Bilanz: Die Universität als Realutopie der Gesellschaft

Der frühere Rektorenpräsident Manfried Welan fordert eine verbesserte Gesprächskultur der Hochschulen. Uni-Reformen seien bisher „von oben“ und „von außen“ gekommen.

Bilanz Universitaet Realutopie Gesellschaft
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Manfried Welan – (c) APA (GUENTER R. ARTINGER)

Wien. „Das Ministerium kann wohl einiges tun, so im Bereich des Budgets und des Personals. Es kann wie eine Feuerwehr rasch helfen.“

Die Worte des Rektorenpräsidenten könnten wohl unabhängig von Jahr und Tag Geltung haben. Tatsächlich richtete Manfried Welan 1980 – damals als Chef der Rektorenkonferenz (heute Universitätenkonferenz) – im „Presse“-Interview diesen Aufruf an die amtierende Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg (SPÖ).

Heute, 30 Jahre später, gibt sich der emeritierte Professor nüchterner: „Wenn aber jahrzehntelang das Ziel von zwei Prozent des BIPs festgelegt und nie erreicht wurde, weiß man, dass es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht erreicht werden wird“, so Welan in einem im Juli verfassten „Rück- und Überblick“ über die Uni-Reformen in Österreich. Der Aufruf an Ministerin Beatrix Karl (ÖVP) erübrigt sich sozusagen.

Mit Manfried Welan wurde 1980 erstmals ein Rektor, der nicht von der Uni Wien kam, Rektorenchef. Der Bodenkultur-Rektor, damals 43, zeigte Verständnis für die Mitwirkung der Studierenden an der Gestaltung der Universitäten. Was damals wahrlich nicht selbstverständlich war. Welan vor 30 Jahren in der „Presse“: „Die jetzige Reform muss von unten und von innen kommen. Sei es von Studenten, die mehr Selbstständigkeit zeigen müssen, sei es von Professoren, die, ohne die Forschung aufzugeben, die Lehre als Kommunikationsmöglichkeit ausbauen müssen.“

Heute muss Welan konstatieren, dass das angepeilte Ziel nicht erreicht wurde. Die Uni-Reformen seien bisher „von oben“ und „von außen“ gekommen. Dabei blickt der ehemalige Verfassungs- und Verwaltungsprofessor der Boku auf die Uni-Gesetze 1993 und 2002 zurück. Bei der Erarbeitung des UOG 1993 sieht Welan durchaus „visionäre Reformkonzepte“, diese seien aber bei der Gesetzwerdung verwässert worden.

Dabei sei ein bei Gesetzen üblicher Modus festzustellen: „Soll der Prozess zu immer mehr Konsens führen, bis zum Schluss niemand mehr dagegen sein kann? Oder soll ein ,Wurf‘ im Entwurf bleiben, der verwirklicht wird, ohne dass die vom Gesetz Betroffenen zu stark Beteiligte im Gesetzgebungsprozess werden?“

Dennoch hat das Gesetz von 1993 (unter Minister Erhard Busek, ÖVP) einen großen Fortschritt gebracht: Das Gesetz des Handelns wurde den Universitäten übertragen. „War früher gewissermaßen der Minister Rektor gewesen, so wurde jetzt der Rektor Minister für seine Universität.“ Das Uni-Gesetz 2002 unter Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) vollendete dann mit der neuen „Vollrechts-Universität“ den von ihrem Vorgänger Busek begonnenen Weg.

 

„Wer zahlt, schafft an“

Zufrieden ist Welan damit aber bei Weitem noch nicht. Weil es keine privaten Mäzene gibt und der Staat finanziert, ist dieser nach wie vor tonangebend. „Der Satz ,Wer zahlt, schafft an‘ ist nur scheinbar obsolet geworden.“ Und schließlich gebe es zwischen der neuen professionellen Bürokratie an der Uni-Spitze und der akademischen Basis „eine Art Dauerkonflikt“.

Und die Universität 2010? „Ihre Aufgaben machen die Universitäten zur Realutopie multikultureller und kosmopolitischer Gesellschaften“, befindet Welan. Die Universität müsse ihre Gesprächskultur pflegen, sie benötige eine Vielfalt von Foren. „Die Gefahr einer digitalisierten Universität der Sprachlosigkeit besteht.“ Und wenig später: „Eine Universität ohne Sprache ist keine Universität.“ Soweit der Befund vom Juli 2010.

Im Jahr 1980 forderte Manfried Welan die Öffnung der Universitäten, sie sollen „weltoffener“ werden. Andererseits plädiert er auch für die innere Einkehr: „Ganz sollen die Universitäten ihren elfenbeinernen Turm nicht aufgeben, ein bisserl Einsamkeit und Freiheit sind notwendig.“ Von Einsamkeit ist heute wenig, von Freiheit aber viel zu hören.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2010)

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