„Massives antisemitisches Potenzial“

Zehn Prozent der Österreicher sind manifest, 30 Prozent latent antisemitisch eingestellt. Bei Türkisch und Arabisch Sprechenden ist der Anteil deutlich höher.

(c) Die Presse

Wien. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), Auftraggeber der federführend vom Ifes-Institut durchgeführten Antisemitismus-Studie, hatte einige Ergebnisse zwar schon Anfang März vorweggenommen. Die offizielle Präsentation am Freitag zeigte dann aber noch deutlicher, dass die „tot geglaubte Geißel des Antisemitismus“ (Sobotka) in Österreich nach wie vor ziemlich lebendig ist.

Demnach sind zehn Prozent der Österreicher manifest, 30 Prozent latent antisemitisch eingestellt. Deutlich höher sind die Prozentsätze bei den Türkisch und Arabisch sprechenden Menschen, die hier geboren sind oder seit mehr als zehn Jahren in Österreich leben (also nicht die Flüchtlinge, die 2015/2016 ins Land gekommen sind). Sie behaupteten etwa viermal so häufig, dass sie schon nach wenigen Minuten erkennen könnten, ob es sich beim Gesprächspartner um einen Juden handelt.

Ähnlich verhielt es sich bei der Fragestellung, ob in den Berichten über Konzentrationslager und Judenverfolgung vieles übertrieben dargestellt werde. 41 Prozent der Türkisch sprechenden Befragten und 35 Prozent der Arabisch sprechenden antworteten hier mit „Trifft voll oder trifft eher zu“, aber nur zehn Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung.

Thomas Stern von Braintrust sprach bei der Studienpräsentation im Palais Epstein von einem „massiven und besorgniserregenden antisemitischen Potenzial“. Staatssekretärin Karoline Edtstadler (ÖVP) fasste es wenig später so zusammen: „Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass der importierte Antisemitismus stark zugenommen hat.“

Die Ergebnisse basieren auf einer für die österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren repräsentativen Stichprobe von 2100 Interviews, die persönlich, telefonisch und zum Teil auch online durchgeführt wurden. Hinzu kamen jeweils 300 Interviews mit Türkisch und Arabisch sprechenden Menschen. Tendenziell, so Eva Zeglovits vom Ifes-Insitut, seien die Thesen „je jünger und gebildeter, desto weniger antisemitisch“ sowie „je rechtsautoritärer eingestellt, desto stärker antisemitisch“ bestätigt worden.

 

Historisch: Deutliche Besserung

Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Die insgesamt stärkste Zustimmung gab es zu den Aussagen, dass Österreich aufgrund der Verfolgung im Zweiten Weltkrieg eine moralische Verpflichtung habe, Juden beizustehen. Und dass Juden viel zur österreichischen Kultur beigetragen hätten. Zudem zeigt sich im historischen Vergleich ein „erheblicher Rückgang bei der Unterstützung antisemitischer Stereotype“, etwa dass Juden selbst an ihrer Verfolgung schuld seien.

Thomas Stern führt das auf Bildungseffekte, die öffentliche Aufarbeitung und einen Wandel in der medialen Darstellung zurück. Gleichzeitig bedürfe es weiterer Anstrengungen, das Problem sei nicht gelöst. Insbesondere müsse man die familiäre Tradierung in den Zuwanderergruppen und deren mediale Nutzung genauer unter die Lupe nehmen, zumal der Verdacht besteht, dass ausländische Medien hier einen nicht unbeträchtlichen Einfluss nehmen.

Sobotka kündigte an, dass das Parlament einen Simon-Wiesenthal-Preis für Initiativen gegen Antisemitismus ausschreiben werde. Und dass er Gespräche mit den Bundesländern sowie mit allen Religionsgemeinschaften über geeignete Strategien führen werde. Die Studie ist übrigens unter antisemitismus2018.at abrufbar. (pri)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2019)

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