„Will meiner Tochter vorlesen können“

Knapp eine Million erwachsene Österreicher können nur unzureichend lesen und schreiben. Dieses Defizit kann in jedem Alter noch ausgeglichen werden.

Auch nach neun Jahren Schulbildung können viele nicht ausreichend lesen und schreiben. Die Gründe sind vielfältig.
Auch nach neun Jahren Schulbildung können viele nicht ausreichend lesen und schreiben. Die Gründe sind vielfältig.
Auch nach neun Jahren Schulbildung können viele nicht ausreichend lesen und schreiben. Die Gründe sind vielfältig. – BillionPhotos.com - stock.adobe.

Sandra – wir verzichten ausnahmsweise auf den Nachnamen – bezeichnet sich selbst als Leseratte. Demnächst steht Stephen Kings Horrorroman „Es“ auf dem Programm, immerhin rund 1500 Seiten. „Das ist meine nächste Hürde“, sagt Sandra. Denn lesen zu können, ist für die 30-Jährige keine Selbstverständlichkeit: Sie hat es erst vor elf Jahren gelernt, ebenso wie das Schreiben.

Die Salzburgerin ist kein Einzelfall. Rund eine Million Erwachsene haben einen Basisbildungsbedarf. Das heißt, sie können nicht oder kaum lesen oder schreiben, wie eine OECD-Studie im Jahr 2013 gezeigt hat. Rund 535.600 von ihnen sind in Österreich geboren und haben Deutsch als Erstsprache. Dass das trotz neunjähriger Schulpflicht möglich ist, sei auf multifaktorielle Ursachen zurückzuführen, erklärt Sonja Muckenhuber, Leiterin des Instituts für Bildungsentwicklung Linz (Bill). Dessen zentrales Geschäftsfeld ist die Beratungsstelle für Basisbildung, die auch das Alfatelefon Österreich betreibt. Hier können sich Interessierte über Kurse, in denen Lesen, Schreiben, aber auch Rechnen vermittelt werden, informieren. „Im derzeitigen Schulsystem ist eine ausreichende Förderung aller betroffenen Schüler nicht vorgesehen“, sagt Muckenhuber.

 

Zu wenig Unterstützung

Oft würden die Bedürfnisse der Schüler nicht erkannt, gleichzeitig gäbe es nicht genug Ressourcen für individuelle Betreuung. Das sei vor allem dann ein Problem, wenn auch im Elternhaus die Unterstützung fehle und es beispielsweise dort kaum oder gar keine Schriftlichkeit gebe. „Das heißt, es gibt keine Zeitungen, Bücher oder schriftliche Kommunikation“, erklärt Brigitte Bauer, Leiterin des Basisbildungszentrums ABC-Salzburg. Etwa, weil sich die Eltern selbst mit dem Lesen oder Schreiben schwertun. Erschwert wird die Situation, wenn die Schulbücher nicht die Realität der Kinder widerspiegeln. „Wenn ein Kind Sätze lernen soll, in denen Mama, Papa, Oma, Opa, Hund und Haus vorkommen, ihr Alltag aber weit von dieser heilen Welt entfernt ist, dann haben diese Sätze inhaltlich nicht die Relevanz wie für andere Kinder“, ergänzt Muckenhuber. Beide Expertinnen weisen in diesem Zusammenhang vehement darauf hin, dass Analphabetismus nicht unbedingt mit schwierigen sozialen Verhältnissen zu tun haben muss. Und auch nicht mit mangelnder Intelligenz. „Die Betroffenen haben eine rasche Auffassungsgabe und ein enormes Merkvermögen“, heißt es unisono. Denn um ihre Defizite auszugleichen, müssen sie sich mündlich vermittelte Inhalte schnell und nachhaltig einprägen.

Alltagsrelevanz ist wie Individualität daher bei der Basisbildung – österreichweit gibt es 32 Anbieter – das Wichtigste. „Es gibt kein Lehrbuch, die Materialien werden maßgeschneidert für die Teilnehmer erstellt“, beschreibt Bauer. Knapp 170 Lernende werden vom Basisbildungszentrum ABC-Salzburg derzeit betreut. 62 von ihnen besuchen einen Lesen-und-Schreiben-Kurs. „Im Beratungsgespräch erzählen die Teilnehmer, wo ihre Hürden im Alltag und im Beruf liegen, wo sie sich drüberschwindeln, was ihre Ziele sind und wie sie ihre Schulzeit erlebt haben“, sagt Bauer. Dementsprechend wird der Lerninhalt gestaltet. Zuerst stehen fünf Termine Einzelunterricht auf dem Programm, anschließend wird in Kleingruppen gewechselt. „Für die Teilnehmer ist es enorm wichtig, dass sie Inhalte und Tempo selbst bestimmen. Vor allem, wenn sie negative Schulerfahrungen gemacht haben“, sagt Bauer. Für die Kursteilnehmer sind die Bildungsangebote, die von Bund, Ländern und EU gefördert werden, übrigens kostenlos. Die Nachfrage ist groß, vielfach gibt es Wartelisten.

 

Digitalisierung deckt auf

Ein Grund ist die Digitalisierung, die laut Muckenhuber das Problem sichtbarer macht. „Wer mit dem Computer arbeiten muss, muss lesen und schreiben können. Da kann man sich nicht mehr drüberschwindeln.“

Was es bedeutet, sein Defizit vor anderen zu verheimlichen, weiß Sandra genau. Von „Ich habe meine Brille vergessen“ bis „Ich kann die Handschrift nicht entziffern“ reichten ihre Ausreden. Handyfotos dienten als Einkaufszettel. „Blöd war, wenn der Akku im Geschäft aus war“, erinnert sie sich. Irgendwann war die Angst aufzufliegen so groß, dass sie nirgends mehr hingehen wollte. Nach der Geburt ihrer älteren Tochter hat sie sich dazu entschlossen, Lesen und Schreiben zu lernen. „Ich wollte meiner Tochter vorlesen und in der Schule helfen können.“

INFORMATION

Basisbildungsbedarf, also keine oder geringe Kenntnisse in Lesen und Schreiben, haben in Österreich rund eine Million Erwachsener zwischen 16 und 65 Jahren, darunter laut OECD-Studie von 2013 auch 535.600 in Österreich Geborene mit Deutsch als Erstsprache.

Infos zu Kursen bietet die Zentrale Beratungsstelle für Basisbildung und Alphabetisierung: 0800 244 800,
www.alphabetisierung.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2019)

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