Model Kösetürk: "Wurde wegen meiner Herkunft beschimpft"

"Austria's next Topmodel" Aylin Kösetürk im DiePresse.com-Interview über ihr Engagement beim Integrations-Projekt Xchange, Vorurteile gegen Muslime und den Ausländer-Wahlkampf in Wien.

Aylin Koesetuerk Wurde wegen
Aylin Koesetuerk Wurde wegen
Aylin Koesetuerk – (c) Kosmas Pavlos

DiePresse.com: Wie nehmen Sie die derzeit laufende Integrations-Debatte in Österreich wahr?

Aylin Kösetürk: Die meisten Österreicher beschweren sich über Menschen, die sich nicht integrieren. Und das finde ich eigentlich nicht berechtigt. Man kann schließlich nicht nach Österreich kommen und sich sofort integrieren - dazu braucht man Zeit. Es ist unfair, dass viele Menschen Migranten keine Chance geben.

Bemühen sich denn die Migranten aus Ihrer Sicht in der Regel, sich zu integrieren?

Kösetürk: Ich persönlich kenne eigentlich nur Menschen, die sich wirklich bemühen: Sie gehen in die Schule, arbeiten, und integrieren sich wirklich. Aber es gibt sicher auch eine andere Seite - Menschen, die sich nicht anpassen und einfach so weiterleben, wie sie in ihrem Herkunftsland gelebt haben.

Sie sind selbst Muslimin - glauben Sie, dass es Muslimen schwerer fällt, sich in Österreich zu integrieren?

Kösetürk: Ich glaube schon ein bisschen. Es ist schwer für Muslime, wenn sie sehen, dass sich die Menschen ständig über sie beschweren. Ich habe selbst auch Vorurteile erlebt, weil ich Muslimin bin. Nach meinem Sieg bei „Austria's next Topmodel" hat es angefangen. Da hieß es: „Was bist du für eine Muslimin?" oder "Wie kannst du dich trauen, so aufzutreten?". Komischerweise kam das eher von Österreichern als von Muslimen. Die Türken waren eher stolz, dass ich es in Österreich geschafft habe.

Mit der eigenen Familie gab es da nie Probleme?

Kösetürk: Meine Familie stand immer hinter mir. Auch meine Familie in der Türkei war stolz auf mich.

War das Tragen eines Kopftuches eigentlich je ein Thema für Sie?

Kösetürk: Ich wurde ziemlich gläubig erzogen, war mit sieben Jahren in der Türkei in einem Koran-Kurs. Ich wollte aber kein Kopftuch tragen und es gab auch keinen Druck von meiner Familie. Das ist meine Entscheidung. Ich könnte auch morgen sagen, ab jetzt trage ich ein Kopftuch. Man kann nie wissen.

Ich fühle mich genauso als Türkin, wie ich mich als Österreicherin fühle

Es gibt Studien, wonach sich viele Menschen mit türkischer Herkunft auch in der zweiten Generation noch eher der Türkei zugehörig fühlt als Österreich. Wie ist das bei Ihnen?

Kösetürk: Ich fühle mich genauso als Türkin, wie ich mich als Österreicherin fühle. Ich will da auch keine Trennung machen.

Besteht, wenn Menschen mit türkischer Herkunft sich eher der Türkei zugehörig fühlen als Österreich, nicht auch die Gefahr von Parallelgesellschaften, wo man sich abschottet?

Kösetürk: Ich würde nicht sagen, dass die Gefahr besteht. Es gibt wohl manche Türken, die Österreicher seltsam bzw. vor allem kühl finden. Aber viele Österreicher finden wiederum auch Türken seltsam.

Der türkische Botschafter in Wien hat gesagt, Menschen mit türkischer Herkunft würden sich hier wie ein Virus behandelt fühlen. Können Sie das nachvollziehen?

Kösetürk: Ich muss ehrlich sagen, das ist mir ganz leicht auch aufgefallen. Zum Beispiel war ich letztens in der Straßenbahn: Plötzlich gab es eine starke Bremsung, und eine Frau mit Kopftuch ist leicht nach vorne gefallen in Richtung eines Kinderwagens. Sie hat sich aber noch rechtzeitig festhalten können. Plötzlich fingen alle an, auf die Frau mit dem Kopftuch loszugehen - was sie sich erlaubt, usw. Wäre die Frau eine Österreicherin gewesen, hätten sicher alle nur gelächelt und gesagt: „Macht nichts".

Haben Sie persönlich auch derartige Erfahrungen gemacht?

Kösetürk: Vor dem Sieg bei „Austria's next Topmodel" nie. Danach wurde ich aber kritisiert und diskriminiert wegen meiner Herkunft, und sogar beschimpft. Menschen haben im Internet auf meinem Fan-Profil gepostet: „Wie kannst du dich so zeigen, du kriegst sicher a Watschn von deinem Vater und wirst in die Türkei geschickt". Ich habe dann gedacht: „Ihr kennt mich alle nicht, woher wollt ihr wissen, wie ich aufgewachsen bin oder wie meine Familie ist? Es sind nicht alle Türken gleich."

Sie engagieren sich beim Integrations-Projekt Xchange. Was hat Sie dazu bewogen, und was waren die bisherigen Erfahrungen?

Kösetürk: Integration ist einfach ein wichtiges Thema, vor allem derzeit in Wien. Ich wollte da einen Beitrag leisten. Ich war bisher in einem Jugendzentrum im fünften Bezirk, wo vor allem Jugendliche aus Serbien und Kroatien waren. Wir haben einfach geredet, über ihr Leben und über meines. Die Jugendlichen haben sich ziemlich gefreut, dass ich gekommen bin.

Sehen Sie sich auch als Vorbild für Jugendliche?

Kösetürk: Ich sehe mich in dem Sinn als Vorbild, dass ich wirklich versuche, mich zu integrieren, dass ich den österreichischen Lebensstil lebe, und es teilweise auch geschafft habe, hier etwas zu erreichen.

Wie haben Sie den Wiener Wahlkampf erlebt, in dem das „Ausländerthema" ja dominiert hat?

Kösetürk: Der Wahlkampf hat mich schon ziemlich geärgert. Die "Wiener Blut"-Plakate zum Beispiel waren abwertend. Ich verstehe einfach nicht, warum nicht auch andere Menschen hier leben dürfen. Dass die FPÖ so stark abgeschnitten hat, bleibt mir ein Rätsel.


Wie läuft es seit „Austria's next Topmodel" mit Ihrer Model-Karriere?

Kösetürk: Ziemlich gut. Ich war seither auf vielen Modeschauen und hatte auch einige Shootings. Einiges konnte ich wegen der Schule nicht annehmen, denn ich habe nach dem Sieg wieder mit dem Gymnasium angefangen. Die Schule geht für mich momentan vor. Nach der Matura will ich dann für mindestens ein Jahr ins Ausland gehen.
 

Zur Person

Aylin Kösetürk wurde als Kind türkischstämmiger Eltern in Wien geboren. Im Februar 2010 gewann sie die zweite Staffel der Castingshow „Austria's next Topmodel“ auf Puls4. Dafür bekam sie unter anderem einen Modelvertrag bei „Wiener Models“. Die 17-Jährige besucht ein Gymnasium im 20. Wiener Gemeindebezirk.

 

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