Erst bayerische Grenzgrafen, dann österreichische Patrioten

Die Grafen Stillfried. Mario Erschen porträtiert drei Vertreter der bekannten Familie – Soldaten, Globetrotter, Kulturdiplomaten.

(C) Böhlau Verlag

Die Stillfrieds sind ein stolzes Geschlecht. 1178 wird die Burg der ursprünglich bayerischen Grenzgrafen in Niederösterreich als „perg Stillvridi“ bezeichnet. Von da an dienten sie Österreich. Mario Erschen, viele Jahre Kulturattaché in Mailand, hat drei Vertreter dieser interessanten Familie aus jüngster Zeit porträtiert. Wer beim Namen des Autors aufhorcht, trifft ins Schwarze, besser gesagt, ins Blaue: Der Klubsekretär unter Friedrich Peter war FPÖ-Bundesgeschäftsführer und Speerspitze des Liberalismus in der Partei. 1986 trat er noch während des laufenden Bundesparteitags zurück und aus der Partei aus, als Jörg Haider gewählt wurde und Steger gehen musste.

Das abenteuerlichste Leben führte zweifellos Raimund Stillfried, geboren 1839, marinebegeistert, Globetrotter, freiwilliger Kämpfer für die verlorene Sache des unglücklichen Habsburgers als Kaiser von Mexiko. Er überlebte, ging nach Japan und baute dort eine fotografische Verlagsanstalt auf. Der Tenno zählte zu seinen Freunden. In die Heimat zurückgekehrt, dokumentiert er bis zu seinem Tod 1911 die südöstlichen Kronländer der Monarchie.

Sein Sohn Alfons durchlebt und durchleidet die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. 1887 geboren, wird er Berufsoffizier, was ihn 1918 nach dem Zusammenbruch seiner Welt zwingt, ganz von vorn zu beginnen. Sein erlernter militärischer Beruf bringt den Monarchisten und Patrioten zwangsläufig zu Starhembergs Heimwehren und von dort nahezu folgerichtig in den Widerstand nach dem Anschluss seiner Heimat an das Deutsche Reich. Die Wohnung Stillfrieds am Döblinger Saarplatz wird zur konspirativen Zelle, die den ganzen Krieg hindurch unentdeckt bleibt. Im Range eines Majors ermöglicht ihm die Tätigkeit in der Wiener „Auslandsbrief-Prüfstelle“ Sabotageaktivitäten.

 

Im Bunde mit Fritz Molden

Den Stillfrieds war Fritz Molden eng verbunden. „Gegenüber dem heutigen Heiligenstädter Pressehaus auf der Lände war eine große Transportfirma namens Spitz“, erinnerte er sich in einem „Presse“-Interview, das ich mit ihm führen durfte. „In diesem Haus war Anfang Dezember 1944 der feierliche Moment, als der Schärf und der Lemberger, der Matejka, Graf Etzdorf, der Professor Verdroß, die Mutter Lemberger, der Baron Stillfried und der Kommerzialrat Spitz (der Sponsor von Julius Raab) zusammentrafen. Wenn den Spitz nicht am 10. April die SS am Donaukanal erschossen hätte, wäre Raab nie geworden, was er war, dann wäre nämlich Spitz Chef des neu zu gründenden Wirtschaftsbundes geworden. Er war Heimatschützler und ein sehr feiner Gewerbemann, im Typ dem Raab sehr ähnlich. Dessen drei Söhne machten im Widerstand mit, im Haus hatte er drei U-Boote untergebracht.“

Die Alliierten hatten Molden und Lemberger schon als Verbindungsoffiziere anerkannt. „Im Februar“, so Molden, „fand im Haus vom Baron Stillfried am Saarplatz die militärische Besprechung statt. Den Schutz des Hauses hatte das Wachbataillon Wien übernommen. Kommandant war der Major Biedermann. Major Szokoll war nicht dabei, um nicht allzu viele Leute einzuweihen.“ So weit Fritz Molden. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gerät Stillfried in die Fänge der Gestapo, überlebt aber und wird in Unehren aus der Armee entlassen. Wochenlange Verhöre erbringen keine Beweise.

Nach 1945 engagiert er sich als Präsident der Liga demokratischer Freiheitskämpfer. Doch die Widerständler erliegen einer Illusion: Die Mitwirkung am Wiederaufbau an führenden Stellen bleibt ihnen verwehrt. Die sind längst von den Berufspolitikern der eilig gegründeten Parteien ÖVP und SPÖ besetzt. Enttäuscht stirbt Stillfried 1974 in Wien.

Sein Sohn Bernhard (geb. 1925) sollte noch 1945 als Kanonenfutter an die Oderfront transportiert werden, er desertiert aber und überlebt. Und kann nach dem Kriege endlich Jus, Ethnologie und Politikwissenschaft studieren. Dieses umfassende Wissen befähigt ihn, 1958 das Österreichische Kulturreferat für den Vorderen Orient mit den Kulturinstituten Kairo, Istanbul und Teheran zu übernehmen. Nach vielen Jahren in London leitet Stillfried ab 1986 die Kulturpolitische Sektion im Außenministerium des Alois Mock. Nach dessen Ausscheiden aus der Politik widmet sich der Botschafter den alten Kronländern und wird Ehrendoktor der Universitäten von Lemberg und von Czernowitz.

Erschens Familiensaga ist mehr als die nüchterne Biografie dreier Grafen Stillfried. Immer wieder lässt er in seiner fein gewobenen Schilderung allerlei Vorfahren den Akteuren „über die Schulter schauen“. Reines Lesevergnügen in Böhlau-Manier. (hws)

Mario Erschen

 

Stillfried. Ein Name im Wetterleuchten

der Geschichte

Böhlau, 448 Seiten, 35 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)

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