Rehabilitierung des Demokraten der ersten Stunde

GESCHICHTE AKTUELL. In den „Wiener Vorlesungen“ rollen Juristen und Historiker einen Fall der frühen Phase der österreichischen Demokratiebewegung auf: Der Kampf gegen den Absolutismus vor 215 Jahren. VON HUBERT CHRISTIAN EHALT

Franz Hebenstreit ist vergessen, sein Schädel ist im Kriminalmuseum ausgestellt. Kaiser Franz I./II., Metternich und Radetzky haben ihren unumstößlichen Platz in der österreichischen Erinnerungskultur. Autoritarismus und Autoritätshörigkeit haben hierorts immer noch einen guten Ruf, Rückgrat und Widerstandsgeist gelten hingegen als suspekt. Eine Korrektur dieses Umgangs mit Geschichte ist dringend notwendig. Bei Franz Hebenstreit ist zu beginnen. Das ist mein Ausgangspunkt.

Franz Hebenstreit von Streitenfeld zählt zu den bedeutenden Wiener Aufklärern. Geboren am 26. November 1747 in Prag, studierte er zuerst in Prag Philosophie- und Rechtswissenschaften, später in Wien Philosophie und Medizin. Nach einem abenteuerlichen Leben im Militärdienst, nach Desertion und versuchter Flucht nach Amerika – die neue freie Welt lockte ihn –, nach Kriegsdienst in Preußen kehrte er zur österreichischen Armee zurück. Im Jahr 1791 war Hebenstreit Platzoberleutnant in Wien. Hier machte er die Bekanntschaft des Reformers und politischen Schriftstellers Andreas Riedel und lernte eine Reihe von Persönlichkeiten kennen – Stanislaus Leopold Hohenwart, Cajetan Gilwosky von Urazowa, Georg Ruzsitska, Lukas Frick, Martin Prandstätter, Wasgottwill Billek, u.a. –, die über eine neue Gesellschaft in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit diskutierten. Hebenstreit wurde bald zu einer charismatischen Kristallisationsfigur der Gruppe. Billek nannte ihn einen hitzigen Kopf und großen Lärmer; Riedel sah in ihm einen Mann von der Bedeutung der großen griechischen Philosophen.


Große Kluft zwischen Arm und Reich

Von Franz Hebenstreit stammt das in lateinischen Hexametern verfasste Lehrgedicht „Homo hominibus“ (Mensch unter Menschen), in dem er die große Kluft zwischen Arm und Reich anprangert.

Nach dem Tod Josephs II. und Leopolds II. war in der Habsburger Monarchie die Zeit für in die Zukunft denkende Herrscher vorbei. Wesentliche Aktivitäten gingen seither in eine Politik, die auf Zensur, Unterdrückung und die Zurückdrängung demokratischer Bestrebungen setzte. Die Reaktion wurde mächtiger, Repression und Zensur immer schlimmer. Hebenstreit schrieb gemeinsam mit dem Deutschmeister Hauptmann de Beck das sogenannte „Eipeldauerlied“ und entwickelte das Modell eines Streitwagens, der die französischen Revolutionstruppen unterstützen sollte. Auf Hebenstreit wurde ein Agent provocateur angesetzt, der den ohnedies zu unbedachtsamer Rede Neigenden unter Alkoholeinfluss zu starken revolutionären Worten verführte. Hebenstreit wurde 1794 verhaftet, von einem Militärgericht wegen Majestätsbeleidigung und Waffenhilfe an Polen und Frankreich zum Tod verurteilt und am 8. Jänner 1795 hingerichtet. Nach dem Bericht des Mainzer Gesandten in Wien, des Freiherrn von Aaland, ist Hebenstreit standhaft in den Tod gegangen.

Ernüchtert muss man heute folgenden Befund über Fakten und Diskurse der österreichischen Geschichte zur Kenntnis nehmen: Die Sehnsucht nach Öffnung und Autonomie, die demokratieersehnende Glut der Akteure wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts gewaltsam eingedämmt. Biedermeier, Restauration und Neoabsolutismus prägten und kennzeichneten das lange Dahinsiechen der Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert.

Aktueller Mangel an Demokratie hat in Österreich wohl auch wesentlich damit zu tun, dass die Wurzeln und die Vorkämpfer der Demokratie, zu denen Franz Hebenstreit gehört, hierorts kaum bekannt sind. Sie finden sich nicht im Bildungskanon; sie sind nicht Teil dessen, was in der Schule gelehrt und gelernt wird, ihr Andenken wird nicht gepflegt. Nicht die Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte Martin Siebenbürger, Franz Hebenstreit, Andreas Riedel, Martin Prandstätter, Cäsar Wenzel Messenhauser, Robert Blum, u.a., sind im kollektiven und kanonisierten Gedächtnis Österreichs verankert, sondern deren Bekämpfer und Zerstörer: Klemens Wenzel Lothar Metternich, Josef Wenzel Radetzky, Kaiser Franz I./II. u.a.

