Lateinamerika: Gegensätze, Spannungen und viel Potenzial

Viele Bildungsangebote, viele Europa-Bezüge, aber kein reguläres Studium für eine besonders dynamische Weltregion – ein Blick auf die Lateinamerikanistik in Österreich.

Indigene Völker stehen im Fokus eines Workshops des Lateinamerika-Instituts, das auch eine Kulturreise nach Bolivien organisiert.
Indigene Völker stehen im Fokus eines Workshops des Lateinamerika-Instituts, das auch eine Kulturreise nach Bolivien organisiert.
Indigene Völker stehen im Fokus eines Workshops des Lateinamerika-Instituts, das auch eine Kulturreise nach Guatemala organisiert. – (c) LAI

Als die Unesco beschlossen hatte, für 2019 ein Jahr der indigenen Sprachen auszurufen, konnte man noch nicht wissen, welche Brisanz dieses Thema zu diesem Zeitpunkt bekommen würde. Schließlich treten derzeit in den beiden bevölkerungs- und einflussreichsten Staaten Lateinamerikas, Brasilien und Mexiko, neue Staatsoberhäupter ihre Ämter an, die in ihrer Haltung zum „Indigenismo“ unterschiedlicher nicht sein könnten. In Mexiko wurde vergangene Woche Andrés Manuel López Obrador als Präsident angelobt, der in seiner Partei das Institut für indigene Fragen leitete und durch die Lösung sozialer Nöte populär wurde; in Brasilien hingegen am 1. Jänner Jair Messias Bolsonaro, der aufgrund zahlreicher Äußerungen als rassistisch einzustufen ist, was bei indigenen Minderheiten schlimmste Befürchtungen auslöst.

 

Extreme und Wandel

Die Amplituden ideologischer Gesinnungen sind in Lateinamerika so groß wie seine geografische Erstreckung. Seine kulturelle Vielfalt ist ohnehin kaum überschaubar, sein wirtschaftliches Image schwankt zwischen boomend und instabil. Lateinamerika sei eine lebendige Region in konstanter Transformation, fasst Andrea Eberl, Geschäftsführerin des Österreichischen Lateinamerika-Instituts (LAI) in Wien, ihre Sicht auf diese Weltgegend zusammen. „Starke Gegensätze wie Zerstörung und Nachhaltigkeit, Frieden und Unsicherheit, Überfluss und Mangel kennzeichnen sie.“

Ab Herbst 2019 wird das LAI erstmals die neue Weiterbildungsreihe „Lateinamerika“ anbieten, die sich an Mitarbeiter von NGOs, aber auch an Firmen und interessierte Privatpersonen richtet. An vier Wochenenden werden sich die Teilnehmer mit den Themen Inklusive Politik, Alternative Wirtschaftsformen, Ökologie/Lebensräume und Geschichte und Kultur beschäftigen. Der Lehrgang wolle das Verständnis und das Engagement für alternative Lebensformen und Lebenswelten fördern, aber auch das Potenzial Lateinamerikas aufzeigen, sagt Eberl. „Wichtige Daten und Fakten sowie aktuelle Themen werden aus einer Perspektive von Inklusion, Diversität, Widerstand und Gleichberechtigung analysiert und diskutiert.“

Das Lateinamerika-Institut plant zudem, zunehmend Veranstaltungen in den Bundesländern anbieten. So wird es ab April 2019 in Kooperation mit dem Haus der Begegnung in Innsbruck eine Vortragsreihe unter dem Titel „Begegnungen mit Lateinamerika/Encuentros con América Latina“ geben.

An Universitäten wird Lateinamerikanistik in Österreich hauptsächlich auf Forschungsebene betrieben, so gibt es Forschungsgruppen an der Boku und der TU-Wien, am Geografie-Institut der Universität Innsbruck und Einzelinitiativen in den diversen Romanistik- und Amerikanistik-Fachbereichen. Sehr aktiv ist die Lateinamerika-Forschungsgruppe des Instituts für Politikwissenschaft der Uni Wien, die jedes Semester per Mailingliste einen Überblick über das Lateinamerika-bezogene Lehrveranstaltungsangebot der Universität gibt. Am breitesten aufgestellt sei derzeit wohl die Vorlesung „Einführung in die Lateinamerikanistik – (Wander-)Bewegungen von Menschen, Gütern und Ökosystemen“, sagt der Leiter der Forschungsgruppe, Ulrich Brand.

 

Blick auf alle drei Amerikas

An der Karl-Franzens-Universität Graz bietet das Zentrum für Inter-Amerikanische Studien die Möglichkeit, im Rahmen der freien Wahlfächer ein Zertifikat in „Inter-American Cultural Studies“ zu erwerben. Die Grazer Interamerikanistik will überfakultär alle drei Amerikas – Nord-, Mittel- und Südamerika – in den Blick nehmen und folgte mit dieser Ausrichtung vor zwölf Jahren der Empfehlung einer universitätsweiten Evaluation. Ein großes Thema sei auch die Beziehung zwischen Amerika und Europa. „Es geht darum, wie wir als Europäer mit dem Kontinent Amerika umgehen. Teilweise betreibt Europa eine Art Kindesweglegung“, sagt Roberta Maierhofer, Leiterin des Zentrums. Immerhin hätten Europa und auch Österreich eine wesentliche – und nicht immer nur positive – Rolle in der amerikanischen Geschichte gespielt. Das Bewusstsein dafür verändere auch die Haltung zur eigenen Geschichte und die europäische Identität. Maierhofers Wunsch wäre, das heutige Zertifikat zu einem Masterstudium oder Joint Degree weiterzuentwickeln.

 

Akademisch unterrepräsentiert

Sollte dies gelingen, wäre es wohl eine wichtige Initiative auch für die Lateinamerikanistik. Denn in Österreich ist diese Disziplin, zu der an deutschen Universitäten sieben Bachelor- und Masterstudien angeboten werden (etwa „Interdisziplinäre Lateinamerikastudien“ an der Freien Universität Berlin, „Kulturstudien zu Lateinamerika“ in Bonn oder „Regionalstudien Lateinamerika“ in Köln), nicht in Form regulärer Studien präsent. Das bisher einzige Programm, das zu einem akademischen Grad führt, ist im Auslaufen: Der vom LAI konzipierte Masterlehrgang Interdisziplinäre Lateinamerika-Studien am Postgraduate Center der Universität Wien endet im September 2019 und kann aus finanziellen Gründen nicht fortgeführt werden.

VERANSTALTUNG

Workshop. Unter dem Titel „Indígenismo“ veranstaltet das Lateinamerika-Institut am 14. und 15. Dezember einen Workshop in spanischer Sprache, Thema sind die indigenen Völker im Süden und Norden des Kontinents, ihre Lebenskonzepte mit Auswirkungen auf die Verfassung Boliviens und Ecuadors sowie die Auswirkungen der Globalisierung auf die indigenen Völker. www.lai.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2018)

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