Die Welt bis gestern: „Blutrünstige Priesterschaft“

Schon 24 Stunden nach der Protestdemonstration übte die Hitlerjugend bittere Rache.

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(c) AP (August Sander)

Nach Einbruch der Dunkelheit, der Dom war schon geschlossen, stürmte am 8. Oktober 1938 eine Meute das nebenan gelegene Palais des Erzbischofs. Im ersten Stock wurde zerschlagen, was nicht niet- und nagelfest war: Tische, Sessel, Bilder. Kleider, Birette, Tischdecken warf man auf die Straße, um sie anzuzünden. 1245 zerschlagene Fensterscheiben wurden später gezählt.

Der Kardinal war mit seinem Zeremoniär Franz Jachym und Sekretär Jakob Weinbacher im Arbeitszimmer. Als der Lärm immer näher kam, versteckten die beiden ihren Chef im Matrikelarchiv und verschlossen die Eisentür. Die geistlichen Schwestern wurden auf den Dachboden gebracht. Dann waren die Rowdys schon da. Jachym wurde im Handgemenge verletzt, Weinbacher zerrten sie zum Fenster: „Den Hund schmeiß' ma auße!“ In Todesangst wehrte sich der Priester. Erfolgreich.

 

Fenstersturz im Churhaus

Die Polizei ließ auf sich warten. 40 Minuten lang: Gegenüber im Kaffeehaus saß Polizeipräsident Otto Steinhäusl und gab erst nach Ablauf der festgesetzten Zeit den Einsatzbefehl. Inzwischen war die rasende Menge hinüber zum Churhaus gelaufen. Der Domkurat Johannes Krawarik war der Erste, den die Attentäter in ihre Gewalt bekamen. Sie warfen ihn aus dem Fenster im ersten Stock. Glück im Unglück: Ein Bauschutthaufen milderte die Wucht, dennoch brach sich Krawarik beide Beine und musste bis zum Lebensende Medikamente nehmen.

In aller Früh des nächsten Tages beseitigten Gemeindearbeiter die Spuren der Schande. Das kirchliche Personal wurde zur Unterschrift gezwungen, über die Schandtaten zu schweigen. Am Nachmittag beschwerte sich Kardinal Innitzer bitter beim Päpstlichen Nuntius. Doch dessen Protestnote nach Berlin wurde von Adolf Hitler gar nicht beantwortet.

 

Bürckel lässt die Maske fallen

Der Student Ferdinand Habel meinte auf dem Stephansplatz angesichts der Verwüstungen: „So eine Gemeinheit!“ Er wurde verhaftet, ins KZ Dachau verschleppt, im KZ Mauthausen starb er 1940 an Hungertyphus.

Doch es blieb eine Gemeinheit. Die sich steigern sollte. Für den 13. Oktober trommelte Gauleiter Bürckel 200.000 Nazis zur Kundgebung auf dem Heldenplatz zusammen. Was aus den Lautsprechern erschallte, war eine üble antiklerikale und antisemitische Hetzrede des Reichsstatthalters. Er sprach von „verlogenen Volksverrätern“, von einer „herrschsüchtigen, machtlüsternen und blutrünstigen Priesterschaft“. Und „der Herr Innitzer“ wurde als der „verworrendste und heimtückischste aller politisierenden Kleriker“ hingestellt“. Es hat nicht viel gefehlt, und die Menge hätte danach noch einmal das Innitzer-Palais in blinder Wut gestürmt.

 

Innitzer resigniert

Die Kirche in Österreich wusste nun, was sie erwartete. Innitzer nahm mutig den Hirtenstab auf und wehrte sich gegen die ständige Drangsalierung. 1941 schrieb er – nach weiteren HJ-Attacken – prophetisch an Reichsstatthalter Baldur v. Schirach: „Ich kann in den gemachten Erfahrungen nur sehr ernste Symptome für die Zukunft des deutschen Volkes erblicken. Eine Jugend, der nichts mehr heilig, die keine Ehrfurcht kennt, ist nicht wert und auch nicht fähig, die Geschicke des deutschen Volkes bestimmend zu gestalten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)

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