Wertvolle Lehren am Brüsseler Pflaster

Wer EU-Praktikum macht, kann viel lernen: politische Praxis ebenso wie Selbstorganisation. Doch die Konkurrenz ist groß, und Selbstausbeutung keine Seltenheit.

"Die tun nichts im EU-Parlament? Kann ich nicht mehr hören."
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"Die tun nichts im EU-Parlament? Kann ich nicht mehr hören."
"Die tun nichts im EU-Parlament? Kann ich nicht mehr hören." – (c) EPA

Nach nur zwei Wochen als Praktikantin im Brüsseler Büro des SPÖ-EU-Mandatars Josef Weidenholzer hatte Corinna Kovac bereits eine Lehre gezogen: "Mann kann 100 Bücher über politische Arbeit lesen: Wenn man da selber drinnen steckt, ist es ganz anders." Die 27-jährige gelernte Modeschneiderin ist in den Endzügen ihres Sozialwirtschaftstudiums in Linz. Ein Praktikum im Europaparlament hätte sie sich bis vor Kurzem nicht vorstellen können, sagt sie. "Und jetzt bin ich erst den 15. Tag hier und finde es super!"

Wer sich für Europa und Politik interessiert, für den ist ein Berufspraktikum in Brüssel fast Pflicht: Sei es in einer der Institutionen Kommission, Parlament oder Rat, sei es in einem Verband, einer Lobbyorganisation oder einem der zahlreichen sonstigen privaten Akteure, die sich um die europäische politische Maschine angesiedelt haben. Doch was erwartet einen, sobald man es durch das Bewerbungsverfahren geschafft hat und in Brüssel angekommen ist? "Das Priorisieren ist extrem herausfordernd", sagt Kovac. "Anfangs ist das Wichtigste, herauszufinden: Was steht wann an?" Die Schärdingerin weist zudem darauf hin, wie wichtig es ist, selbstständig zu arbeiten und sich von Wissenslücken nicht verunsichern zu lassen: ",Kenn ich nicht gibt s nicht. Dann musst du es eben lernen und schnell lernen."

Viele zahlen nicht. Kovac ist für sechs Monate als Praktikantin in Weidenholzers Büro beschäftigt. Sie ist sozialversichert und bekommt ein Entgelt von 1250 Euro. "Es war mir wichtig, dass ich den absurden Satz: Ich muss sparen für mein Praktikum nicht sagen muss, dass ich versichert bin", betont sie. Unbezahlt zu arbeiten könnte sie sich nicht leisten. "Ich kann mir nicht ein halbes Jahr lang etwas von dieser Zeile im Lebenslauf abbeißen."

Doch die Konkurrenz auf dem Brüsseler Markt für Berufspraktika führt zu bedenklicher Selbstausbeutung. Im Parlament bezahlen viele Abgeordnete Praktikanten nicht. Auch die Kommission nimmt im Sommer rund 200 unbezahlte Stagiaires, wie sie auf Französisch heißen. Das liegt daran, dass sich viele Bewerber, die keinen der mit 1159 Euro remunerierten 1300 Plätze im Frühjahr (März bis Juli) oder Winter (Oktober bis Februar) erringen, bereit sind, zum Nulltarif zu arbeiten.

"Zehn Prozent der Praktikanten im Parlament bekommen gar nichts. Ich frage mich, wie die sich das Wohnen hier leisten können", sagt die 23-jährige Politikwissenschaftenstudentin Marie-Isabell Poetzsch, die ein dreimonatiges bezahltes Praktikum bei der deutschen Grünen Terry Reintke absolviert. "Viele Praktikanten ersetzen eigentlich Arbeitsstellen. Das ist nicht die Aufgabe." Ihr Ratschlag lautet daher, eine Lernzielvereinbarung mit dem oder der Abgeordneten abzuschließen. "Damit kann man nachher prüfen und sich darauf berufen, was man lernen wollte."

Das Problem der freiwilligen Selbstausbeutung beschäftigt den Briten Bryn Watkins noch immer, obwohl er recht schnell eine sehr gute Stelle als Pressesprecher des Thinktanks Bruegel gefunden hat. Er kam mit 27 Jahren nach Brüssel, um im Parlament als Praktikant etwas Neues zu erleben. Gemeinsam mit einem Freund gründete er die Brussels Interns NGO (bingo-brussels.eu), denn die Missstände auf diesem speziellen Arbeitsmarkt erschütterten ihn: "Viele Leute gehen mit monatlich 200 oder 300 Euro nach Hause. Das ist komplett illegal." Das Problem betrifft vor allem jene Praktikanten, die außerhalb der Institutionen tätig sind, zum Beispiel in NGOs. Dann gilt belgisches Arbeitsrecht, und für dessen Durchsetzung in der "EU-Blase" nehmen sich die örtlichen Arbeitsinspektorate keine Zeit. Zudem gibt es einige Umgehungskonstruktionen: "Es ist zum Beispiel nicht illegal, wenn man denkt, ein Praktikant zu sein, aber in Wirklichkeit ist man freiwilliger Mitarbeiter. Dann arbeitet man sechs Monate an einer Menschenrechtskampagne, ohne bezahlt zu werden." Das kann sich kaum jemand leisten. Kovac und Poetzsch sind angesichts der Lebenskosten erschüttert. "Mein Gefühl ist: überall ein Euro mehr", sagt Kovac. "Die Wohnungspreise sind heftig", meint Poetzsch. Für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft muss man, je nach Lage und Qualität, mit 380 bis 700 Euro Monatsmiete rechnen.

Doch trotz aller Falltüren, die man als Praktikant beachten muss, würde Watkins jederzeit dazu raten: "Das ist ein wichtiger Schritt zwischen der Uni und dem Berufsleben. Man trifft großartige Menschen, und es ist eine einzigartige Erfahrung." Poetzsch sieht das ähnlich: "Es hat meine Einstellung bekräftigt, wie wichtig es ist, dass junge Menschen in der Politik tätig sind." Und man gewinnt eine Wertschätzung für die oft gescholtenen EU-Institutionen: "Die Intensität der Arbeit ist enorm. Sätze wie ,Die machen ja nichts im Europaparlament kann ich nicht mehr hören."

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

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