Bachmann-Preis: Stefanie Sargnagel isst „Penne vom Kika“

Stefanie Sargnagel, 1986 in Wien geboren, las einen Text über das Schreiben eines Textes.
Stefanie Sargnagel, 1986 in Wien geboren, las einen Text über das Schreiben eines Textes. / Bild: (c) APA/GEORG HOCHMUTH 

Die Österreicherin eröffnet die „Tage der deutschsprachigen Literatur“. Noch nie gab es dort so viele Kandidaten mit einer anderen Muttersprache als Deutsch.

 (Die Presse)

Der 40. Bachmann-Wettbewerb geht sprachlich neue Wege. Lange galt das Klagenfurter Wettlesen als Leistungsschau der Belletristik in den drei mitteleuropäischen Ländern mit Deutsch als Verkehrssprache. Um eine Antwort auf die Frage, wo die deutschsprachige Literatur steht, war man am Wörthersee nie verlegen. Inzwischen ist sich die Jury offenbar nicht mehr so sicher – in dem Punkt mit dem Deutsch nämlich. Heute hört man auf den Straßen von Deutschland, Österreich und der Schweiz Arabisch, Bosnisch, Bulgarisch, Farsi, Kroatisch, Polnisch, Serbisch, Ungarisch, Türkisch und noch ein paar andere Sprachen. Darauf haben schon frühere Jurys des Bachmann-Preises reagiert, indem sie auch zweisprachige Literaten eingeladen haben, meist Kinder von Einwanderern wie etwa Feridun Zaimoglu.

Nun ist man einen Dreh weiter. Offenbar als Statement auf die Einwanderungswelle durch die Flüchtlinge hat die Jury Autorinnen und Autoren eingeladen, für die Deutsch eine echte Fremdsprache ist. Der Bachmann-Wettbewerb ist so international wie noch nie. Als Kandidaten treten unter anderem an: Marko Dinić (Serbien), Tomer Gardi (Israel), Selim Özdogan (Türkei), Sharon Dodua Otoo (United Kingdom), Silvie Schenk (Frankreich).

Die „Arschkarte“ – wie Juror Klaus Kastberger das schwere Los bezeichnete, als Erste lesen zu müssen – zog die einzige gebürtige Österreicherin beim diesjährigen Wettlesen, die Underground- beziehungsweise Netzwerk-Poetin Stefanie Sargnagel. Ob die im Twitter-Format „dichtende“ ehemalige Mitarbeiterin eines Callcenters einen Text in der für die Einreichung nötigen Länge zustande bringen würde, darum bangte wohl nicht nur sie selbst, sondern auch Jurorin Sandra Kegel, die sie eingeladen hat. „Penne vom Kika“ hieß dann ihr nur für den Bewerb geschriebener Beitrag. Der beschäftigte sich dementsprechend auch mit der Verfertigung eines Textes für den Bachmann-Preis und die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens.

Damit bewies sie, wozu Literatur imstande ist: In (poetische) Sprache gefasst kann auch Sinnlosigkeit Literatur sein. Und dass Sargnagel eine Sprache hat, daran kann es nach dieser Lesung keinen Zweifel geben. „Dicke Kinder hassen eislaufen, dicke Kinder mögen Eis essen.“ Nicht immer geht es so zivilisiert zu in dem Text. Es ist eine kaputte Welt, die hier abgehandelt wird. Da kann es schon sein, dass einen nach dem Überstehen der Morgendepression das Verlangen überfällt, zu „schlagen und Blut zu schmecken“. Der gar nicht müde Text traf auf eine ohnehin ausgeschlafene Jury, die ihm einiges abgewinnen konnte. Der Publikumspreis winkt beim Vernetzungsgrad der Autorin sowieso.

 

Gelehrsamkeit erstickt den Humor

„Das alte Lied von Señor Magma“, das der deutsche Autor Sascha Macht sang, fand bedeutend weniger Zustimmung. Auch die Art seines Beitrags hat Tradition in Klagenfurt, erinnert das apokalyptische Szenario, das er entwarf, doch an Leif Randts „Schimmernden Dunst über Coby County“ (2011). Nur dass bei Macht die Gelehrsamkeit den Humor erstickte. Als Dritter stieg Marko Dinić in den Ring und beeindruckte mit seinem Vortrag. „Als nach Milošević das Wasser kam“ ist die Aufarbeitung eines Jugendlichen des Bombardements von Belgrad während des Jugoslawien-Kriegs und Peter Handke dringend als Lektüre empfohlen. Zwar ist der Text bei Weitem nicht so poetisch wie „Gerechtigkeit für Serbien“, dafür politisch überzeugender. Er rechnet – auch mit Schimpftiraden – mit den nationalistischen Kommunisten à la Milošević ab. Ob die literarische Qualität des Textes mit der politischen Schritt hält, wird noch zu entscheiden sein.

Mit Bastian Schneiders „Mezzanin-Stücken“ kam der erste vergleichsweise experimentelle Text ins Klagenfurter ORF-Theater. Seine „Haikus aus der Fußgängerzone“, wie Hildegard Keller die Miniaturen nannte, ließen allerdings kaum einen Zusammenhang erkennen. Den ersten Tag beschließen durfte Selim Özdogan. „Ein geheimer Akkord“ rechnet mit einem betrügerischen Vater ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2016)

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