BRUNO KREISKY lebt – als Role Model für Rot, Blau und Türkis

Vorbild. Der vielschichtige Kanzler bietet nach wie vor eine große Projektionsfläche. Jeder kann sich nach seinen politischen Vorstellungen bedienen.

SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky am Ende seiner Regierungszeit im Jahr 1983.
SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky am Ende seiner Regierungszeit im Jahr 1983.
SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky am Ende seiner Regierungszeit im Jahr 1983. – (c) Gamma-Rapho via Getty Images

Bruno Kreisky würde heute HC Strache wählen“, sagt Heinz Christian Strache. Ein „weiblicher Kreisky“ sei seine Außenministerin Karin Kneissl“, sagt Heinz Christian Strache. „Kreisky hat das Land verändert, es war schon als Kind sehr prägend für mich mitzubekommen, was er alles macht“, sagt Heinz-Christian Strache.

Auch sein Koalitionspartner, ÖVP-Chef Sebastian Kurz, hat nicht nur seinen Parteifreund Wolfgang Schüssel zu seinem Kanzler-Vorbild erkoren, sondern auch den Sozialdemokraten Bruno Kreisky: Er schätze ihn sehr, sagte Kurz, als er Kanzler wurde, Kreisky habe das Land wesentlich mitgeprägt. Und mit Sebastian Kurz sitzt auch wieder ein Kanzler im sogenannten Kreisky-Zimmer, dessen Düsternis Wolfgang Schüssel einst veranlasst hat, es gegen einen anderen, helleren Raum zu tauschen.

Für Sozialdemokraten ist Bruno Kreisky ohnehin ein Halbgott. Einen Sozialdemokraten, der auf die Frage nach seinem Vorbild nicht mit Bruno Kreisky antwortet, muss man mit der Lupe suchen.

35 Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft ist Bruno Kreisky nach wie vor das Role Model der heimischen Innenpolitik. Alle möchten so sein wie er. Nicht nur wegen der absoluten Mehrheit, die er noch hatte, sondern wohl auch seiner Persönlichkeit wegen.

Bruno Kreisky bietet eine große Projektionsfläche. An dieser vielschichtigen Persönlichkeit kann sich jeder nach seinen politischen Vorstellungen bedienen. Von Kreisky ist das Zitat „So lang ich regiere, wird rechts regiert“ ebenso überliefert wie „Je älter ich werde, desto linker werde ich.“

Bruno Kreisky, in eine jüdisch-sudetendeutsche Industriellenfamilie hineingeboren, war in jungen Jahren ein linker Revoluzzer, später dann der Mann des rechten Parteiflügels, der ihn 1967 zum SPÖ-Vorsitzenden machte. Er konnte gut mit den Freiheitlichen. Er hatte wenig Berührungsängste mit ehemaligen Nationalsozialisten: Sechs saßen in seiner ersten Regierung, einer davon, Otto Rösch, war die gesamte 13-jährige Regierungszeit hindurch Minister, zuerst für Inneres, dann für Verteidigung.

 

Kreisky im Gefängnis

Kreisky, von den Christlich-Sozialen in der Dollfuß-Zeit ins Gefängnis gesteckt, pflegte aber auch ein durchaus enges Verhältnis zur Industriellenvereinigung. Und mit dem schwarzen Landeshauptmann von Tirol, Eduard Wallnöfer, verband ihn sogar so etwas wie Freundschaft. Sofern das in der Politik überhaupt möglich ist.

Der konservative Herausgeber und Chefredakteur der „Presse“, Otto Schulmeister, befand seinerzeit über Bruno Kreisky: „Es wäre glatt gelogen, würde man die Faszination, die von diesem Mann ausging, abstreiten. Denn er wollte mehr, als in ihm selbst und in den Ressourcen seines Landes vorhanden war. Da war er ein ,Großösterreicher', einer also, der Österreich nicht als Summe seiner Quadratkilometer verstand.“

 

Was blieb politisch von ihm?

Was von Kreisky politisch geblieben ist? Die von ihm so hochgehaltene Verstaatlichte Industrie ist jedenfalls untergegangen. Selbst ein Prestigebetrieb wie die Voestalpine wurde letztlich privatisiert. Von der Regierung Wolfgang Schüssels, der auch die von Kreisky durchgesetzte Abschaffung der Studiengebühren wieder aufgehoben hat. 2008 wurden die Studiengebühren aber wieder abgeschafft – nicht zuletzt mithilfe der FPÖ.

Die meisten gesellschaftspolitischen Reformen der Ära Kreisky wie etwa die Fristenlösung wurden nicht angetastet. Auch im Familienrecht und Strafrecht wurde dessen progressiver Weg weiter fortgeführt. Und die Schulbücher sind weiterhin gratis.

Den Kanzler allerdings hat die SPÖ mittlerweile wieder verloren. Wobei: Die Regierung führen jetzt immerhin zwei (selbst ernannte) Kreisky-Erben fort.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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