Bologna-Prozess: Die Vision vom europäischen Studium

Bis 2010 müssen die Unis in allen Studienrichtungen das internationale Bachelor- und Masterstudium anbieten. Doch bei der Qualität gibt es noch Probleme.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

WIEN. Zehn Jahre ist es her, dass sich die Minister von 29 europäischen Staaten in der italienischen Stadt Bologna auf ein ambitioniertes Projekt geeinigt haben: Einen wettbewerbsfähigen europäischen Hochschulraum – dieses Ziel wollten sie im Juni 1999 mit der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung erreichen. Bis zum Jahr 2010 sollten die Staaten Zeit haben, die gewachsenen Uni-Strukturen über Bord zu werfen und ein neues System zu etablieren. Das visionäre Konzept: vergleichbare Abschlüsse, Zusammenarbeit in der Qualitätssicherung und vor allem größtmögliche Mobilität für Studierende und Lehrende.

Österreich muss dafür, wie auch andere Länder, seine Diplomstudien auf das internationale, zweigliedrige Bachelor-/Mastersystem umstellen; wer Vorlesungen und Seminare absolviert, erhält künftig keine „Semesterwochenstunden“ mehr, sondern ECTS-Punkte. Rein technisch ist den Unis das bisher gut gelungen: 70 bis 80 Prozent aller Studienrichtungen können nur noch im neuen Modus inskribiert werden. Vom Prozess vorerst gesetzlich ausgenommen sind das Medizin- und das Lehramtsstudium. Bei Jus, Psychologie und Pharmazie wird an neuen Studienplänen gearbeitet. Die FHs haben fast alle Studiengänge umgestellt.

 

ÖH: „Mobilität eingeschränkt“

Kritik gibt es nun an den Inhalten der neuen Curricula – und an der Koordination zwischen den Unis: „Die österreichischen Unis arbeiten bei der Umstellung nicht zusammen, jeder hat seine eigenen Vorstellungen“, sagt Sigrid Maurer, Spitzenkandidatin der grünen Studentenvertreter (Gras) für die ÖH-Wahl im Mai, zur „Presse“. Die an sich gute Idee des europäischen Hochschulraums werde so ins Gegenteil verkehrt. „Die Lehrveranstaltungen werden so unterschiedlich bewertet, dass sie an anderen Unis kaum angerechnet werden. Zwischen Unis zu wechseln, wird nicht einfacher, sondern schwieriger als bisher.“ Der Wettkampf um gute Platzierungen in den internationalen Rankings sei kontraproduktiv: „Jeder will nur noch spezialisierte Studien anbieten.“ Das führe mitunter zum Qualitätsverlust: Die Curricula seien nicht länger ausgewogen. Auch die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft kritisiert die Umsetzung. „Die neuen Studienpläne sind oft überladen. Der Bachelor ist ein abgespecktes Diplomstudium und auf dem Arbeitsmarkt noch nicht anerkannt“, sagt der ÖH-Chef und AG-Spitzenkandidat Samir Al-Mobayyed.

Was nach Wahlkampf klingt, hat einen wahren Kern. Kritik an der Umstellung kommt auch von denen, die direkt damit befasst sind. „Manche Unis sind pragmatisch vorgegangen und haben sich nicht wirklich Gedanken über die Inhalte der Curricula gemacht“, sagt Ilse Schrittesser, die das Bologna-Büro der Uni Wien leitet. Die neue Studienarchitektur habe dennoch Vorteile: „Durch den Bachelor erhoffen wir uns, die Drop-Out-Raten zu senken. Viele, die früh am Arbeitsmarkt Fuß fassen, haben das vierjährige Diplomstudium bisher abgebrochen. Jetzt können sie in drei Jahren einen niedrigeren akademischen Abschluss machen.“ Damit diese Vision Wirklichkeit wird, seien noch „Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu korrigieren“.

Korrekturen fordert auch Alexander Kohler, Leiter der Österreichischen Qualitätssicherungsagentur (AQA), die den Bologna-Prozess überwacht: „Die Durchlässigkeit zwischen den Unis muss erhöht werden, das ist in ganz Europa noch ein Problem. Für europäische Laufbahnen brauchen wir Kooperationen.“ Auch das Profil des Bachelors gehöre geschärft, da „gibt es noch keine Qualitätsstandards“.

Köhler stößt im Wissenschaftsministerium damit auf offene Ohren: Gut ausgearbeitete Bachelor-Curricula sollen Teil der Leistungsvereinbarungen sein. Besonderes Augenmerk liege auf der Berufsfähigkeit der Absolventen. Den Unis richtet man aus, sich innerösterreichisch besser abzustimmen: „Es kann nicht sein, dass ein Wechsel von Wien nach Graz schwieriger ist, als von Wien nach Paris.“ Die internationalen Anforderungen jedenfalls werde man erfüllen: 2010 sollen – wie vor zehn Jahren festgelegt – alle Studien umgestellt sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2009)

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