen nicht Beta-Tester des Programms sein und sagen sich, da warte ich lieber zwei Jahre, bis es funktioniert“, heißt es.

Unter anderem die Elternvertreter hatten vor einem planmäßigen Start der Reform gewarnt. Die Möglichkeit, die neue Oberstufe um zwei Jahre zu verschieben, gewährte das Bildungsministerium zunächst nur den AHS, weitete sie letztlich aber auch auf berufsbildende mittlere und höhere Schulen aus. An Letzteren gab es die wenigste Kritik – wohl, weil die meisten der rund 200 Schulversuche zur Nost dort stattfinden. Berufsbildende Schulen machen denn auch die große Mehrheit der Standorte aus, die planmäßig starten.

Kritik gab es auch von anderer Seite. Denn die neue Oberstufe ist nur eine abgespeckte Variante der echten modularen Oberstufe Most, die in Schulversuchen läuft. Bei dieser können die Schüler auch je nach Interesse bestimmte Module auswählen und können sich so in manchen Bereichen vertiefen. Diese Auswahlmöglichkeit gibt es bei der nunmehrigen Reform nicht.

 

Gute können Fächer vorziehen

Für schwache Schüler gibt es in der nun startenden neuen Oberstufe die Möglichkeit, einen Lehrer als Lernbegleiter zu bekommen. Leistungsstarke Schüler können einzelne Fächer durch das Ablegen von Semesterprüfungen vorziehen und dann überspringen. In diesen Gegenständen können sie auch früher zur Matura antreten. Eine Schulnachricht – also ein Semesterzeugnis – wird es künftig nur noch bis zur neunten Schulstufe geben, danach nicht mehr. (beba/APA)

AUF EINEN BLICK

Neue Oberstufe. Mit der Umstellung rückt das Semester als Maßeinheit in den Mittelpunkt. Jedes Semestermodul muss positiv abgeschlossen werden. Bis zu zwei negative Module können in die nächste Klasse mitgenommen werden, Schüler haben dann zwei Semester und drei Prüfungsantritte, um die Fünfer auszubessern. Schlechte Schüler können einen Lernbegleiter bekommen, gute Schüler können Fächer vorziehen und in diesen auch früher maturieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2017)

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