Falsches Bild vom Lehrberuf

Die Wirtschaft braucht Facharbeiter. Gleichzeitig bemängeln Unternehmen Lücken in der Basisbildung von Lehrlingskandidaten. Was muss ein Bewerber für eine Lehrstelle können? Woran hapert es? Und wie geht man damit um?

Auch im Lehrberuf braucht es Grundkenntnisse in Mathematik.
Auch im Lehrberuf braucht es Grundkenntnisse in Mathematik.
Auch im Lehrberuf braucht es Grundkenntnisse in Mathematik. – Getty Images

Viele Jugendliche, die sich für eine Lehre interessieren, beherrschen die Grundrechnungsarten oder sinnerfassendes Lesen nicht“, kritisiert Alexander Eppler, Bildungsbeauftragter der Wirtschaftskammer Wien. „Es scheint in der Schule zu reichen, körperlich anwesend zu sein.“ Natürlich gebe es motivierte, leistungswillige Lehrlinge – aber es werde durch die Bank beklagt, dass es zunehmend schwerer wird, diese zu finden. Immer mehr Jugendliche fallen durch Aufnahmetests bei potenziellen Lehrherren. „Wobei es hier zwei unterschiedliche Gruppen gibt“, sagt Robert Frasch, Gründer des Ausbildernetzwerks lehrlingspower.at. „Die, die es trotz Schulpflicht nicht können und zumeist Eltern haben, die sich für die Schulkarriere der Kinder nicht interessieren.“ Auf der anderen Seite diejenigen, die von den Eltern immer gewissenhaft auf Prüfungen vorbereitet würden. „Wenn die dann in einem Assessment sitzen, in dem alle Fragen neu sind, haben sie keine Ahnung.“ Zudem würden sich laut Frasch heute vermehrt diejenigen um eine Lehrstelle bemühen, „die früher die klassischen Hilfsarbeiterjobs gemacht haben.“

Auch die Anwendbarkeit des Wissens ist ein Problem. „Viele können eine einfache Fläche nicht berechnen“, sagt Eppler. Er ortet das Problem darin, dass in der Schule ein Thema einmal abgeprüft und dann rasch vergessen wird. In der Berufsschule können Defizite der Pflichtschuljahre kaum aufgeholt werden. „Es werden nur rund 20 Prozent der Ausbildungszeit bei uns in der Schule absolviert“, sagt Martina Knapp, Stellvertretende Direktorin der Berufsschule für Elektro-, Veranstaltungs- und Informationstechnik Austria. „In dieser Zeit stehen viele fachspezifische Inhalte im Lehrplan, sodass Versäumnisse der vergangenen Jahre nicht immer aufgeholt werden können.“ Es können Förderkurse angeboten werden – wenn es ressourcenmäßig machbar ist.

 

Defizit bei simplen Rechnungen

„Viele Defizite fallen erst bei der Lehrstellensuche auf“, weiß Knapp. Wenn etwa kleinere Summen nicht im Kopf addiert werden können. Laut Frasch haben größere Unternehmen begonnen, selbst Basiskurse anzubieten, in denen Dinge wie Prozentrechnen gelehrt werden, um Defizite auszugleichen.

Von einem „komplexen Problem“ spricht Christian Schendlinger, Leiter Lehrlingsmanagement der Stadt Wien. Er meint, dass „das Grundinteresse, etwas zu lernen, bei vielen fehlt – natürlich nicht bei allen.“ Schendlinger spricht davon, dass es „notwendig ist, die Komfortzone zu verlassen“. Auch beim Thema Verlässlichkeit haben viele junge Leute noch Entwicklungspotenzial, wenn es etwa darum geht, zum vereinbarten Vorstellungstermin zeitgerecht zu erscheinen. „Schlussendlich müssen im Berufsleben Kundentermine pünktlich wahrgenommen werden“, sagt Knapp.

Vorbereitungskurse führen nicht immer zum Erfolg. Wenn wahllos Bewerbungen im Copy-Paste-Modus produziert werden, endet das mitunter damit, dass sich junge Menschen im IT-Unternehmen um eine Stelle als Bäcker bewerben. Auch, dass es nicht förderlich ist, beim Erstgespräch in der Jogginghose aufzutauchen, scheint sich mancherorts noch nicht herumgesprochen zu haben.

 

Keine Matura um jeden Preis

Den Mangel an qualifizierten Lehrlingen führen die Experten auch auf den – meist von den Eltern ausgehenden – Druck zurück, unbedingt die Matura machen zu müssen. Hier orten die Befragten einen Informationsmangel der Eltern und ein falsches Bild von der Tätigkeit und den Möglichkeiten in einem Lehrberuf. „Es werden sicher viele in die höhere Schule geschickt, die tolle Handwerker wären, die Eltern müssten mehr auf die Talente und Neigungen der Kinder achten“, fordert Eppler. „Ich erlebe es immer wieder, wie Jugendliche aufblühen, wenn sie von der falschen Schule in den richtigen Lehrberuf gewechselt haben“, ergänzt Frasch.

Dass es darüber hinaus zwischen Ausbildner und Lehrling passen muss, weiß Veronika Badics, Leiterin HR beim Handelsunternehmen Hofer: „Das klappt nur, wenn die Bewerber ein reales Bild vom Job haben.“ Hofer setzt auf Schnuppertage in der Filiale. (an)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2019)

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