Gesundheitsökonom Pichlbauer: „Absolut genug Geld vorhanden“

Laut Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer werden die Mittel ineffizient eingesetzt. Hausärzte müssten seiner Ansicht nach für die Primärversorgung demonstrieren, nicht dagegen.

(c) Ärztekammer für Wien/Michaela Obermaier

Die Presse: Die Ärzte protestieren gegen Einsparungen im Gesundheitsweisen. Zu Recht?

Ernest Pichlbauer: Nein, natürlich nicht. Die Ärzte warnen seit Jahren vor dem Sparen, aber ich kann kein Sparen erkennen.

Es ist genug Geld vorhanden?

Es ist absolut genug Geld vorhanden. Aber der Druck, das Geld sinnvoller einzusetzen, fehlt.

Was wäre sinnvoll?

Es geht um die sogenannte integrierte Versorgung. Das bedeutet, dass alle Maßnahmen, von der Prävention bis zur Palliativversorgung, sinnvoll aneinandergereiht sein sollen. Wir haben ein hochgradig fragmentiertes System, alles ist in eigene Bereiche zerfallen. Dadurch ist die Verteilung des Geldes völlig sinnlos.

 

Mit welchen Folgen?

Das hat die Konsequenz, dass wir so viele Spitäler mitzahlen und Resourcen vorhalten müssen. Denken Sie an Dänemark: Dort geht man halb so oft wie in Österreich zum Facharzt und trotzdem sind die Dänen gesünder als wir. Diese Unstrukturiertheit im System ist teuer und bringt wenig.

Das heißt, Sie sind für eine Stärkung der Hausärzte?

Das kann man nicht so einfach sagen. Die Hausärzte müssten eine sinnvolle Rolle im System spielen und diese Rolle muss einmal definiert sein. Und dann muss man Geld hineinstecken.

Der geplante Ausbau von Primärversorgungszentren geht ja genau in diese Richtung. Wäre das sinnvoll?

Primärversorgung ist sinnvoll. Es kann auch sinnvoll sein, die primärversorgenden Einheiten zusammenzufassen. Die Ärztekammer wehrt sich ja in Wirklichkeit nicht gegen die Zentren, sondern gegen die Tatsache, dass es rund um diese Primärversorgung neue Vertragsmodelle geben muss.

Wozu braucht es neue Vertragsformen?

Es geht gar nicht anders. In der Primärversorgung müssen Pflege, Sozialarbeit, Physiotherapie oder Psychotherapie integriert sein. Die Mittel dafür kommen aber aus unterschiedlichen Töpfen. Sie kommen von Ländern, Gemeinden oder der Pensionsversicherungsanstalt. Diese Institutionen werden ihre Mittel sicher nicht ohne Weiteres aus ihrem System freispielen und den Krankenkassen und Ärztekammern zur Verteilung übergeben. Das heißt, man kann in diesem fragmentierten System nicht ohne ein neues gesetzliches Modell arbeiten. Das ist undenkbar. Aber gegen ein neues Gesetz stellt sich die Ärztekammer, weil sie damit die Hoheit über die niedergelassene ärztliche Versorgung verliert.

Wie beurteilen Sie die geplanten Primärversorgungszentren?

Das Pilotprojekt Mariahilf ist kein Primärversorgungszentrum nach internationalen Kriterien. International ist die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen schon deutlich besser. Und die Obergrenze pro Arzt liegt dort zwischen 1600 und 1800 Einwohnern. Die Obergrenze wohlgemerkt. Bei uns ist die Untergrenze 2000 Einwohner. Wenn es in Mariahilf drei Ärzte gibt, die tatsächlich die publizierte Zahl an Patienten abarbeiten (Anm.: 7000), dann können die nicht Primary Health Care machen. Wie wollen die den Kontakt mit den Patienten, die zu Hause von mobilen Diensten gepflegt werden, aufrechterhalten? Das ist undenkbar. Dort passiert nicht Primary Health Care, sondern das ist eine hausärztliche Gruppenpraxis, in der zufällig noch eine Krankenschwester auf Kosten des Landes angestellt ist.

Eigentlich müsste die Ärztekammer ja begeistert sein vom Konzept der Primary Health Care: Das erfordert ja viel mehr Ärzte in der Grundversorgung.

Ja, aber da geht es um Hausärzte. Warum sollen die Ärztekammern, die sich maßgeblich aus Fachärzten rekrutieren, damit einverstanden sein? Bei einem System wie in Dänemark kommen die Leute viel, viel seltener zum Facharzt und viel seltener ins Spital. Welches Interesse sollen die niedergelassenen Kassenfachärzte haben, dass die Primärversorgung besser funktioniert? Aber ich verstehe nicht, warum die Hausärzte so viel Angst vor der Primärversorgung haben.

Sie haben Angst davor, dass sie nicht selbst diese Zentren führen werden, sondern irgendwelche Gesundheitskonzerne.

Dann sollten sie sich einmal in der Welt umschauen. Das Betreiben von Primary-Health-Care-Zentren ist kein gutes Geschäftsmodell. Deshalb gibt es auch international praktisch keine Kettenbildung. Ein Hartlauer hat kein Interesse, ein österreichisches PHC-Zentrumsnetzwerk aufzuziehen.

Die Hausärzte müssten eigentlich für PHC-Zentren demonstrieren, nicht dagegen?

Wären sie gut informiert, würden sie sehen, dass die Einkommen der Hausärzte in Österreich international gesehen am niedrigsten ist. Und überall anders gibt es eben Primary Health Care. Woher diese Angst kommt, ist faktisch nicht belegbar.

ZUR PERSON

Ernest Pichlbauer (47) hat sich nach dem Medizinstudium als Gesundheitsökonom etabliert. Seit 2008 bietet er als unab- hängiger Experte Beratungen an. [ Archiv ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2016)

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