Österreich und seine MINDERHEITEN

Volksgruppen. Österreich war nie ein rein „deutscher“ Staat, nationale Minderheiten spielten von Anfang an eine bedeutende Rolle – und sorgten auch für erhebliches Konfliktpotenzial.

In Kärnten kam es zu nationalen Volkstumskämpfen, im Burgenlans (Bild) nicht. Was daran liegt, dass es zur ungarischen Reichshälfte gehörte.
In Kärnten kam es zu nationalen Volkstumskämpfen, im Burgenlans (Bild) nicht. Was daran liegt, dass es zur ungarischen Reichshälfte gehörte.
In Kärnten kam es zu nationalen Volkstumskämpfen, im Burgenlans (Bild) nicht. Was daran liegt, dass es zur ungarischen Reichshälfte gehörte. – (c) Burgenland - Robert Haid

Österreich wurde 1918 als deutscher Nationalstaat gegründet. Doch das entsprach bei Weitem nicht der Realität. Als Erbe des Vielvölkerstaates der Habsburger fand sich auch in der nunmehrigen Republik Deutsch-Österreich eine Reihe von nationalen Minderheiten wieder: Slowenen, Kroaten, Tschechen, Ungarn und Roma.

Eine heute weitgehend unbekannte Minderheit lebte in der Bundeshauptstadt: Als Folge der regen Zuwanderung in die Hauptstadt der Monarchie gaben auch bei der Volkszählung im Jahr 1923 immer noch 80.000 Wiener Tschechisch als Umgangssprache an. Und es wurde auch tatsächlich noch Tschechisch gesprochen. Die Volksgruppe entwickelte ein reges Eigenleben: Zahlreiche Vereine und Genossenschaften waren aktiv, Zeitungen erschienen und neben öffentlichen boten auch private Schulen tschechischen Unterricht an. Und auch politisch spielte die tschechische Volksgruppe eine Rolle: Die „Vereinigten tschechoslowakischen Parteien“ schafften ein Nationalratsmandat.

Viel ist von der tschechischen Community in Wien nicht übrig geblieben, wobei die Verfolgung in der NS-Zeit zweifellos die Bruchlinie darstellte. So wurden die tschechischen Schulen zwar an die Vereine zurückgegeben, aber großteils nicht mehr eröffnet. Immerhin: Ein zweisprachiges Gymnasium gibt es bis heute noch. Fortschreitende Assimilierung und mangelndes Interesse am Erhalt der tschechischen Identität gingen miteinander einher. Heute weisen nur noch die Namen der Wiener auf das einstige tschechische Leben hin. Und das bis hinauf in höchste politische Kreise: Die Namen Vranitzky, Klima, Busek, Strache oder Vilimsky zeugen vom sozialen Aufstieg der einst eher aus Dienstbotenkreisen stammenden tschechischen Zuwanderer.

 

Für Österreich gestimmt

Eine andere Volksgruppe spielt dagegen bis heute eine bedeutende Rolle: die Slowenen in Kärnten. Bei Gründung der Republik war im südlichen Landesteil Slowenisch die vorherrschende Sprache. Dass Kärnten nach Grenzkämpfen und Volksabstimmung nahezu zur Gänze zu Österreich kam, ist auch der slowenischen Minderheit zu verdanken: Ein guter Teil der Slowenen stimmte bei der von den Siegermächten verordneten Volksabstimmung für Österreich, wobei wohl wirtschaftliche Gründe den Ausschlag gaben: Das kleinbäuerlich strukturierte Südkärnten war auf den Absatzmarkt Klagenfurt angewiesen.

Das Verhältnis Deutsche zu Slowenen war aber schon vor der Volksabstimmung von Volkstumskampf geprägt gewesen. Deutscher Nationalismus gegen klerikale Slowenen lautete das Match, das in der Ersten Republik fortgesetzt wurde. Aus der Zeit stammt auch die Theorie der „Windischen“, die im Kern besagt, dass eine deutsch-slowenische Mischsprache gesprochen würde, die Windischen aber den Deutschen näher wären. Sprachwissenschaftlich war das Unsinn, die politische Zuordnung hatte aber einen realen Kern: Viele Slowenischsprachige wollten keine Slowenen sein, auch weil das mit einer Stigmatisierung als Vaterlandsverräter verbunden war.

