Keine verlorene Generation

„Presse“-Umfrage. Fast die Hälfte der Studierenden beweist gesellschaftliches Engagement, das ergab eine aktuelle OGM-Studie. Die Angst vor neoliberaler Kälte und Egoismus ist wohl eine unbegründete. von Christoph Schwarz

Es scheint sich zu einer Art Volkssport der Großelterngeneration auszuwachsen: Den Jugendlichen auszurichten, nicht engagiert genug zu sein, gehört für die diversen Mut-, Wut- oder sonstigen Bürger älteren Semesters fast schon zum guten Ton. Jene jungen Menschen, die sich mit diesem Vorwurf zu Unrecht angesprochen fühlen, können beruhigt sein. So schlecht, wie gern behauptet wird, steht es um ihr gesellschaftliches Engagement nicht. Das ergibt eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts OGM im Auftrag der „Presse“. Fast die Hälfte aller Studierenden übt ein Ehrenamt aus – oder engagiert sich spontan bei Demonstrationen und Protestaufrufen. Zyniker mögen dieses Engagement auf chronische Unterforderung im Studium zurückführen. Dass das bestenfalls die halbe Wahrheit ist, wissen sie selbst.

Bezeichnend ist freilich, wo sich die Studierenden engagieren. Dass soziales Engagement oder der laute, anlassbezogene Aufschrei gegen gesellschaftspolitische Entwicklungen höher im Kurs stehen als klassisches (partei-)politisches Engagement, kommt nicht von ungefähr. Dies mit der viel zitierten Politikverdrossenheit zu erklären, ist zwar an dieser Stelle wenig originell – aber deshalb nicht falsch. Und darf in einem politischen System, in dem lieber über als mit Studierenden geredet wird und Jungpolitiker nur mit gönnerhaftem Lächeln bedacht werden, nicht verwundern. Dass viele jener Pensionäre, die sich jetzt als Mutbürger generieren, dazu maßgeblich beigetragen haben, auch nicht. Man könnte von den Jugendlichen nun verlangen, sich nicht wehleidig über den Istzustand zu beklagen. Sondern eigenverantwortlich etwas dagegen zu unternehmen.

Man könnte aber auch jenes Engagement, dass sie andernorts zeigen, würdigen. Und damit den Gegenbeweis zu jener These antreten, die der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier zuletzt bewusst polemisch formuliert hat: Die Jugendlichen von heute seien „kühle, amoralische Unternehmer ihrer selbst“, geprägt von „neoliberaler Gehirnwäsche“, diktierte er in die Mikrofone.


Soziales Engagement und Leistungsdenken

Welche krausen Vorstellungen er von der „neoliberaler Gehirnwäsche“ hat, ist nicht überliefert. Dass ehrliches soziales Engagement und Leistungsdenken einander nicht ausschließen, beweisen jedenfalls jene Studierenden, die „UniLive“ in Vertretung vieler Kollegen Rede und Antwort standen – und deren Porträts sich auf den folgenden neun Seiten finden. Wenn sie die Leistungsträger der künftigen neoliberalen Gesellschaft sind, die so mancher fürchtet, können wir beruhigt in die Zukunft blicken. Thema Seiten 2–5

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2012)

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