Reportage: Ein Tag im Zeichen der Flüchtlingskrise

In Zügen ließ Ungarn hunderte Flüchtlinge – durchwegs Syrer – de facto unkontrolliert ausreisen. Vor dem Westbahnhof zeigten die Menschen ihre Solidarität. Im Stephansdom wurde den Schlepperopfern gedacht.

Mehr als 3000 Flüchtlinge reisten von Ungarn aus über Wien in Richtung Deutschland.
Mehr als 3000 Flüchtlinge reisten von Ungarn aus über Wien in Richtung Deutschland.
Mehr als 3000 Flüchtlinge reisten von Ungarn aus über Wien in Richtung Deutschland. – (c) Clemens Fabry

Als der ÖBB-Railjet von Budapest kommend mit rund dreistündiger Verspätung am Montagabend in den Wiener Hauptbahnhof rollt, erwartet ihn ein Großaufgebot von Polizisten und Journalisten. Doch statt hunderte Flüchtlinge aus Syrien verlassen nur ein paar Flüchtlinge aus Pakistan den Zug. Sie wollen zu Verwandten nach Italien, um dort eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, erzählt Nassem Lubair der „Presse“. Der Rest der Flüchtlinge, zumeist Syrer, bleibt sitzen – bis sich der Zug weiter in Richtung Westbahnhof bewegt. Und dort kommen nach 18 Uhr noch weitere Züge mit Flüchtlingen aus Budapest an, was teilweise für chaotische Szenen sorgt. Viele stürmen sofort aus dem Zug, der mit dem Westbahnhof seinen Endziel erreicht hatte. Und rennen zu dem Zug, der sie in Richtung Deutschland bringt. Es seien Hunderte Flüchtlinge gewesen, die am Abend angekommen sind, schätzt ein Polizeibeamter. Immerhin kommen täglich am Wiener Westbahnhof rund 15 Züge aus Budapest an.

Empfangen wurden die Flüchtlinge, denen die Strapazen der Flucht und des langen Wartens in Budapest in das Gesicht geschrieben waren, von etwa zwei Dutzend Polizeibeamten sowie Demonstranten mit Schildern wie „No Border – No Nation“ und „Refugees welcome“. Letztere versorgten die Flüchtlinge mit Wasser und Essen. Auch eine Polizei-Sondereinheit in Zivil war im Einsatz (sie sollte die Flüchtlinge fragen ob sie einen Asylantrag stellen wollen und das Erstaufnahmeverfahren einleiten – falls die Flüchtlinge nicht bereits in Ungarn um Asyl angesucht haben). Eigentlich wollte die Polizei die Flüchtlinge an der Weiterfahrt nach Deutschland hindern, da die Flüchtlinge „sicher kein Schengen-Visum besitzen“, wie ein Beamter erklärte. Allerdings waren die Polizisten dem Ansturm nicht gewachsen und kapitulierte de facto – die meisten Flüchtlinge erreichten daher problemlos den Zug in Richtung Deutschland. Es entstand der Eindruck, dass Migranten, die in Ungarn nicht als Asylwerber registriert waren, nicht an der Weiterreise in Richtung Deutschland gehindert wurden.

Überraschend für Beobachter war, dass es trotz diverser Turbulenzen bis Montagabend keine erwähnenswerte Vorfälle gab. Züge am Westbahnhof fuhren äußert langsam ein, um niemanden zu gefährden. Bedienstete der ÖBB achteten darauf, dass dann keine Kinder, die manchmal über die Gleise gingen oder etwas verwirrt auf den Gleisen standen, gefährdet werden.

Alles verlief friedlich, auch in dem überfüllten Zug nach Salzburg zeigte ein Blick nach Innen ein friedliches Miteinander von Flüchtlingen und gewöhnlichen Reisenden und keine offensichtliche Konflikte. Nur ein Tiroler monierte sich über den Geruch im Inneren des Zuges, nachdem die Flüchtlinge, die tagelang vor dem Bahnhof in Budapest campiert hatten, dort keine Möglichkeit hatten zu duschen.

 

Der Demonstrationszug
Der Demonstrationszug
Der Demonstrationszug – (c) APA(GEORG HOCHMUTH)

Demo auf Mariahilfer Straße

Vor dem Westbahnhof gab es ein Zeichen der Solidarität mit den Flüchtlingen. Es war kein Lichtermeer, aber es war ein Meer von Menschen auf dem Christian Broda-Platz. Und es waren – auch wenn sich André Heller einen guten Platz mit Aussicht gesichert hatte – vor allem junge Menschen: Zwanzigtausend Leute waren laut Polizei am Montagabend an den Platz beim Wiener Westbahnhof am Anfang der Mariahilfer Straße gekommen, um gegen die Zustände im Lager Traiskirchen und für eine bessere Behandlung der Flüchtlinge in Österreich zu demonstrieren – und damit wirklich ziemlich genau so viele, wie sich via Facebook angemeldet hatten. „Überleben wollen ist nicht kriminell“, war da auf einem der Schilder zu lesen, oder: „Ich bin so sauer, ich hab sogar ein Schild gebastelt.“