Das NS-Regime führte einen offenen Kampf gegen das Slowenische: Der zweisprachige Unterricht wurde abgeschafft, viele Slowenen politisch verfolgt und ausgesiedelt. So mancher schloss sich daraufhin dem Widerstand der Partisanen an, ein weiteres unheilvolles Kapitel in der Geschichte des nationalen Konflikts.

Zu einer entscheidenden Entwicklung in Richtung Assimilierung kam es in der Zweiten Republik: Viele slowenischsprachige Kärntner gaben tatsächlich die Sprache auf, Kinder wurden vom zweisprachigen Unterricht abgemeldet. Slowenisch zu sprechen wurde nun zum politischen Bekenntnis: Die Zwischenlösung der Windischen war nun nicht mehr nötig, man sprach nun Deutsch oder war bekennender Slowene.

Letztere waren eine Minderheit unter den früher Slowenischsprachigen – aber eine, die immer selbstbewusster auftrat. Eine neue Führungsschicht von Studierenden und Akademikern forderte jene Rechte ein, die der Staatsvertrag den Slowenen zugebilligt hatte, vor allem zweisprachige topografische Aufschriften und die slowenische Amtssprache. Bruno Kreisky wollte diese Rechte tatsächlich umsetzen – und scheiterte kolossal. Im „Ortstafelsturm“ wurden die zweisprachigen Aufschriften wieder weggeräumt, der Rechtsstaat ausgehebelt – und Kreisky resignierte und schob das Problem auf die lange Bank. Zu wenig wichtig erschien ihm wohl die Erfüllung der Minderheitenrechte, um damit einen ernsthaften Widerstand gegen seine Regierung zu riskieren.

Die Emotionalität, mit der im Kärnten der 1970er-Jahre Minderheitenpolitik gemacht wurde, ist wohl nur mit der Entwicklung davor erklärbar: Der Sprachwechsel breiter Kreise in Südkärnten führte zu Identitätsproblemen – und diese wurden den Betroffenen gerade durch die zweisprachigen Aufschriften permanent vor Augen gehalten.

Gelöst hat das Ortstafelproblem erst die Regierung Faymann – unter Einbeziehung jener Kräfte, die sich in den 1970er-Jahren noch unversöhnlich gegenübergestanden sind. Das auch nicht ganz aus freien Stücken, denn der Verfassungsgerichtshof hat in einer Reihe von Urteilen das Ortstafelgesetz aufgehoben und für etliche Kärntner Gemeinden zweisprachige Aufschriften angeordnet. Die Emotionalität in der Auseinandersetzung ist inzwischen deutlich zurückgegangen, wohl auch, weil in Kärnten inzwischen eine neue Generation am Ruder ist.

 

Unpolitische Kroaten

Ganz anders verlief die Entwicklung bei einer weiteren großen Minderheit, den Kroaten im Burgenland. Auch bei diesen handelt es sich um eine autochthone Minderheit, sie wurden im 16. Jahrhundert angesiedelt. Der ungarische Adel, der auch über Besitztümer in Kroatien verfügte, holte die Kroaten in das nach den Türkenkriegen entvölkerte Burgenland.

Zu nationalen Volkstumskämpfen wie in Kärnten kam es hier allerdings nicht, was daran liegt, dass das Burgenland zur ungarischen Reichshälfte gehörte. Hier fand die Politisierung auf kommunaler Ebene erst viel später statt. Das hatte zur Folge, dass die nationale Identität bei den Burgenlandkroaten viel schwächer ausgeprägt war als bei den Kärntner Slowenen, auf der anderen Seite war der Assimilierungsdruck aber auch viel geringer.

1945 wurde mit Lorenz Karall (ÖVP) sogar ein Kroate der erste frei gewählte Landeshauptmann des Burgenlands in der Zweiten Republik. Durch die fortschreitende Assimilierung schrumpft aber auch die kroatische Volksgruppe. Zum Teil war das auch durch eigene Vertreter gewollt: So gab es in der SPÖ zeitweise die Strömung, Deutsch als Zeichen der Modernisierung zu forcieren, um vom als rückständig empfundenen Kroatentum wegzukommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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