Fischer und Co. suchen in Katar nach Aufträgen

Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer besuchte mit einer Delegation die vierte UN-Konferenz zur "Allianz der Zivilisationen" in Katar. Es geht um Milliardenaufträge, die in dem Emirat am Golf winken.

(c) APA/HBF/DRAGAN TATIC (HBF/DRAGAN TATIC)

Doha. Hi-Tech Rolltreppen, ein riesiger, dekorativer Pool, LED-Lichteffekte irgendwo zwischen Pink und Lila – die vierte „UN Alliance of Civilizations“-Konferenz in Doha findet im gigantischen Qatar National Convention Center statt. Das Konferenzzentrum ist so überdimensioniert, dass die VIP-Konferenzteilnehmer mit Elektro-Golf-Caddies durch die langen Korridore gefahren werden. Das Dach des Konferenzzentrums scheint von gigantischen Stahl-ästen getragen zu werden – die Optik passt gut zum Thema der Konferenz: Alle Erdenbürger, egal welcher Religion, Kultur oder Ethnie, haben denselben Stammbaum.

Und so sucht man in diesem Talk-Shop nach Gemeinsamkeiten: In Saal 218 wird darüber diskutiert, welchen Beitrag Tourismus zum gegenseitigen kulturellen Verständnis leisten kann, in Saal 215 ist sich ein mehrheitlich aus Frauen bestehendes Panel einig, dass die Kreativindustrie einen Beitrag zur Bildung und Entwicklung eines Landes erbringen kann.

Und während außerhalb dieses Konferenzzentrums Migration meist als „Problem“ definiert wird, ist man sich drinnen einig darüber, dass die 214 Millionen Migranten weltweit nicht nur Wertvolles für die Gastgeberländer beisteuern, sondern dass ohne die Geldüberweisungen der Gastarbeiter nach Sri Lanka, Bangladesch oder in die Philippinen diesen Ländern eine Menge Kapital fehlen würde. Und im Raum 236? „Die Rolle von Sport für den interkulturellen Dialog.“ Wer jemals bei einem Derby Austria Wien gegen Rapid war, mag zwar daran zweifeln, aber Katar richtet im Jahr 2022 die Fußball-WM aus, ein guter Grund für Zweckoptimismus in dieser Sache.

 

Fußball-Diplomatie

Wäre die aus Österreich angereiste Delegation ein Fußball-Team, würde wohl Rapid Wien gewinnen: Bundespräsident Heinz Fischer, Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) und Fritz Edlinger, Obmann der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen und Bruder von Rapid-Präsident Rudolf Edlinger – sie alle sind eingeschworene Rapid-Fans. Wolfgang Waldner, Staatssekretär im Außenamt, gibt sich angesichts der Übermacht diplomatisch, patriotisch und kosmopolitisch: Er deklariert sich gegenüber der „Presse“ als Fan der Nationalmannschaft und „hält die Daumen für den FC Barcelona“ – Hauptsponsor des spanischen Klubs ist übrigens Katar.

Die Fußball-Affinität wird bei den bilateralen Gesprächen von Nutzen sein: Denn es geht um Milliardenaufträge, die in dem Emirat, das direkt über einer gigantischen Erdgasblase sitzt, winken. Diverse Großprojekte sind in Planung, um das Land fit für die Fußball-WM 2022 zu machen: fünf neue riesige Stadien, eine 40 Kilometer lange Brücke vom Inselkönigreich Bahrain nach Katar, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke auf ebendieser Brücke. Eine weitere Verbindung soll nach Saudiarabien führen; insgesamt sollen 24 Milliarden Dollar in Eisenbahn-, Straßenbahn- und Stadtbahnprojekte gesteckt werden.

 

Im Wachstumsrausch

Katars Wirtschaft ist im Steroidrausch: Das Wachstum liegt mit 16,3 Prozent im stellaren Bereich, das Bruttosozialprodukt beträgt 179.000 Dollar pro Person (zum Vergleich: Österreichs 40.400 Dollar/Kopf bedeuten weltweit Platz 19). Mit seinen 848.016 Staatsbürgern liegt das Land auf Platz 58 im Ranking der größten Volkswirtschaften der Welt. „Katar ist ein zunehmend wichtiger Partner im Nahen Osten und unsere Reise ist eine Gelegenheit, den Dialog zu verstärken und unsere Wirtschaftsbeziehungen auszubauen“, sagt Staatssekretär Wolfgang Waldner. Bundespräsident Heinz Fischer eröffnet eine österreichische Botschaft, das soll nicht zuletzt bei der Geschäftsanbahnung behilflich sein.

Noch vor der Botschaftseröffnung am heutigen Montag hielt Fischer eine Rede vor dem Forum der UN-Allianz der Zivilisationen. Neben Fischer und dem Emir von Katar, Hamad bin Chalifa Al Thani, stehen auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und der deutsche Bundespräsident Christian Wulff auf der Bühne des Konferenzzentrums. Österreich wird 2013 Gastgeber dieser Megakonferenz sein. Dann will man in Wien die Strategie der UN-Allianz für die nächsten Jahre festlegen und über „Migration, Demokratie, religiösen Pluralismus und Pressefreiheit“ reden.

Auf einen Blick

Das Emirat Katar hat seinen Reichtum dem Erdgas zu verdanken. Das Wirtschaftswachstum belief sich zuletzt auf rund 16 Prozent, das Bruttosozialprodukt pro Kopf beträgt 179.000 Dollar – mehr als das Vierfache des österreichischen Werts. Katar hat somit genug Geld, um die Fußball-WM 2022 vorzubereiten. Geplant sind neben dem Bau von fünf Stadien Investitionen in Verkehrsinfrastruktur, zu den Prioritäten zählt unter anderem eine 40 Kilometer lange Brücke zum Inselkönigreich Bahrain sowie eine Hochgeschwindigkeitsbahn nach Saudiarabien. Dafür sind insgesamt 24 Mrd. Dollar budgetiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2011)

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