Rund 80.000 Österreicher stottern

Rund 80.000 Österreicher teilen das Schicksal des stotternden englischen Königs George VI. Bernhard Richter ist einer von ihnen. Schwierigen Wörtern weicht er deshalb noch lange nicht aus.

will fluessig stottern
will fluessig stottern
King George VI – (c) AP (Clipper Mail)

Wenn Bernhard Richter „konstruktiv“ sagt, oder „kontrolliert“, braucht er manchmal mehrere Anläufe. Irgendwann macht er dann eine Pause, atmet durch, sammelt sich – und sagt das Wort, das ihn ins Stolpern gebracht hat, ganz bewusst und zielgerichtet: „Das Wichtigste für mich ist, schwierigen Wörtern nicht auszuweichen. Mein Ziel ist, kontrolliert flüssig zu stottern.“

Bernhard Richter (33) teilt ein königliches Schicksal. Ebenso wie der Vater von Queen Elizabeth II., George VI., stottert Richter seit seiner Kindheit. Die berührende Geschichte des schüchternen und öffentlichkeitsscheuen Königs (Colin Firth), der mithilfe des exzentrischen australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush) so weit kam, dass er wichtige Reden ohne Stotteranfall halten konnte, ist am Freitag auch in Österreich angelaufen. „The King's Speech“ wurde nicht nur in Großbritannien ein Riesenhit, Colin Firth wurde für sein Porträt des stotternden Königs auch für alle großen Darstellerpreise nominiert.

Eine Gruppe von Menschen freut diese Aufmerksamkeit ganz besonders. Werden sie doch normalerweise ignoriert, im besten Fall belächelt, im schlimmsten Fall verspottet. Derzeit findet man allerdings keine Website von Selbsthilfegruppen für Stottern, auf denen „The King's Speech“ nicht begeistert gefeiert wird. „Das ist natürlich toll für uns“, sagt auch Bernhard Richter. „Vor allem, wenn es dazu beiträgt, dass die Leute besser verstehen, worum es beim Stottern geht. Denn ein Stotterer ist kein Idiot. Und auch nicht verklemmt oder verkorkst.“


Bei Erwachsenen nicht mehr heilbar. Bernhard Richter ist nichts von alledem. Der Entwickler für Chipkartensoftware ist verheiratet und angehender Vater. Er ist intelligent, engagiert und wortgewandt. Zumindest soweit es sein Handicap zulässt. Richter stottert, seit er sprechen kann. Obwohl er von klein auf in Sprachtherapien geschickt wurde, konnte sein Stottern nicht ausgemerzt werden. Und wird ihm auch für alle Zukunft bleiben. „Im erwachsenen Alter ist Stottern nicht mehr heilbar“, sagt Richter.

Das gilt in Österreich für rund 80.000 Menschen (die deutsche Bundesvereininigung Stotterer-Selbsthilfe schätzt, dass ein Prozent der Menschen stottert). „Wer stottert, ist nicht allein“, muntert die Website der deutschen Selbsthilfegruppen auf. Aber miteinander vergleichbar sind Stotterer deshalb noch lange nicht. „Stottern ist unheimlich individuell“, sagt Richter. „Keine zwei Betroffenen stottern ident.“

Die große Frage ist, woher Stottern kommt. Spekulationen ranken sich um die Atmung, die Lautbildung, die Übergänge zwischen Konsonanten oder die Schnittstelle zwischen Denken und Reden, um psychische Ursachen oder eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Derzeit tendiert die Forschung auch zu einer genetischen Komponente. Selbst wenn man mit der Veranlagung geboren wird, heißt das aber noch nicht, dass man auch tatsächlich zu stottern beginnt.

Fest steht hingegen, dass Stottern meist im Alter zwischen zwei und drei beginnt – in der Zeit, in der sich ein Kind geistig, sprachlich, emotional und sozial am schnellsten entwickelt. Viele Kinder erleben in dieser Zeit „Sprechunflüssigkeiten“, wachsen aus diesen zwischen vier und fünf aber wieder heraus. Bei einigen wird das Stottern jedoch manifest. Durch die Reaktion der Umwelt begreift das Kind, dass mit seiner Sprache etwas nicht stimmt. Für viele beginnt mit dieser Erkenntnis eine Spirale der Angst und der Scham, die jedesmal eine Windung enger wird, wenn sie den Mund aufmachen (müssen). Einige reagieren mit Schweigen, andere reduzieren ihren Wortschatz auf möglichst wenige, einfache Worte.

Genau das verschlimmert das Stottern aber nur noch, findet Bernhard Richter. „Alles, was man an Vermeidungsstrategien lernt, ist letzten Endes Müll“, sagt er. Er hat sich für einen anderen Weg entschieden und mithilfe des Therapieansatzes von Charles Van Riper gelernt, „wie man kontrolliert flüssig stottern kann“: „Es war ein weiter Weg“, sagt er. Richter setzt dabei stark auf Kontrolle seines Sprachflusses. Um diese zu behalten, wiederholt er Worte, um Zeit zu gewinnen. Oder er sagt sehr oft „Der Punkt ist...“– eine Phrase, die sich als Überbrückung ebenfalls sehr gut eignet.

Absichtlich stottern. Richter gibt allerdings selbst zu, dass das „die Theorie“ ist. Schwierig werde es für ihn, wenn er vor vielen Leuten reden muss, die er nicht kennt. Oder wenn er Englisch spricht. „Das ist mir nicht so vertraut, da habe ich nicht dieselbe Kontrolle wie im Deutschen.“ Aber auch für diese kniffligen Situationen hat Bernhard Richter einen Trick entwickelt: „Manchmal“, sagt er, „stottere ich absichtlich. Dann ist es wenigstens draußen.“

Stottern ist mit vielen Tabus und Vorurteilen belastet. Für Gesprächspartner gibt es aber einige Regeln: ausreden lassen, Wörter und Sätze nicht für den Stotterer vervollständigen, Blickkontakt halten und Verständnis signalisieren.

Eltern sollten zusätzlich dazu nicht zu schnell sprechen, nicht zu komplizierte Sätze bilden, sparsam mit Zwischenfragen umgehen und ruhig und gelassen bleiben. Wichtig ist, bei den ersten Anzeichen von Stottern zum Arzt zu gehen, weil eine Therapie umso mehr hilft, je früher sie beginnt.

Selbsthilfegruppe: www.oesis.at

Logopädenverband: www.logopaedieaustria.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2011)

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