Querdenker mit Bodenhaftung

31.12.2010 | 11:39 |  von THOMAS PRIOR (Die Presse)

Der Aufstieg von Lukas Mandl zum Generalsekretär des ÖAAB mit knapp 31 hatte viel mit Michael Spindelegger zu tun. Aber auch mit dem Umstand, dass er ein untypisches Exemplar seiner Politikergeneration ist.

Sein Name tauchte erstmals im Herbst 2004 in der Öffentlichkeit auf, als die Junge ÖVP bei ihrem Bundestag in Linz daran ging, sich selbst in die Luft zu sprengen. Der Führungsstil von Obfrau Silvia Fuhrmann hatte eine Schar Kritiker auf den Plan gerufen, die schließlich einen Niederösterreicher namens Lukas Mandl als Gegenkandidaten aufstellte. Sein Programm war 18 Seiten stark und vielleicht ein wenig zu querdenkerisch: Fuhrmann blieb mit fast 65 Prozent der Stimmen im Amt.

Rückblickend wird Mandl diese Niederlage eines Tages als Knackpunkt beschreiben. Solle er sich politisch weiter engagieren oder nicht, habe er sich damals gefragt. Er entschied sich für Ersteres. Es sollte sich auszahlen: Im Mai 2010 stieg er zum Generalsekretär des ÖVP-Arbeitnehmerbundes ÖAAB auf. Zwei Monate später wurde er 31.

Lukas Mandl ist zäh, gescheit und untypisch für seine Politikergeneration: Er hat gewisse Grundwerte, an die er sich zu halten pflegt. Die Karriere kommt erst an zweiter Stelle. Michael Spindelegger, damals weder Außenminister noch ÖAAB-Obmann, war vor Jahren auf seinen Landsmann aufmerksam geworden. Das hat Mandls Werdegang nicht eben geschadet. Andererseits geht es auch ohne Spindelegger: Für die Landtagswahl 2008 organisierte Mandl einen Vorzugsstimmen-Wahlkampf, der ihn von einem wenig aussichtsreichen Listenplatz in den niederösterreichischen Landtag katapultierte. Kaum jemand hatte ihm das zugetraut.

Großfamilie. Lukas Mandl wurde in Gerasdorf geboren, als viertes von fünf Kindern. Der Vater arbeitete vor der Pension in der Stahlindustrie, die Mutter ist Schiedsrichterin im Reitsport. Der Filius blieb der Heimat treu und hat längst seine eigene Familie – eine ziemlich große für sein Alter: Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Sohn.

Mandl studierte Publizistik und Wirtschaftspsychologie, heute ist er nebenbei auch Lektor an der Wirtschaftsuni Wien. Titel seiner Vorlesung: „Gesellschaftlicher Kontext wirtschaftlichen Handelns“. Sein politischer Kontext weicht mitunter vom Mainstream in der Volkspartei ab: Der Vorschlag, die Listenwahl auf allen Ebenen durch eine Persönlichkeitswahl zu ersetzen, wurde bislang größtenteils ignoriert. Und für das Bildungspapier des ÖAAB hatten viele Parteifreunde nur Häme übrig.

Trotzdem genießt Mandl hohes Ansehen in der ÖVP. Schwarze Propheten sehen seinen Karrierezenit noch lange nicht erreicht. Er sei sozial geschickt und blicke über den Tellerrand hinaus, sagt ein älterer Parteifreund über ihn. Auf Feuerwehrfesten finde er sich genauso zurecht wie in philosophischen Debatten über Staat und Demokratie.

Auch sein politischer Horizont endet nicht in der Lichtenfelsgasse, wo die ÖVP ihr Hauptquartier hat. Regelmäßig tauscht sich Mandl mit der deutschen FDP aus, weil er deren (rechtsliberale) Programmatik weitgehend für „sehr attraktiv“ hält. Nur mit dem antiklerikalen Ansatz der FDP kann er nichts anfangen: „Ich bin ein Bürgerlich-Liberaler mit Zug zum hohen C“, sagt er. Das „hohe C“ steht für christlich. Kaum ein Sonntag vergeht, an dem Mandl nicht den Gottesdienst in Gerasdorf besucht.

Wobei Religion bei ihm auch etwas Erdiges hat, nämlich: Rapid Wien. Gemeinsam mit Karl Schlögl, ehemals SPÖ-Innenminister und heute Bürgermeister von Purkersdorf, gründete Mandl im November den Fanclub „Niederösterreicher für Rapid“. Er schätze den Kampfgeist von Rapid, sagt Mandl. Es muss ja nicht immer Kant sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.01.2011)

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