Hat Technik ein Geschlecht?

Zum Abschluss einer einschlägigen Workshopreihe sprachen Experten an der TU Wien über Erfahrungen und Best-Practice-Modelle zum Thema Frauen in IT-Studien.

Unter dem Dach des Kuppelsaals der TU wurden verschiedene Ansichten und Strategien zur Frauenförderung in der Informatikausbildung diskutiert.
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Unter dem Dach des Kuppelsaals der TU wurden verschiedene Ansichten und Strategien zur Frauenförderung in der Informatikausbildung diskutiert.
Unter dem Dach des Kuppelsaals der TU wurden verschiedene Ansichten und Strategien zur Frauenförderung in der Informatikausbildung diskutiert. – (c) Christian Lendl

„Wir sind überzeugt, dass Frauen nicht besser oder schlechter sind als Männer, was können wir also tun?“, fragt Moderator Gerald Gross zum Auftakt der Podiumsdiskussion „More female students in Computer Science. Who cares?“ im Kuppelsaal der TU Wien und spielt dabei auf den immer noch signifikant niedrigen Anteil weiblicher Studierender in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern an.

Während Vizerektorin Anna Steiger die zahlreichen Aktivitäten zur Frauenförderung an der TU hervorhebt, weist Sabine Köszeg vom Institut für Managementwissenschaften auf das Phänomen der „leaky pipeline“ hin: Studentinnen kommen im Verhältnis weniger oft in höheren Positionen an als ihre männlichen Kommilitonen. Köszeg konnte in quantitativen Untersuchungen rein geschlechtsabhängige Drop-out-Raten und Benachteiligung weiblicher Bewerber an der Uni nachweisen.

Role Models gefragt?

Ein immer wieder genannter Aspekt ist das Thema Role Models. Christiane Floyd von der Universität Hamburg, die unter ihren Ph.-D.-Studenten immerhin eine 30-prozentige Frauenquote vorweisen kann, hat zwar selbst kein Role Model vermisst, berichtet aber von dem starken Eindruck, den sie als weibliche Professorin auf Studentinnen gemacht hat. Noch entscheidender aber sei gewesen, dass sie interessante Themen angeboten habe und auf die Lebensumstände von Studentinnen eingegangen sei. Der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Kapsch, wiederum ortet als Grundproblem, dass Role Models der Eltern auf die Kinder übertragen werden, und wünscht spätestens in der Schule Motivation für Mint-Fächer – deren Popularität im Übrigen bei beiden Geschlechtern gefördert werden sollte. Da Mint-Fächer auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind, würde ein höherer Frauenanteil in diesem Bereich auch die Employability von Frauen generell verbessern, erklärt der IV-Präsident.

Die Quotenfrage

Ein Klassiker der Gender-Debatte, die Quotenregelung, wurde differenziert betrachtet. Kapsch – generell kein Fan von Quoten – hält sie an den Unis für sinnvoll, während Floyd sie für demotivierend hält. In diesem Zusammenhang betont Köszeg, dass an der TU Wien Professoren- oder Forschungsstellen nie nach Quote vergeben werden. Quoten gebe es sehr wohl für Entscheidungsgremien. Lenore Blum von der Carnegie Mellon University, die mit einem Frauenanteil von 40 Prozent in IT-Fächern Vorbildfunktion hat, meint, dass es nicht unbedingt Quotenregelungen brauche, sondern entsprechende Netzwerke, damit qualifizierte Frauen, von denen es genug gebe, auch Zugang zu den entsprechenden Positionen bekommen. Zudem betont sie, dass bei allen Maßnahmen zur Frauenförderung die Nachhaltigkeit in Form von langfristiger Finanzierung entscheidend sei.

Gibt es den Unterschied?

Ein interessanter Aspekt: Bei der Diskussion über frauenfreundliche Rahmenbedingungen wurden erneut klischeehafte Zuschreibungen wie „Frauen brauchen mehr Kommunikation“ oder Charakterisierungen wie „männlich-codeverliebt“ und „weiblich-anwendungsorientiert“ gebraucht. Während einige der Teilnehmer wie etwa Kapsch meinten, dass genau diese Diversität auch in der Wirtschaft gefragt sei und neue Blickwinkel auf Probleme der Zukunft ermögliche, verneinte Blum grundlegende Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Informatikstudierenden. Sie verwies auf Untersuchungen, die an ihrer Universität seit den 1990ern regelmäßig durchgeführt wurden. Während anfangs besagte Unterschiede durchaus feststellbar gewesen wären, hätten sich mit steigender Frauenquote auch die Ergebnisse der männlichen und weiblichen Studierenden immer mehr angenähert. (at)


[NEA3I]

(Print-Ausgabe, 18.03.2017)

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