Fünf Jahre ÖBB-Chef: Die Bahn wurde schlanker, blieb aber teuer

Bilanz. Christian Kern sprach Probleme offen an und brachte mehr wirtschaftliches Denken in die Staatsbahn. Das grundsätzliche System blieb aber.

Christian Kern.
Christian Kern.
Christian Kern. – (c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)

Wien. Wenn man die rund fünfeinhalb Jahre von Christian Kern an der Spitze der ÖBB mit einer Zahl bilanzieren will, dann lautet diese 200 Millionen Euro. Dieser Betrag sei nämlich jedes Jahr konstant als Gewinn notwendig, damit das Unternehmen seine Substanz erhalten könne, so Kern bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Bahn-Chef im September 2010 (damals schrieben die ÖBB wieder einmal Verluste). Und bis zum Jahr 2015 solle dieser Wert auch erstmals erreicht werden, so Kern damals weiter.

Vor drei Wochen haben die ÖBB ihre Zahlen für 2015 vorgelegt – und Kern hat sein Ziel fast erreicht. Mit 192,8 Millionen Euro lag die Bahn knapp unter dem einst angepeilten Ziel. Verhagelt hat es ihm ausgerechnet die Flüchtlingskrise, die der Bahn zusätzliche Kosten in Höhe von 15 Millionen Euro bescherte. Dafür erhielt Kern durch die unbürokratische Hilfe der Bahn mit Sonderzügen jedoch viel positive mediale Aufmerksamkeit für seine Person – was nun auch wesentlich wertvoller für ihn sein könnte.

 

Schlankere Strukturen

Unter Kerns Führung wurden die ÖBB in den vergangenen Jahren jedenfalls wirtschaftlicher und schlanker. So sank nicht nur der Mitarbeiterstand um knapp 2500Personen auf etwa 40.000 – auch die Zahl der Führungskräfte wurde von 1224 Management-Posten im Jahr 2009 etwa halbiert. Letzteres brachte nicht nur klarere Entscheidungsstrukturen, sondern auch mehr Bereitschaft von Betriebsrat und Gewerkschaft, wenn es um Kürzungen bei der „einfachen“ Belegschaft ging.

Auffällig in den Jahren von Kern an der Spitze der Bahn war ohnehin, dass die einst in der Öffentlichkeit ausgetragenen Kämpfe zwischen Betriebsrat und ÖBB-Chef plötzlich verschwanden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass auf den streitbaren Betriebsrats-Chef Wilhelm Haberzettl der wesentlich pragmatischere Roman Hebenstreit folgte. Aber auch Kern soll viel eher zu Kompromissen mit der Belegschaft bereit gewesen sein als sein unter Schwarz-Blau installierter Vorgänger, Martin Huber. Zudem hatte Kern von Anfang an die volle Unterstützung der SPÖ und des von ihr geführten Infrastrukturministeriums.

Außerdem half Kern von Anfang an sein rhetorisches Talent. So sprach er die Probleme der Bahn mit einer entwaffnenden Offenheit an, ohne dabei die Mitarbeiter vor den Kopf zu stoßen. Obwohl von außen gekommen, wurde ihm auch intern von Anfang an abgenommen, dass ihm die Zukunft der Eisenbahn wichtig sei.

Dabei war ihm auch immer die Bedeutung der medialen Berichterstattung präsent. Und so konnte es durchaus vorkommen, dass er sich persönlich am Abend bei Journalisten meldete, wenn ihm deren Berichte in Inhalt oder Tonalität nicht zusagten, um das Thema noch einmal zu erörtern.

 

Geschicktes Eigenmarketing?

Gerade seine rhetorischen Fähigkeiten veranlassen Kritiker jedoch auch, zu vermuten, dass sein positives Image zum Teil auf geschicktem Eigenmarketing basiere. Denn klar ist: Am grundsätzlichen System der Bahn in Österreich, das für den Steuerzahler hohe Kosten verursacht, änderte sich auch in den Jahren mit Kern an der Spitze der ÖBB nichts. Nach wie vor erhält das Unternehmen jedes Jahr rund 2,75 Milliarden Euro von Bund und Ländern überwiesen. Mit einer Milliarde werden „gemeinwirtschaftliche Leistungen“ wie Schülerfreifahrten oder von der öffentlichen Hand bestellte unrentable Verkehre bezahlt. Der Rest fließt in den Erhalt sowie die Finanzierung der Infrastruktur.

In sich ein stimmiges System, in dem den Zahlungen des Staates auch Leistungen der Bahn entgegenstanden und das von Kern daher auch immer wortgewaltig verteidigt wurde. Die grundsätzliche Diskussion, wo die Bahn wirklich benötigt wird und auf welchen Strecken ein Ausweichen auf die Straße – etwa in Form von Bussen – nicht wirtschaftlicher und sogar ökologischer sein könnte, blieb jedoch aus. Aber vielleicht ist das ja auch Job der Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2016)

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