Gemeinden wollen Asylwerber beschäftigen

Kleine Orte möchten Asylwerber oft behalten – im Gegensatz zu großen, in denen es Massenquartiere gibt. Flüchtlingskoordinator Konrad will Kompetenzen von Asylwerbern schon vor der Quartierverteilung erheben.

PK �OC : KONRAD/STOSS
PK �OC : KONRAD/STOSS
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Wien. Es kommt auf die Bevölkerung an – ohne sie findet keine Integration statt. Das ist im Groben die Schlussfolgerung einer Studie, die Flüchtlingskoordinator Christian Konrad mit Helmut Mödlhammer vom Gemeindebund in Auftrag gegeben hat. Mehr als 900 Bürgermeister (aus 2100 Gemeinden) wurden dafür in ganz Österreich befragt. 700 von ihnen beherbergen Flüchtlinge im Ort, 200 nicht.

Die Antworten bestätigen, was Integrationsforscher und Experten ohnehin seit Jahren propagieren. So stehen kleine Gemeinden (weniger als 5000 Einwohner), die meist keine Massenquartiere haben, Asylwerbern weitaus positiver gegenüber als größere. Die kleineren Orte sehen die neuen Bewohner auch als Chance. Rund 34 Prozent aller Bürgermeister (bei den kleinen Gemeinden liegt der Anteil bei 47 Prozent) wünscht sich, dass die Asylwerber nach Abschluss ihres Verfahrens im Ort bleiben.

Demgegenüber stehen größere Gemeinden, wo sich Vorbehalte nach Ankunft der Flüchtlinge vergrößert hätten. Das habe auch damit zu tun, dass Menschen in größeren Gemeinden oft nichts mit Asylwerbern zu tun haben, erklärte Rudolf Bretschneider von der GfK. Auch gebe es in größeren Orten häufiger Großquartiere. Für Flüchtlingskoordinator Konrad ist das eine Bestätigung, dass Großquartiere kurzfristig Platznot lindern, langfristig aber keine Lösung sind.

 

Mindestsicherung macht Sorgen

Grundsätzlich zeigt sich Bretschneider von der GfK positiv überrascht, dass die Integration von Flüchtlingen nur auf Platz sieben jener Themen liegt, die die Gemeinde als Herausforderung und Problem in Zukunft sehen. „Das Thema ist also vorhanden, aber von mittlerem Rang“, sagte er. Auf Platz eins und zwei rangieren allerdings die Themen Mindestsicherung und die Betreuung von Kindern – und da spielt das Thema Asylwerber freilich wieder eine große Rolle, wie auch Gemeindebundchef Mödlhammer betont. „Die Mindestsicherung und Kinderbetreuung waren aber immer schon die größten Themen in Gemeinden. Die Problematik ist jetzt natürlich gestiegen“, fügt er hinzu. Je nach Bundesland sind die Gemeinden bis zu 100 Prozent an der Zahlung der Mindestsicherung beteiligt.

Wie wichtig die Stimmung in der Bevölkerung ist, zeigen auch die Antworten auf die Frage, wie Integration stattfindet: So findet in 81 Prozent der Gemeinden Integration durch die ansässige Bevölkerung statt, gefolgt von Sprachkursen, Schulen und Kindergärten (bei Kindern). „Mit NGOs allein ist die Integration nicht zu schaffen“, betonte Konrad. Den Einfluss der Bürgermeister dürfe man auch nicht unterschätzen. „Wenn der Bürgermeister positiv eingestellt ist, dann folgen ihm die anderen nach.“

Gemeindebundchef-Mödlhammer hält ein bis zwei Prozent Asylwerber pro Gemeinde für verkraftbar. Das wären 170.000 Menschen, diese habe man „bei Weitem nicht“ im Land, rechnete Konrad vor. 85.000 stehen zurzeit in Grundversorgung. In Hinblick auf Quartiere gebe es keinen Notstand – sogar noch rund 8000 bis 9000 Plätze in Reserve.

 

Gemeinnütziger Einsatz erwünscht

Grundsätzlich forderte Konrad eine Entbürokratisierung beim gemeinnützigen Einsatz von Asylwerbern in Gemeinden. Drei Viertel der Bürgermeister würden solche Tätigkeiten nämlich begrüßen – etwa bei der Pflege von Parkanlagen. Mödlhammer betonte, dass nicht mehr die Unterbringung, sondern die Beschäftigung der Asylwerber das größte Problem sei – und für die Integration sehr wichtig. Das betreffe besonders unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die selbst wenn sie nur auf der Straße herumstehen, von der Bevölkerung als „Bedrohung wahrgenommen werden“, erklärte Konrad. Mehr als die Hälfte der Gemeinden geht übrigens davon aus, dass die Asylwerber sie nach einem positiven Asylbescheid verlassen und in die Ballungsräume ziehen – weil sie dort für sich bessere Chancen sehen. „Dass es im Asylverfahren keinen Kompetenzcheck gibt, halte ich für einen Fehler. Bereits bei der Zuteilung in Quartiere sollte auf mögliche berufliche Perspektiven und die Integration bei einem positiven Bescheid Rücksicht genommen werden“, erklärte Konrad.

AUF EINEN BLICK

Integration. Flüchtlingskoordinator Christian Konrad und der Gemeindebund haben die Situation von Asylwerbern in Gemeinden erhoben. Demnach sind vor allem kleine Gemeinden den Asylwerbern gegenüber positiv eingestellt. Ein Drittel aller Befragten hofft sogar auf einen Bevölkerungszuwachs – diese Hoffnung ist naturgemäß bei kleineren Gemeinden weiter verbreitet. Mehr als die Hälfte erwartet trotzdem, dass die Asylwerber nach Ende des Verfahrens in Ballungsräume ziehen – weil sie sich dort bessere Chancen erhoffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)

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