Grätzltour

Wiener Zentralfriedhof: Die letzte Liegenschaft

Er ist Trauerstätte, Grünoase, Touristenhit und Stadtgeschichte-Archiv: Mit Fremdenführerin Gabi Saeidi über Architektur- und Lagefragen im Zentralfriedhof in Simmering.

Kennt den Zentralfriedhof und einige seiner Toten: Gabi Saeidi zwischen Beethoven und Schubert.
Kennt den Zentralfriedhof und einige seiner Toten: Gabi Saeidi zwischen Beethoven und Schubert.
Kennt den Zentralfriedhof und einige seiner Toten: Gabi Saeidi zwischen Beethoven und Schubert. – (c) DIMO DIMOV

„Der Tod, das muss ein Wiener sein.“ Laut den Textzeilen von Georg Kreisler, ja. Die Beziehung zum „Zentral“ war anfangs aber eine sehr unglückliche: „Als der Friedhof 1874 eröffnet wurde, hatten die Wiener keine Freude mit ihm. Er war zu weit weg von der Stadt, die Leichenkondukte blieben im Winter oft im Schnee stecken“, weiß Gabi Saeidi. Die Fremdenführerin studierte Geschichte und Publizistik und kennt den Friedhof von Kindheit an: „Wir haben zwei Familiengräber“, erzählt sie. Wohl nicht zuletzt deshalb hatte sie die Idee, hier Nachtführungen anzubieten – sie starten ab 31. Oktober, jeweils bei Anbruch der Dunkelheit.

Architektonische Zeitreise

Als Erster fand der Josefstädter Privatier Jakob Zelzer auf dem unbebauten, unbepflanzten Areal seine letzte Ruhe – mittlerweile liegen drei Mio. Menschen in der Simmeringer Erde. Damit ist der Zentralfriedhof der größte Europas, wenn er mit seinen 2,5 km2 flächenmäßig hinter Hamburg zurücksteckt.

Um 1880 wurden die ersten Abschnitte verbaut: das 2. Tor und die Alten Arkaden mit 36 Grüften (unter anderem für die Industriellenfamilie Mautner-Markhof) – Ziegelrohbauten im Neo-Renaissance-Stil mit zahlreichen Reliefs und Skulpturen. Hier hat die Friedhofsverwaltung ihren Sitz, die eine Liste aller Bestatteten führt. Um den Friedhof attraktiver zu machen wurden in den 1890er-Jahren Prominentengräber angelegt. „Man überführte etwa die sterblichen Überreste Ludwig von Beethovens und Franz Schuberts. Und man begann, den Friedhof gärtnerisch zu gestalten“, berichtet Saeidi. 1905 wurde das Hauptportal erbaut – nach Entwürfen von Max Hegele nahmen die Portalanlage selbst sowie die beiden Aufbahrungshallen eins und zwei Gestalt an. Auch die Neuen Arkaden entstanden in der Zeit. Sie beinhalten 70 Arkadengrüfte, zwei Mausoleen und 768 Kolumbarnischen, in denen nicht – wie mancher vermuten würde – Aschenurnen, sondern Särge untergebracht sind.

Mit dem größten Bau – der Friedhofskirche im Jugendstil, auch von Hegele entworfen – begann man erst 1908. Unter dem Hauptaltar liegt die Gruft des heute umstrittenen, 1910 verstorbenen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger, der den Grundstein gelegt hatte. Die Feuerhalle Simmering wurde 1922 von Clemens Holzmeister als erstes österreichisches Krematorium gebaut: expressionistisch, mit orientalischen Einflüssen.

Lage, Lage – und Ausstattung

Zu der Zeit war der Friedhof schon zu einem Who's who der Wiener Kulturszene geworden: Ehrengräber und Gedenksteine (etwa für Mozart, der im St. Marxer Friedhof seine letzte Ruhe fand), Politiker und Promis machten aus der ungeliebten Gstätten eine Nobeladresse. So wurden die teuren Lagen – je näher das Grab an einem Tor situiert ist, desto mehr kostet nämlich die letzte Liegenschaft – immer begehrter. Auch die Ausstattung sollte noch im Tod zeigen, dass man im Leben etwas Besonderes war. Ein skurriles Beispiel ist etwa August Zang, Gründer der „Presse“. „Sein Grabmal stellt ein Bergwerk mit Gnomen dar. Angeblich war es der Wunsch seiner Frau nach etwas ganz Außergewöhnlichem“, erzählt Saeidi.

Ab 1900 war der Zentralfriedhof an den öffentlichen Verkehr angeschlossen. Saeidi: „Es wurden sogar Leichenzüge per Straßenbahn angeboten – während der Spanischen Grippe und im Zweiten Weltkrieg.“ Bei Besuchern sind heute verschiedene Areale gefragt – Touristen lieben die Ehrengräber, Spaziergänger die ruhigen grünen Teile. Ein eigener Bereich ist zeitgenössischen Künstlern gewidmet, mit zum Teil außergewöhnlichen Grabsteinen. Manfred Deix ist der letzte Zugang. An seinem Grab wacht – gestaltet nach seinen Zeichnungen – eine zigarettenrauchende Katze.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Der Zentralfriedhof in Simmering wurde 1874 eröffnet, ab 1880 mit Toren, Kirchen, Gruftarkaden und mehr bebaut. Neben katholischen gibt es auch jüdische, evangelische, muslimische, buddhistische und mormonische Abteilungen. Ein neues Grab kostet – egal, in welcher Lage – 460 Euro, eine Gruft „auf Anfrage“.

Gabriele Saidi ist Fremdenführerin in Wien. Nachtführungen auf dem „Zentral“ finden ab 31. 10. (bis Ende Jänner) statt. www.gabitours.at


[OVYBK]

(Von Wolfgang Martin, "Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2018)

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