„Neues Arbeiten“ verlangt Eigenverantwortung

Veränderung. Momentan setzten rund 15 Prozent der österreichischen Unternehmen auf flexible Arbeitsmodelle.

(c) apinan

In Großbritannien ist bereits jedes zweite Unternehmen so weit: Das verlangt viel Selbstorganisation von den Mitarbeitern.
Das digitale Arbeiten ist Realität. Auch das virtuelle – so paradox das vielleicht klingen mag – ist Wirklichkeit geworden. Trotzdem überraschen die Zahlen, die Zukunftsforscher Franz Kühmayer im Leitfaden „Das neue Arbeiten im Netz“ bringt: 39 Prozent der Arbeitnehmer in Europa haben unzureichende digitale Kompetenzen, 14 Prozent sogar überhaupt keine.

Die Konsequenz dieses Befundes ist klar: Wer mit digitalen Medien nicht umgehen kann, ist „mittelfristig immer mehr vom gesellschaftlichen Alltag und von beruflichen Zukunftschancen abgeschnitten“, formuliert Kühmayer.

15 Prozent der österreichischen Betriebe, so Michael Bartz, Professor an der IMC FH Krems und einer der Ko-Autoren des Leitfadens, bei der Präsentation am Dienstag in Wien, bieten flexibles Arbeiten an. „In Großbritannien ist es bereits die Hälfte.“ Arbeitszeit und -platz bekommen eine ganz andere Bedeutung. Damit funktionierten auch Hierarchien nicht mehr in der gewohnten Weise, sagte Bartz, „Strukturen werden sich verändern und Unternehmen zu Wolken.“


Unternehmen können mittels flexibler Arbeit Bürokosten in einer Größenordnung zwischen 20 und 30 Prozent reduzieren, erhob Bartz in einer Studie. Auch die Reisekosten würden um bis zu 40 Prozent zurückgehen: Digitale Kommunikationsmöglichkeiten, wie etwa Videokonferenzen, machen die physische Anwesenheit nicht mehr notwendig. Außerdem steigt die Mitarbeiterzufriedenheit – genauso wie die Produktivität – um rund zehn Prozent.

„Neues Arbeiten“ heißt länger arbeiten
Für die Mitarbeiter wiederum heißt das „neue Arbeiten“: Obwohl die Leinen sprichwörtlich länger werden, steigt die Arbeitszeit um zehn bis 15 Prozent. Gleichzeitig sinken Krankenstände um bis zu 30 Prozent. Wer dennoch zu Hause bleibt, checkt die Mails vielleicht am ersten Krankenstandstag nicht, am zweiten Tag aber ziemlich sicher.

Was damit deutlich wird: Die Eigenverantwortung der Mitarbeiter ist durch die individuellen Arbeitsweisen auf eine neue Art gefragt. Das gilt in ganz spezieller Weise für die Arbeitszeit, weil private und berufliche Tätigkeiten immer stärker verschwimmen: Die Wartezeit zwischen zwei Telefonaten oder Terminen wird genützt, um die Eintrittskarte für das Kino zu kaufen, den Tisch für das private Abendessen im Restaurant zu reservieren oder einen Parkschein zu lösen.

Für Anneliese Breitner, Geschäftsführerin ihres Consultingunternehmens Beingsocial.at, sind auch das Beispiele, wie die Digitalisierung das tägliche Leben verändert: Mehr und mehr Dinge basieren auf Selbstorganisation. Das Kinoticket gab es früher nur an der Kasse, im Restaurant musste man anrufen und den Parkschein in der Trafik kaufen.

Ähnliches gilt für den Job: Noch vor ein paar Jahren hatte jeder Mitarbeiter selbstverständlich einen eigenen Arbeitsplatz. Mittlerweile macht sich Desksharing breit. Die Verantwortung geht an die Mitarbeiter über, sich einen Platz, ein Besprechungszimmer etc. zu organisieren. Bring your own device (BYOD), also private Geräte für berufliche Zwecke zu verwenden, ist eine Form, wie sich Mitarbeiter selbst organisieren, wenn der Arbeitgeber die benötigte Infrastruktur nicht zur Verfügung stellt oder stellen kann. Oder wenn es darum geht, welche Onlinewerkzeuge verwendet werden, um Informationen untereinander zu teilen: Sind E-Mails geeignet oder doch eher Plattformen, auf die alle Beteiligten gleichzeitig zugreifen können? Digitale Tools, die heute zum Einsatz kommen, sieht Breitner als Kulturwerkzeuge, die die Unternehmenskultur mitprägen.

Jeder gestaltet die Spielregeln mit
„Die kleinste und stärkste Einheit im Unternehmen, das Team, ist verantwortlich, Spielregeln zu erarbeiten“, sagt Breitner: „Wie kommunizieren wir? Wie nutzen wir Strukturen? Was machen wir on- bzw. offline?“ Jeder Mitarbeiter hat es in der Hand, die Regeln mitzugestalten. Auch das ist eine Form, Verantwortung zu übernehmen.

Übrigens: „Das neue Arbeiten im Netz“ der Herausgeber Meral Akin-Hecke und David Röthler richtet sich an Menschen, die bereits online sind und ihr Wissen vertiefen wollen. Unter www.werdedigital.at ist der Leitfaden kostenlos downloadbar.

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