Die Legende vom guten Faschisten

Benito Mussolinis Faschismus sei nicht antisemitisch gewesen: Dieses Bild hält sich noch immer in der Öffentlichkeit. Doch Historiker wie Gustavo Corni beweisen das Gegenteil.

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Die Legende vom guten FaschistenLegende guten Faschisten – (c) Wikipedia

Giovanni Palatucci galt als Paradebeispiel für den Faschisten mit gutem Herzen: Der – angebliche – Polizeichef von Fiume (heute Rijeka) soll 5000 Juden das Leben gerettet haben, als die Deutschen 1943 einmarschierten. Später starb Palatucci im KZ Dachau. Der Vatikan sprach den Duce-Anhänger selig. Dieser Palatucci hat aber nie existiert. Oder besser: Einen Palatucci gab es, der Faschist arbeitete in Fiume bei der Fremdenpolizei. Die Befehle führte er allerdings aus, und zwar gründlich, dokumentierten Historiker. Er soll für die Deportation hunderter Juden mitverantwortlich gewesen sein. In Dachau starb der Polizist wirklich, weil ihm Geheimkontakte zu den Briten vorgeworfen wurden. Schon lange hatten Historiker auf Ungereimtheiten in der Palatucci-Saga hingedeutet. Ohne Erfolg.

Diese sorgfältig – offenbar von einem Verwandten Palatuccis – konstruierte Legende könnte als Allegorie für eine grundlegendere historische Täuschung dienen: für die Mär des gutmütigen Faschisten. Der italienische Historiker Gustavo Corni skizziert im „Presse“-Gespräch Hauptaspekte dieses seit Jahrzehnten dominierenden Bildes: „Der Faschismus war nie antisemitisch, die (antijüdischen) Rassengesetze wurden 1938 verabschiedet, um die Allianz mit Deutschland zu stärken, der Faschismus trug keine Verantwortung für den Holocaust.“

Der böse Deutsche.
Geprägt wurde dieses Narrativ vom einflussreichen Mussolini-Biografen Renzo De Felice in den 1970er-Jahren. Der Historiker hob den „grundlegenden“ Unterschied zwischen Faschismus und Nationalsozialismus hervor – und verfestigte damit das Klischee des guten Italieners versus den bösen Deutschen. Bereits in den Jahren zuvor hatte man durch politisierte Geschichtsdeutung versucht, eine neue Legitimationsbasis für die junge und fragile Demokratie zu finden: Die Duce-Zeit wurde unter den Teppich gekehrt und der antifaschistische Widerstand 1943–45 von linken Historikern zum „Volksaufstand“ gegen den „Nazifaschismus“ stilisiert.

Jüngere Forschungen haben nicht nur nachgewiesen, dass bloß eine Minderheit die Partisanen unterstützte. Auch De Felices Thesen wurden inzwischen widerlegt. Rassismus sei von Anfang an Bestandteil des Faschismus gewesen – lange vor der Verabschiedung der Rassengesetze, sagt Corni. Bereits in den 1920ern hetzte Mussolini gegen Juden – die laut Duce „über die Londoner Börse“ die verhasste britische Politik steuerten. Rassistisch war der Faschismus aber vor allem in Afrika. Viele Italiener wissen heute noch wenig über die diskriminierenden Gesetze und das brutale Vorgehen der italienischen Besatzer in Libyen und Äthiopien, wo Hunderttausende massakriert, mit Gas getötet, in Lagern ermordet wurden.

Corni widerlegt auch einen weiteren Mythos: „Die Rassengesetze von 1938 hatten wenig mit Deutschland zu tun. Mussolini brauchte damals einen Schock. Der Faschismus braucht Krieg, sagte Mussolini. Äthiopien und Spanien hätten Italiens Gesellschaft nicht so verändert, wie er gehofft hatte. Die Rassengesetze boten ihm diesen Schock.“ Auch das Bild der Republica Sociale Italiana (die im NS-besetzten Norditalien regierende faschistische Republik 1943–45) wurde inzwischen revidiert: Die RSI sei mehr als ein Marionettenregime gewesen. Ein Teil der Bevölkerung unterstützte das Regime. Vor allem aber: „Funktionäre und Milizen waren aktiv an der Judenverfolgung beteiligt – und agierten oft unabhängig von deutschen Befehlen.“

Immerhin überlebten 85 Prozent der Juden in Italien die deutsche Besatzung – so viele wie kaum in einem anderen Land unter NS-Herrschaft. Ein Grund dafür ist, dass die jüdische Gemeinde klein und gut integriert war. Dazu Corni: „Es stimmt, dass viele Italiener Juden versteckt haben. Es stimmt aber auch, dass viele Juden verraten und bei der antijüdischen Politik mitgemacht haben. Über sie wissen wir wenig. Wir Historiker müssen uns fragen – wieso haben sie das getan?“

Zur Person

Professor Gustavo Corni lehrt Zeitgeschichte an der Universität Trient. Seine Schwerpunkte sind deutsche und italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er ist Gastwissenschaftler beim Münchner Institut für Zeitgeschichte sowie Fellow am Freiburger Institute for Advanced Studies. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien.

Vortrag in Wien. Am 3. Oktober um 18.30 Uhr wird Professor Corni auf Einladung des Wiesenthal Instituts über „Die ,guten Italiener‘ und die Judenverfolgung im Faschismus“ referieren. Ort: Dachfoyer des Staatsarchivs, Minoritenplatz 1, 1010 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2013)

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