Terror in Norwegen: Attentäter spricht von Komplizen

Anders Behring Breivik behauptete vor dem Haftrichter, dass noch „zwei Zellen seiner Organisation“ aktiv seien. Mit seinen Taten habe er das Land vor „muslimischer Kolonialisierung“ retten wollen.

(c) REUTERS (� Cathal McNaughton / Reuters)

Vergebens waren hunderte Journalisten gekommen, die seit dem frühen Morgen das Gerichtsgebäude in Oslo belagerten. Anders Behring Breivik, der am Freitag eines der schlimmsten Massaker durch einen Einzeltäter seit dem Zweiten Weltkrieg angerichtet hatte, hatte verlangt, dass sein Termin beim Haftrichter öffentlich sein solle. Der tat ihm nicht den Gefallen. 76 Menschen waren bei den Attentaten gestorben: acht beim Bombenanschlag in Oslo und 68 bei der Schießerei auf Utøya, einer Insel nahe Oslo, gab die Polizei am Montag bekannt und korrigierte damit die frühere Opferangabe von 93 nach unten. Die ursprüngliche Zahl sei wegen „der schwierigen Situation bei der Informationsbeschaffung vor Ort“ zustande gekommen.

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Keine Chance für den „Pfau“

Seinen Verteidiger bat Breivik, ihm eine Uniform zu besorgen, um vor dem Haftrichter passend gekleidet zu sein: Herausgeputzt wie ein ordenbehangener Pfau im Kleid der angeblichen „europäischen antimuslimischen Liga“, wie er sich im Internet präsentierte. Doch die Justiz bot ihm keine Propagandaplattform. Doppelt verschlossene Türen forderte die Polizei: Nicht nur für den Termin, bei dem über die U-Haft entschieden wurde, sondern auch für die Vorverhandlung. In der Anhörung behauptete Beivik, nicht allein gehandelt sondern Komplizen gehandelt zu haben, sagte später Haftrichter Kim Heger. Breivik habe erklärt, dass es „zwei weitere Zellen in unserer Organisation“ gebe.

Der Richter hatte dem Antrag stattgegeben, die Öffentlichkeit von der Anhörung auszuschließen. Über Breivik wurde gestern eine achtwöchige Untersuchungshaft verhängt. Kein Wartender bekam Breivik, der durch einen Hintereingang ins Gericht und retour geschmuggelt wurde, zu Gesicht. Die Medienvertreter, die sonst über Offenheit wachen, protestierten kaum. Auch sie stehen vor dem Dilemma: Wie viel Raum soll man den Ideen eines Verbrechers geben, der glaubt, dass das Töten von Kindern Teil eines politischen Kampfes ist, und sich zum Herrn über Leben und Tod aufspielt? Doch darf man auch verschweigen, was diesen zu seiner Wahnsinnstat getrieben hat?

Breivik wird noch genug Möglichkeiten bekommen, sich zu erklären. Im Prozess sei nicht ein Freispruch das Wichtigste, schrieb er in seinem Manifest, sondern das Forum, das das Verfahren ihm bietet, ihm, dem selbst ernannten Kreuzfahrer, dem „Retter des Christentums“, dem Krieger gegen „Kulturmarxismus“ und „Multikulturalismus“.

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„Heut mögen sie noch lachen ...“

Er habe sich „nicht schuldig“ bekannt, erklärte Richter Heger anschließend, da seine Tat „nötig“ gewesen sei, um Norwegen vor „muslimischen Kolonialisierung“ zu retten. Ziel sei nicht gewesen, viele Menschen zu töten, sondern der linken Arbeiterpartei „größtmöglichen Schaden“ zuzuführen. Für ihren „Verrat an Land und Volk“ habe sie zahlen müssen. Vor Gericht werde er verlangen, dass „das Regime kapituliert“ und einem „Rat der Tempelritter“ mit ihm an der Spitze die Macht übergebe, meinte er. „Richter und Zuhörer werden versuchen, mich lächerlich zu machen. Das müssen wir ignorieren und standhaft bleiben. Sie mögen lachen, aber in ihrem Hinterkopf werden sich Furcht, Respekt und Bewunderung für die Alternative, die wir repräsentieren, ausbreiten.“

Er habe mehrere Bomben zünden wollen, doch sei er aufgehalten worden. Er habe auch früher nach Utøya fahren wollen, wo Freitag die legendäre Ex-Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland zur sozialdemokratischen Jugend sprach – jene Brundtland, die in Norwegen „Landesmutter“ heißt, in Breiviks Pamphleten „Landesmörderin“. Sie sieht er als Hauptschuldige für den Multikultikurs an, sie habe er töten wollen. Zwei Stunden vor seinem Eintreffen hatte sie Utøya verlassen.

Steroide und laute Musik

Breivik wuchs in einer bürgerlichen Familie auf, ohne Vater, denn bei der Scheidung der Eltern war er ein Jahr alt. Seit Mitte der Neunziger habe er mit seinem Sohn nicht mehr gesprochen, sagt der in Frankreich lebende Ex-Diplomat Jens D. Breivik. In seiner Jugend war Anders keiner, der enge Freundschaften knüpfte, aber auch kein Außenseiter, der gemobbt wurde. Er galt als zielstrebig, doch politisch uninteressiert.

Er war in der „Taggerszene“ aktiv, die Graffiti auf öffentlichen Plätzen hinterlässt. Er machte Bodybuilding, bekam Einblick in Gebrauch von Anabolika. Das nützte er später, baute seinen Körper auf, um auf „Facebook“ attraktiv auszusehen. Er wusste, dass die Fotos um die Welt gehen würden. „Geh ins Solarium, um frischer auszusehen, trainiere hart sieben Tage im Voraus, geh zum Friseur, lass dir dezentes Make-up anlegen“, lautet die narzisstische Selbstanweisung für den künftigen Attentäter. Dann putschte er sich mit Steroiden und lauter Musik auf, ehe er schoss.

Höchstens 21 Jahre Haft

Norwegens Geheimdienst PST war im März kurzfristig auf Breivik aufmerksam geworden: Er habe bei einem polnischen Händler für Chemikalien Geld eingezahlt und sei daher auf gewissen Listen aufgetaucht. Das sei aber nicht genug für Überwachung gewesen.

Zudem hat in Norwegen eine Debatte über die Höchststrafe begonnen: „Lebenslang“ gibt es dort nämlich nicht, sondern maximal 21 Jahre Haft – was vielen als zu wenig für Breivik scheint. Allerdings könnte er theoretisch lebenslang in einer psychiatrischen Klinik verwahrt werden, sofern ihm die Entlassung bei den regelmäßigen Prüfungen verwehrt wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26. Juli 2011)

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