Österreich

Wohnen am Stadtrand: Raus aus der City, aber nicht allzu weit

Immer mehr Menschen ziehen in die Randgebiete großer Ballungsräume. Die Folgen: Dortige Immobilien werden rarer und teurer, der Speckgürtel wächst weiter ins Umland hinein.

Viele Wiener siedeln sich in den Umlandgemeinden an.
Viele Wiener siedeln sich in den Umlandgemeinden an.
Viele Wiener siedeln sich in den Umlandgemeinden an. – Die Presse/Fabry

Der Stadtrand verbindet die Vorteile der City mit jenen des Lebens auf dem Land“, weiß Claudia Brandstätter vom Grazer Trendforschungsinstitut BMM: Ruhe, Grünraum und Flucht aus der Anonymität der Großstadt: „Vielen ist wichtig, dass man den Nachbarn kennt.“ Es seien vor allem Menschen im mittleren Lebensalter, die genug vom hektischen Leben haben. Sie setzen, weil finanziell dazu in der Lage, das um, wovon auch viele Jüngere träumen, und kaufen sich Haus oder Wohnung an der Peripherie.

„Nach Ausbildung und Partnersuche wollen sich viele ein Nest für den zweiten Lebensabschnitt bauen, und das am besten dort, wo es noch grün ist, die Stadt aber nicht allzu weit“, weiß Nikolaus Lallitsch von Raiffeisen Immobilien. Eine Studie von GfK Austria zeigt, dass sich 53 Prozent der Österreicher eine Eigentumsimmobilie wünschen und sich dadurch „Wohlgefühl und Sicherheit für die Familie“ versprechen.

Wien: Donaustadt, Penzing und Liesing profitieren

In Wien profitieren die Donaustadt, wo das große Potenzial an freien Flächen für Stadtentwicklungsprojekte wie die Seestadt Aspern genutzt wird, aber auch Penzing und Liesing, wie die hohe Zahl an neuen Grundbucheintragungen im ersten Halbjahr 2018 zeigt. Bernhard Reikersdorfer von Re/Max Austria: „Aufgrund der hohen Nachfrage sind die Preise für Wohnungseigentum am Wiener Stadtrand gegenüber dem Vorjahr um 3,4 Prozent gestiegen, die frei vereinbarten Mieten um 1,7 Prozent.“

Stadtnahe Speckgürtel immer teurer

Wer sich das nicht leisten kann, geht über die Stadtgrenzen hinaus in den Speckgürtel, wo Immobilien einfacher zu finden und auch – noch – vergleichsweise günstig sind. Lallitsch spricht von „konzentrischen Kreisen“: Aufgrund der Nachfrage und des knapper werdenden Angebots werden auch die stadtnahen Bereiche des Speckgürtels immer teurer, und die Wohnungssuchenden erweitern ihren Radius, um Leistbares zu finden. Auf diese Weise wächst der Speckgürtel immer weiter ins Umland. „Je besser die Mobilitätslösungen, desto attraktiver werden der Stadtrand und das Gebiet darüber hinaus“, kennt Brandstätter die Anforderungen. Aufgrund des guten Öffi-Angebots könne man daher mittlerweile nicht nur Mödling, Baden oder Korneuburg, sondern sogar auch schon St. Pölten zum Wiener Speckgürtel zählen, sagt Reikersdorfer. „Eine halbe Stunde Fahrt zum Arbeitsplatz nehmen die meisten Menschen in Kauf, wenn dafür die Wohnsituation ihren Träumen entspricht.“

Graz: Kaum Grundstücke am freiem Markt

Noch drastischer ist die Situation in Graz. „Innerhalb des Stadtgebiets gibt es für Bauträger auf dem freien Markt so gut wie keine Grundstücke mehr. Die derzeit auf dem Markt befindlichen, knapp hundert, eignen sich von der Größe her nur für Einfamilienhäuser“, sagt Lallitsch. Selbst am Stadtrand, wo etwa mit dem City Gate oder dem Brauquartier umfangreiche Projekte im Entstehen sind, sei inzwischen kein größeres Bauland mehr verfügbar. „Die Preisschraube dreht sich daher im Umland nach oben.“ In einigen angrenzenden Gemeinden haben die Preise innerhalb eines Jahres sogar um rund zehn Prozent zugelegt. Verkäufer nutzen dies: Von den rund 15.000 Immobilien, die in der Steiermark derzeit auf dem Markt sind, befinden sich rund 10.000 in der Region rund um die Landeshauptstadt, zu der die Immobilienexperten mittlerweile auch Teile der Süd- und der Weststeiermark zählen.

Was Sie wissen sollten zum Wohnen am Stadtrand

Fakt 1

Preisentwicklung. Durch die hohe Nachfrage sind die Preise für Wohnungseigentum am Wiener Stadtrand gegenüber 2017 um 3,4 Prozent gestiegen, die frei vereinbarten Mieten um 1,7 Prozent. Aber nicht nur die Nachfrage wächst, auch die größeren Grundstücke in der Stadt schwinden – etwa in Graz. Das treibt die Preise im Umland zusätzlich in die Höhe.

Fakt 2

Planung. Für die Randbezirke sowie für die Umlandgemeinden von Wien oder Graz und anderen Städten wird der Trend zunehmend zur Herausforderung. „Man wird versuchen müssen, bei der Planung die Wohngebiete am Stadtrand bewusst für bestimmte Zielgruppen zu definieren“, sieht Trendexpertin Claudia Brandstätter eine Chance auf gezielte Besiedlung.

Fakt 1

Lage. Bessere Anbindung an die Öffis – alles, was innerhalb einer halben Stunde Fahrzeit liegt, gilt als attraktiv – machen auch Gemeinden attraktiv, die bis vor Kurzem „unter ferner“ liefen rangiert sind. Einer Gefahr gilt es grundsätzlich entgegenzuwirken: dass durch die zunehmende Urbanisierung des Stadtrands dessen größte Anziehungskraft, nämlich Grünraum und Ruhe, verloren geht.

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