Direktoren stellen sich gegen Deutschklassen

Schulen wollen die von der Regierung auf den Weg gebrachten Deutschförderklassen umgehen. Sie möchten selbst über die Sprachförderung entscheiden. Die ÖVP warnt vor einem Boykott. Am Samstag wird demonstriert.

Bildungsminister Heinz Faßmann im Jänner bei einem Besuch in der Volksschule Murfeld in Graz.
Bildungsminister Heinz Faßmann im Jänner bei einem Besuch in der Volksschule Murfeld in Graz.
Bildungsminister Heinz Faßmann im Jänner bei einem Besuch in der Volksschule Murfeld in Graz. – (c) BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC (DRAGAN TATIC)

Wien. Dass Direktoren die für Herbst geplanten Deutschklassen möglicherweise nicht so umsetzen werden wie geplant, führt zu Kontroversen: „Es kann nicht sein, dass sich Lehrer gegen eine gesetzliche Regelung sträuben“, sagte ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer. Er sehe den Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorsky (SPÖ) in der Pflicht: „Die Bundesregierung hat mit den Deutschförderklassen eine sehr wichtige Maßnahme zur Integration geschaffen und diese ist umzusetzen.“

Am Vorabend hatte eine Schuldirektorin vor Journalisten angekündigt, den Rahmen der Deutschklassen an ihrer Schule zumindest auszureizen. „Wir werden versuchen, Möglichkeiten zu finden, die den Kindern gerecht werden“, sagte Gabriele Lener von der Volksschule Vereinsgasse in Wien-Leopoldstadt. Und weiter: „Wir hoffen, dass unsere gewerkschaftliche Vertretung uns unterstützt, wenn wir Dinge tun müssen, die das Gesetz vielleicht nicht so vorsieht.“

„Das hat nichts mit Boykott zu tun, sondern damit, dass die Umsetzung an der Realität scheitern kann“, sagt Lener nun zur „Presse“. Sie werde sich genau ansehen, ob und wie die Reform umsetzbar sei, wobei die Regierung das noch nicht ausreichend erklärt habe. „Es kann sein, dass das an organisatorischen und pädagogischen Fragen scheitert“, sagt Lener. „Ich werde natürlich versuchen, mich im gesetzlichen Rahmen zu bewegen – aber innerhalb dessen versuchen, die besten Möglichkeiten zu finden, um die Kinder zu fördern.“In der Stadt Wien stoßen die Direktoren auf „großes Verständnis“. Allerdings sei klar, wie Bildungsstadtrat und Stadtschulrat erklären, „dass unsere Schulen bestehende Gesetze einhalten müssen“.

Ob die Deutschklassen für die Kinder der richtige Weg sind – wie die Regierung betont –, daran gibt es jedenfalls Zweifel, die nach Opposition, Experten und Gewerkschaft nun auch die neue Plattform zur schulautonomen Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen geäußert hat, der Lener angehört. Mit organisatorischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Argumenten stellen sich Direktoren, Lehrer, Eltern und Forscher gegen die verpflichtenden Klassen.

 

Sprachvorbilder fehlen

Der zentrale Punkt, formuliert von Susanne Panholzer, Lehrerin an der Volksschule Brioschiweg in Brigittenau: „Dieses Setting entspricht sicher nicht den Bedürfnissen der Kinder.“ Unter anderem, weil ihnen in Deutschklassen die Sprachvorbilder fehlen – also andere Kinder, von denen sie lernen können. Die Plattform drängt darauf, die Entscheidung über die konkrete Form der Sprachförderung – integrativ oder getrennt – den Schulen zu überlassen.

„Es mag Schulen geben, wo das Modell passt“, sagt Horst Pintarich, Leiter der Volksschule Bernhards-talgasse in Favoriten. An seiner sei das nicht der Fall. Er fürchtet, dass deutschsprachige Eltern Schulen mit Deutschklassen ausweichen, weil für die vorgesehenen gemeinsamen Turn- und Singstunden dort alle Klassen durcheinandergewürfelt werden. „Die Befürchtung ist, dass meine Schule eine Ghettoschule wird.“ Er hofft, dass sich die Vorgaben noch ändern.

Erika Tiefenbacher, die die NMS Schopenhauerstraße leitet, warnt davor, dass Schüler, die bis zu zwei Jahre in Deutschklassen verbringen, den Pflichtschulabschluss verpassen, weil sie maximal ein zehntes Schuljahr anhängen dürfen. Nach der Erfahrung mit der Flüchtlingsklasse, die sie eingerichtet hat, hält sie separate Klassen für unklug: Obwohl viele Ressourcen hineingeflossen seien, „können diese Kinder leider nicht so gut Deutsch wie die, die integrativ gefördert wurden“.

 

„Es ist eine Ho-ruck-Aktion“

Die Plattform ortet bei den Deutschklassen, bei denen die Förderstunden von bisher maximal elf auf 15 (Volksschule) und 20 (Mittelschule) erhöht werden, de facto auch eine Kürzung: Bisher habe man in der Volksschule elf Stunden für maximal 15 Schüler, künftig 15 Stunden für bis zu 25 Schüler, sagt Pintarich. Dass nach Abschluss der Deutschklassen die Kinder weiter sechs Wochenstunden in Deutsch gefördert werden können, sei zu wenig, sagt Panholzer. „Das ist eine Halbierung.“

Der Forscher Hannes Schwaiger von der Uni Wien sieht aus wissenschaftlicher Sicht einen Rückschritt: Für erfolgreiche Sprachförderung brauche man möglichst kleine Gruppen und integratives Lernen, das von Zusatzangeboten begleitet werde. In der Reform sieht er eine „schlecht vorbereitete Ho-ruck-Aktion, die aller wissenschaftlichen Einschätzung zufolge nicht dazu führen wird, dass Kinder und Jugendliche schneller und besser Deutsch lernen“.

Am Samstagnachmittag soll es eine Demonstration mit Abschlusskundgebung am Minoritenplatz vor dem Bildungsministerium geben.

AUF EINEN BLICK

Die Deutschklassen wurden von der türkis-blauen Regierung beschlossen und starten im Herbst. Sie müssen von Schülern, die dem Unterricht nicht folgen können, besucht werden. In den Klassen wird 15 (Volksschule) bis 20 (NMS) Stunden pro Woche Deutsch gelernt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2018)

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