Die 60er-, 70er- und 80er-Jahre des 18. Jahrhunderts waren auch in Österreich eine Zeit der Aufklärung und Öffnung. Joseph II. wusste, dass die Geschichte jene bestraft, die zu spät kommen. Er setzte auf Aufklärung, Öffentlichkeit und Modernisierung der Verwaltung. Die „Wiener Kreise“ des späten 18. Jahrhunderts – eine Epoche, die man durchaus als „erste Wiener Moderne“ bezeichnen kann – kristallisierten um Persönlichkeiten wie Joseph von Sonnenfels, Gerard und Gottfried van Swieten, Ignaz von Born, Wolfgang A. Mozart, Lorenzo Da Ponte, Emanuel Schikaneder u.v.a.

Die Freiheitsdenker und Freiheitskämpfer, unter ihnen Franz Hebenstreit von Streitenfeld, den Andreas Riedel, als „...ein Genie, welches Jahrhunderte nicht wieder zeugen ...“ charakterisierte, wurden aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Die Literaten, Philosophen und visionären Demokraten, die sich mit Zivilcourage für eine neue Gesellschaft einsetzten, wurden denunziert, diffamiert, diskriminiert, ermordet, in die Emigration getrieben.

Franz Hebenstreit findet sich nicht im Pantheon der Pioniere neuer Ideen und auch nicht auf der Ehrentafel der Vorkämpfer der Demokratie; sein Schädel ist im Wiener Kriminalmuseum in der Leopoldstadt, das sich als Drehort für jeden Low-Budget-Horrorfilm eignen würde, dem Voyeurismus preisgegeben. Die Akten der Jakobiner Prozesse waren sozusagen „im Giftschrank“ der Habsburger unter Verschluss. Die Demokratiebewegung von Hebenstreit, Riedel, Prandstätter, Blumauer wurde tot geschwiegen. Historiker hatten sich als loyale Staatsbeamte mit der Glorifizierung der Monarchie und ihrer Akteure zu beschäftigen.


Fragwürdige Geschichtserinnerung

Das historische Interesse wurde von Geistes-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte abgelenkt und auf die Taten der kaiserlichen Familie gelenkt. Der gleichermaßen kreative und unbeugsame Aufklärer Mozart wurde zum „lieben Wolferl“ verniedlicht, die Freiheitsbewegung in der „ersten Wiener Moderne“ erhielt den Namen nach dem Monarchen „Josephinismus“; die nach Hebenstreit benannte Verkehrsfläche verlor 1937 ihren Namen. Josef Wenzel Radetzky, der an der Niederschlagung der Revolution von 1948 wesentlich beteiligt war, erhielt seinen Marsch, der jährlich vor den Augen und Ohren der Welt aufgeführt wird.

Die Geschichte nach diesem österreichischen Zuschnitt hat etwas besonders Heimtückisches: Zuerst wurden die Demokraten und Widerstandskämpfer beseitigt – physisch, sie wurden ermordet und vertrieben. In der Folge verhinderten Geschichtsforschung und Geschichtsunterricht deren Erforschung, Wahrnehmung und Darstellung in einer größeren Öffentlichkeit, ihre Verankerung im Kanon, im kollektiven Gedächtnis. Zuletzt wurde und wird die Zerstörung von Demokratie und demokratischem Potenzial in einen Mangel an Widerstandsgeist und Widerstandsfähigkeit umdefiniert und somit gleichsam zu einem anthropologischen Merkmal „des Österreichischen“ erklärt – zur sogenannten „österreichischen Seele“: Die Österreicher denken sich ihren Teil - und sie lassen die anderen reden und handeln.


Fünf Forderungen

Zu fordern ist:
Die vollständige Rehabilitierung des Dichters und Freiheitskämpfers Franz Hebenstreit.
Die Vermittlung der vorliegenden Forschungen, die deutlich zeigen, dass das Todesurteil gegen Hebenstreit ein Akt der Politjustiz war.
Die Korrektur der Geschichtslehrbücher.
Die ehrenvolle Beisetzung des Schädels Franz Hebenstreits.
Die Aufnahme Franz Hebenstreits in den Kanon der Geschichtsforschung und seine Nennung auf der internationalen Ehrentafel der Vorkämpfer für Demokratie und Gerechtigkeit.

Der Historiker Gerhard Botz warnt, Hebenstreit als Revolutionär zu minimieren, damit würde man aufs Neue das historische Vergessen über seine Person verhängen. Und Botz weiter: „Als revolutionärer Demokrat, der im Kontext eines monarchischen Staates begonnen hatte, die aufklärerischen Errungenschaften zurückzuschrauben, ist er zu rehabilitieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2010)

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