29. September

Kerns großer Auftritt mit Rudas, Lunaceks Gereiztheit mit Kurz

Guten Morgen. Es gibt ein Leben außerhalb des Wahlkampfes. Theoretisch. Gestern fand im Haus der Industrie eine durchaus hochkarätige Digital-Konferenz namens „Darwins Circle“ statt. (Ich durfte eines der Panels moderieren.) Organisiert wurde die eintägige Veranstaltung von den Werbern Niko Pelinka, der sichtlich froh zu sein scheint, nicht mehr im Politikbereich arbeiten zu dürfen, Rudi Kobza und Eveline Steinberger-Kern. Es war also kein großer Zufall, dass sich Bundeskanzler Christian Kern für die Key Note einfand und der tosende Applaus wohl wie Balsam auf seine Seele wirkte. Endlich lächelte er endlich wieder einmal. Meine Kolleginnen Antonia Löffler und Barbara Grech waren auch vor Ort und berichteten:  Hausherr Georg Kapsch sagte die digitale Revolution bereits in seiner Begrüßung ab. Es gebe lediglich eine Evolution, die bereits 40 Jahre dauere und zuletzt an Geschwindigkeit gewonnen habe. Er wisse, das sei eine „provokative“ Aussage auf einer Digitalkonferenz, „aber es gibt einen Hype um Start-ups“. Da meinte er aber nicht die Kerns? Sicher nicht,  dafür ist der Mann viel zu höflich.

Kern nützte die Gelegenheit, die Regierungserfolge der vergangenen Monate aufzuzählen, die Forderung nach einer Maschinensteuer zu präzisieren und soziale Gerechtigkeit einzufordern. Und: „Es ist unsere Aufgabe als Elite in diesem Land, dafür zu sorgen, dass hier niemand unter die Räder kommt, sonst wird diese Revolution die Tendenz haben, ihre eigenen Kinder aufzufressen.“ Alex Karp, Gründer des Silicon-Valley-Datensammlers Palantir, der unter anderem für die CIA und die NSA arbeitet, forderte ein „Primat des Staats“. (Was für seinen Konzern logisch ist.) Seine Einstellung nannte der Chef des mit 20 Milliarden Dollar bewerteten Konzerns „eher sozialdemokratisch“. Draußen demonstrierte ein Dutzend Aktivisten gegen diese „eher sozialdemokratisch“ orientierte Elite. Von links. Dass der öffentlichkeitsscheue Karp ausgerechnet in Wien vorbeischaut, ist kein Zufall, eine seiner engsten Mitarbeiter heißt Laura Rudas. Die war auch da.

Gar nicht öffentlichkeitsscheu war Karl Theodor zu Guttenberg, der den Journalisten fast davon lief, da er fast nichts zu den bayrischen Rempeleien und deutschen Regierungsverhandlungen sagen wollte. Umso offener dafür Ex-Bild Kai Diekmann, der seinem alte Spezi Wolfgang Fellner in der Prinzessin-Inseraten-Affäre zur Hilfe geeilt war und Kern schwer attackiert hatte. Der versuche mittels Inseraten Medien zu kaufen. Der ging ihm aus dem Weg. Dafür mischte sich Krone-Chef-Intrigant Claus Pándi ein und verglich Diekmann via Twitter mit David Hasselhoff, der auch am Ende der Karriere nur noch in Österreich eine Nummer sei. Der konterte trocken und fragte, ob es sich beim Kläffer um jenen Pándi handle, der sich beim ihm erfolglos um einen Job beworben hatte. Wiens Bassena goes Germany!

Am Abend trafen sich dann Ulrike Lunacek und Sebastian Kurz wieder einmal: Lunacek lächelte genervt wie über den vorlauten Neffen. Der ärgerte sich, nicht ernst genommen zu werden. Eine inhaltliche Kooperation zwischen ÖVP und Grüne war kaum bis nicht zu erkennen. Beide schienen Freude zu haben, andere Meinungen vertreten zu können. Immerhin.

Und mein Kollege Norbert Rief hat einen lesenswerteren Kommentar geschrieben. Rief wagt die These, dass sich Österreich bei der Betrachtung der Erbschaftsteuer einiges von den USA und dem neuen Trump-Plan abschauen könne. Und Rief ist kein militanter Feind der Erbschaftssteuer.

Militante Feinde gibt es in dem Wahlkampf auch schon genug. Schönen Freitag.
Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen