Rupprechter: Demo vor Supermarkt? "Hätte Verständnis"

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter über den niedrigen Milchpreis und den "unfairen Handel". "Österreich liegt mit dem aktuellen Preis im oberen Viertel in Europa."

(c) APA/EXPA/JOHANN GRODER

Die Presse: In Österreich bekommen die Bauern aktuell 30 Cent pro Liter Milch, in Deutschland überhaupt nur noch 23 Cent. Wie weit geht es noch nach unten?

Andrä Rupprechter: Ich glaube, dass es durch die Maßnahmen, die die EU-Kommission und die Agrarminister vergangene Woche beschlossen haben, zu einer Stabilisierung kommen wird. Wir müssen dieses aktuelle Preistal durchtauchen, die mittelfristigen Prognosen für den Milchpreis sind gut.

 

Hat der Milchpreisverfall auch mit der Aufhebung der Milchquote zu tun?

Nicht wirklich. Seit dem Ende der Quote wird in Österreich nur ein Prozent mehr Milch angeliefert. Die Gründe sind immer noch das Russland-Embargo und das Schwächeln der internationalen Märkte.

 

Die österreichischen Bauern sagen, 30 Cent pro Liter ist schon knapp, bei 28 Cent verdienen sie nichts mehr. Werden alle Bauern die Tiefpreisphase überleben?

Österreich liegt mit dem aktuellen Preis im oberen Viertel in Europa. In Litauen bekommen die Bauern nur zwischen 15 und 18 Cent. Natürlich ist ein Rückgang innerhalb eines Jahres um 25 Prozent dramatisch. Es ist auch eine Frage des Konsums: Ein Plus von einem Prozent beim Inlandskonsum bringt 1000 Arbeitsplätze und 100 Millionen Euro bei der inländischen Wertschöpfung.

 

Nach dem Aufruf, mehr Äpfel zu essen, jetzt also der Ruf, mehr Milch zu trinken?

Mehr heimische Milch, ja.

 

Muss man sich langfristig davon verabschieden, dass Österreich eine gesunde, aktive Milchwirtschaft hat?

Nein. Gerade in Gebirgsregionen ist die Veredelung über den Wiederkäuermagen die einzig sinnvolle Form der Viehwirtschaft. Daher wollen wir die Milchwirtschaft unbedingt aufrechterhalten, weil wir unsere Gebirgsregionen besiedelt halten wollen.

 

Wird man alle Regionen erhalten können? Oder wird es nicht zwangsläufig eine Konzentration auf leichter zu bewirtschaftende Gebiete geben?

Gerade in dieser kritischen Situation sehen wir, dass eine kleinstrukturierte Landwirtschaft besser aufgestellt ist, weil man mehr Standbeine hat: Milch und Fleisch beispielsweise. Im Milchsektor haben wir in den vergangenen 20 Jahren bereits eine massive Strukturbereinigung durchgemacht. Wir hatten vor dem EU-Beitritt eine durchschnittliche Milchquote pro Betrieb von 25.000 Kilogramm. Heute produziert ein Betrieb im Schnitt knapp 100.000 Kilogramm. Die Jungen arbeiten heute sehr effektiv.

 

Aber mit den großen Milchproduzenten etwa in Norddeutschland wird man nie mithalten können.

Das stimmt, mit der Menge können wir den Wettbewerb in Europa nicht gewinnen – aber über die Qualität. Es gibt eine starke Differenzierung auf dem Markt. Aktuell steigen beispielsweise die Preise für Biomilch oder Heumilch, weil zu wenig auf dem Markt ist. In Salzburg, wo etwa 50 Prozent der Landwirte bio sind, gibt es keine Diskussion über den Milchpreis. Mit der Spezialisierung können sich die Landwirte behaupten. Wir sind schon aktuell das Bioland Nummer eins in Europa, auch bei gentechnikfreier Milch.

 

Viele Biobauern haben in den vergangenen Jahren aufgehört, weil die EU eine Kontrollverordnung geplant hat, die für einen großen Teil der Bauern nicht zu erfüllen gewesen wäre.

Diese Biokontrollverordnung ist vom Tisch, die kommt nicht. Jetzt ist es durchaus wieder interessant, in diesen Bereich einzusteigen. Wir machen eine Schwerpunktoffensive Richtung Bio, um noch mehr Bauern zum Umsteigen zu bewegen. Es ist für sie ja auch eine unternehmerische Entscheidung: Wenn ich Biomilch produziere, bekomme ich aktuell eben nicht nur 30 Cent pro Liter, sondern zehn bis 15 Cent mehr.

 

Bei solchen Preisunterschieden werden auch international Bauern umsteigen, dann wird der Markt bald wieder gesättigt sein.

In Deutschland gab es einen massiven Rückgang bei Biobauern, die kommen nach Einschätzung der deutschen Politik auch nicht mehr zurück. Wir haben schon jetzt gute Exportquoten. Aber natürlich richtet sich der Milchpreis nach Aufhebung der Quote nach Angebot und Nachfrage, der Preis entsteht auf dem Markt, und damit wird es Preisschwankungen auch künftig geben.

Der niedrige Milchpreis, den die Bauern erhalten, schlägt sich im Supermarkt in Österreich nicht wirklich nieder.

Es gibt die Diskussion über die Konzentration im Lebensmittelhandel. Der Markt in Österreich wird zu 85 Prozent von zwei, drei Unternehmen bestimmt. Auch die EU richtet einen speziellen Fokus auf die Wettbewerbssituation. Man wird untersuchen, ob es Fairness gibt zwischen Erzeuger und Handel.

 

In Österreich offenbar nicht.

Es gibt viele Stimmen, die sagen, der Anteil der Bauern ist zu gering.

 

Der Lebensmittelhandel verdient gut an der schlechten Situation der Bauern?

Das kann man so darstellen. Mein Appell an die Lebensmittelketten ist, mehr auf heimische Produkte zu setzen und mehr im Sinne der Fairness auf der Seite der Bauern zu stehen. Mehr Druck auf die Erzeuger ist in Zeiten wie diesen nicht angebracht. Wir wollen ja nicht Zeiten, in denen wütende Bauern – wie in anderen Ländern – vor den Lebensmittelketten demonstrieren.

 

Hätten Sie Verständnis dafür?

Wenn es zum Beispiel große Schleuderaktionen mit Milch gibt, hätte ich großes Verständnis für die Bauern.

 

Morgen wird über die 500 Millionen Euro Sonderförderung für die Bauern beraten. Wenn wir den Anteil Österreichs am EU-Agrarmarkt nehmen, würden auf uns etwa zehn Millionen Euro entfallen.

Ich werde jetzt nicht vor der Sitzung eine Zahl nennen. Wir möchten auf jeden Fall einen möglichst hohen Anteil haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2015)

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