Berufliche Neuorientierung: Am Ende glücklich sein

Der Mut, eine neue Ausbildung zu wählen, wird am Ende meist belohnt. Der Weg kann allerdings steinig sein. Was es zu beachten gilt.

Berufliche Neuorientierung Ende gluecklich
Berufliche Neuorientierung Ende gluecklich
(c) BilderBox.com

Eine Sozialarbeiterin, die nach einigen Berufsjahren ein technisches Studium an einer Fachhochschule absolviert. Eine Controllerin in einem Industriebetrieb, die sich dem Sozialen zuwenden will. Eine Radiotechnologin, die die Strukturen im Krankenhausbereich nicht mehr ertrug und nun nach Absolvierung des Diplomlehrgangs Trainingskompetenz andere an den medizinisch-technischen Geräten schult. Der Beraterin und Trainerin Ina Biechl kommen in ihrer Tätigkeit immer wieder Menschen unter, die ihren Beruf wechseln wollen.

 

Beratung einholen

Dabei sind die Voraussetzungen sehr verschieden. „Für viele ist es anfangs nicht vorstellbar, Veränderungen anzustreben. Für andere scheint es aussichtslos, und einige wenige versuchen, gezielt Veränderungen herbeizuführen“, so der Befund Biechls. „Oft fängt es bei Gesprächen im Freundeskreis an, etwa: ,Wenn du so frustriert und unglücklich bist, warum änderst du das nicht?‘ – Das ist oft der Beginn der Suche.“

Hilfe findet man hier beispielsweise beim Wirtschaftsförderungsinstitut (Wifi). „Sowohl die Bildungs- und Berufsberater als auch die Psychologen bieten im Rahmen von Beratungsgesprächen, Potenzialanalysen und Coachings eine entsprechende Begleitung bei der beruflichen Zielfindung“, sagt Michael Landertshammer, Institutsleiter Wifi Österreich. Auf persönliche Beratung setzt man auch an den Fachhochschulstudiengängen Burgenland. „Wir nehmen uns vor allem für Personen mit dem Wunsch oder Bedarf nach beruflicher Umorientierung Zeit“, betont die Geschäftsführerin der FH-Studiengänge, Ingrid Schwab-Matkovits. Dabei zeige man mögliche Berufsfelder und Vertiefungen auf: „Je nach Ergebnis der Analyse von Vorerfahrungen und zukünftigen Vorstellungen empfehlen wir ein berufsbegleitendes Bachelor- oder Masterprogramm.“

Einig sind sich die Experten: Wer eine Ausbildung absolviert hat und nach einigen Jahren im Beruf merkt, dass er einst die falsche Wahl getroffen hat, sollte sich eine Neuorientierung überlegen. Peter Heimerl, Studiengangsleiter des Masterprogramms Wirtschaftsberatung und Unternehmensführung an der FH Wiener Neustadt: „Das wichtigste Argument für eine solche Berufsumorientierung ist, dass man mit seiner derzeitigen Tätigkeit unglücklich ist.“

Eine solche Entscheidung trage übrigens auch zu einer besseren Gesundheit bei. „Die beste Burn-out-Prävention ist eine Tätigkeit, die zur Person passt und im gleichen Maß fordert und fördert“, betont Landertshammer. Die Richtung, in die es gehen soll, ist gefunden – was nun? Den aktuellen Job hinschmeißen und mit einer neuen Ausbildung beginnen? Oder in der derzeitigen Position verbleiben und berufsbegleitend ein neues Studium absolvieren? Die Experten unisono: Meist lassen die finanziellen Rahmenbedingungen nur eine berufsbegleitende Neuorientierung zu. Die Zeitspanne von der ersten Erkenntnis, das Umorientierung sinnvoll wäre, bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese Umorientierung gelungen ist, kann durchaus auch Jahre dauern, so Biechl. „Nach meiner Erfahrung sind die anschließende Arbeitszufriedenheit und vor allem die Lebensfreude und die Lebensqualität die Mühe wert.“ Monika Thum-Kraft, stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), gibt allerdings auch zu bedenken: „Ein totaler Umstieg ist immer mit Verlusten behaftet. Leichter ist es innerhalb des Berufsfeldes umzusteigen, indem man Nischen findet. Auch dazu sind oft Zusatzausbildungen nötig.“ Sie verweist etwa auf postgraduale Studiengänge an der Donau-Universität Krems. Wer übrigens daran interessiert ist, künftig anderen auf der Suche nach ihrem Weg zu helfen, kann sich in Krems künftig zum Bildungs- und Berufsberater ausbilden lassen.

Die Universität Wien bietet neben ihren über 180Studien auch eine breite Palette an Weiterbildungsmöglichkeiten. „Oftmals dienen diese der Spezialisierung im eigenen Fachgebiet“, sagt Sprecherin Cornelia Blum und nennt etwa den LL.M-Studiengang, in dem sich Juristen im Bereich Wirtschaftsrecht profunde Kenntnisse erwerben können. Zunehmend würden Weiterbildungsprogramm aber auch der Aneignung ergänzender Kompetenzen aus anderen Gebieten genutzt. Das bringe zudem einen Mehrwert am Arbeitsmarkt.

 

Chancen nutzen

„Gerade im postgradualen Weiterbildungsbereich haben wir – die Universität Wien – Teilnehmer, die in ihrem Erststudium eine ganz andere Ausrichtung gewählt haben, zum Beispiel Wirtschaft, und sich jetzt beispielsweise im Bereich des Gesundheitswesens verändern möchten“, so Blum. Schwab-Matkovits ist davon überzeugt, dass Studierende in Zukunft mit mehreren Masterstudiengängen auf ihr Grundstudium aufbauen werden.

Die Neuorientierung kann übrigens am Arbeitsmarkt durchaus gefragt sein. „Berufsumsteiger bringen in der Regel ein reiches Erfahrungsspektrum mit. Mit ihren breiteren Qualifikationen sind sie vielseitiger einsetzbar“, sagt Johanna Häfke-Schönthaler, Studiengangsleiterin des Bachelorprogramms Wirtschaftsberatung an der FH Wiener Neustadt. Ähnlich Biechl: „Solche Personen sind in der Lage, andere beziehungsweise neue Aspekte in eine Organisation einzubringen. Das hält einen Betrieb lebendig und ermöglicht Weiterentwicklung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)

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