Das „einzige Gesetz“, das es gebe, sei die Menschlichkeit, hieß es schon zu Beginn der Kundgebung. Organisiert hatte die Demonstration „Mensch sein in Österreich“, eine private Initiative. Viele waren dem Aufruf gefolgt, in Weiß zu kommen: „Weiß für den Frieden. Es braucht keine gefärbte Flagge um Mensch zu sein.“ Alexander Pollak von SOS Mitmensch bat, „anders als in den letzten Tagen“, nicht um eine Schweigeminute, sondern um eine „Applausminute“: „Es sind viele, viele hier, die sich privat engagieren, die helfen, die Deutschkurse geben, die nach Traiskirchen fahren.“ Pollak verwies auch auf die Tatsache, dass in den Flüchtlingslagern in Jordanien und im Libanon gerade die Gelder für Lebensmittel ausgehen. „Auch Österreich zahlt zu wenig für die Hilfe vor Ort.“ Schlepper, die Menschen fahrlässig ersticken, verdursten oder ertrinken ließen, seien Verbrecher – aber zugleich seien Schlepper die „einzigen, die den Flüchtlingen derzeit berechtigte Hoffnung geben, dass sie ihr Zielland erreichen. Wenn die Politik zum Kampf gegen Schlepper aufruft und gleichzeitig den Flüchtlingen keine andere Wahl lässt, dann ist das Heuchelei.“

''Mensch sein in Österreich'': 20.000 bei Demonstration für Flüchtlinge in Wien

Erich Fenninger von der Volkshilfe erinnerte an Bruno Kreisky, der 1938 auf der Flucht an der Grenze in Dänemark beinahe wieder zurück geschickt worden wäre – und das wohl nicht überlebt hätte. Neben NGO-Vertretern kamen auch private Aktivisten zu Wort, wie etwa die Modebloggerin Madeleine Alizadeh, die seit Wochen nach Traiskirchen fährt. „Eine Kiste Avocados aus Südamerika hat mehr rechtlichen Schutz als ein Schiff, das im Mittelmeer versinkt.“ In Summe dauerte die Demonstration deutlich länger als erwartet, die Route wurde ausgeweitet – und führte nicht nur bis zum Omofuma-Denkmal beim Museumsquartier, sondern gleich bis zum Parlament.

Gottesdienst im Stephansdom

Viele Menschen, darunter Vertreter der Regierung, befasste sich gedachten der Opfer der Schlepperkriminalität. „Es ist genug.“ Mit diesen Worten eröffnete Kardinal Christoph Schönborn Montagabend im Wiener Stephansdom den Gedenkgottesdienst für die Opfer der jüngsten Flüchtlingskatastrophe.

Schon lange vor Beginn der Messe um 19 Uhr sammelten sich zahlreiche Menschen in den Reihen der Kirche. „Diese Menschen tun mir einfach leid. Weil weil ich sonst nichts für sie tun kann, bete ich für sie“, sagt eine ältere Dame in den vordersten Reihen. Andere beten bereits vor dem Gottesdienst, manche vergießen leise Tränen. „Ich will nicht zur schweigenden Masse gehören“, sagt ein Mann zur „Presse“, der in den Flüchtlingen seine eigene Familie sieht, seine Urgroßeltern mussten ebenfalls fliehen.
Beinahe die ganze Regierungsspitze ist bei dem Gottesdienst, der von der Pummerin eingeläutet wird, vertreten. Bundeskanzler Werner Faymann, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, Nationalratspräsidentin Doris Bures, zahlreiche Minister, der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Fuat Sanac, sowie Spitzen der heimischen Exekutive sind anwesend.
Gemeinsam mit Kardinal Schönborn konzelebrierten u. a. Militärbischof Werner Freistetter, Weihbischof Franz Scharl und Bischofsvikar Dariusz Schutzki.

„Es ist Zeit, aus der Starre zu erwachen und uns entschieden der wohl größten humanitären Herausforderung Europas in den letzten Jahrzehnten zu stellen“, sagt Schönborn in seiner Predigt. Er zeigte sich tief betroffen über das Schicksal jener 71 Menschen, die „grauenhaft in einem Kühlwagen für Fleischtransporte erstickten“.

Er sei erschüttert über das Bild der Flüchtlinge, die nichts als das Gewand, das sie tragen, haben, so Schönborn. Seine Mutter konnte immerhin mit zwei Koffern fliehen. Schönborn sprach auch ermutigende Worte, lobte jene Menschen, die bei der Erstaufnahme helfen, die Exekutive, die karikativen Einrichtungen, die Freiwilligen, aber auch die heimische Politik, die so oft gescholten werde und doch ihr Mögliches versuche. Und er appelliert an die christliche Nächstenliebe: „Irgendwie ist das, was wir jetzt erleben ein sehr, sehr ernster Test, ob in Österreich, in Europa das christliche Erbe noch lebt.“

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